Wenn du dein Leben im ganzen vor dir hättest, wenn du sähest, was dir alles bevorsteht, welche Entmutigung müßte dich ergreifen! Aber wenn du ruhig wartetest, bis es kommt, und bei jedem einzelnen, wenn es da ist, dich fragtest, was denn dabei eigentlich nicht zu ertragen sei — du müßtest dich deiner Verzagtheit schämen. Kümmern sollten wir uns immer nur um das Gegenwärtige, da uns nur dieses, nicht Zukünftiges und nicht Vergangenes, wirklich lästig fallen kann. Und unfehlbar wird diese Last gemindert, wenn wir das Gegenwärtige rein so nehmen, wie es ist, ihm nichts Fremdes hinzudichten und uns selber widerlegen, wenn wir meinen, auch dies nicht einmal ertragen zu können.
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Sitzen etwa auch jetzt noch Panthea und Pergamus am Sarge des Verus? Oder Chaurias und Diotimus an Hadrians Grab? Das wäre lächerlich. Würden es aber jene fühlen, wenn sie daneben säßen und, wenn sie es fühlten, würden sie sich freuen, und wenn sie sich freuten, würden diese dadurch unsterblich sein? War es nicht auch ihre Bestimmung zuerst, alte Frauen und Männer zu werden und dann zu sterben? Und können denn die Klagenden dem Tod entrinnen? Der ganze Körper ist ein Schlauch voll Unrat und Moder.
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Ist dir Scharfsinn eigen, verwende ihn zu klugem Urteil.
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Unter den Anlagen vernunftbegabter Wesen finde ich keine, die der
Gerechtigkeit gegenübersteht, wohl aber eine, die der Wollust das
Gleichgewicht hält: die Enthaltsamkeit.
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Könntest du deine Ansicht über das, was dich zu schmerzen scheint, ändern, so würdest du vollständig in Sicherheit sein. Wer ist das du, frage ich: die Vernunft. Aber ich bin nicht die Vernunft, entgegnest du. Mag sein, wenn sich die Vernunft nur eben nicht betrübt. Alles übrige, wenn es sich schlecht befindet, mag denken und fühlen, was es will.
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