25
Gehe auf das Wesen der ursächlichen Kraft jedes Gegenstandes ein und sieh bei deiner Betrachtung von seinem Stoff ab und bestimme zum Schluß die längste Spanne Zeit, die er in seiner ihm eigentümlichen Art dauert.
26
Du hast unendlich gelitten lediglich deshalb, weil deine Seele sich nicht begnügte zu tun, wozu sie gemacht ist.
27
Wenn jemand dich tadelt oder haßt oder Schlechtes von dir redet, so gehe heran an seine Seele, dringe ein, und sieh, was er eigentlich für ein Mensch sei. Du wirst finden, daß du dich nicht zu beunruhigen brauchst, was er auch von dir denken mag. Du mußt ihm jedenfalls wohlgesinnt bleiben, da er von Natur dein Freund ist, und da ihm sicherlich auch die Götter helfen, wie dir, in all den Dingen, um die sie Sorge tragen.
28
Alles in der Welt dreht sich im Kreise, von oben nach unten, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und doch auch in jedes Einzelwesen dringt die Seele des Alls. Ist dies, so nimm, was sie hervortreibt, mag sie nun einmal nur sich schöpferisch bewiesen haben, so daß nun eins aus dem andern mit Notwendigkeit folgt und alles eigentlich nur eines ist, oder mag alles atomengleich entstehen und bestehen. Gleichviel. Denn gibt es einen Gott, so steht alles gut; ist aber alles nur von ungefähr, darfst du doch nicht von ungefähr sein!
29
Einem reißenden Strom gleicht die Welt: Alles führt sie dahin. Wie nichtig die Taten des Menschen, die er politisch oder philosophisch nennt, wie eitel Schaum! Aber was nun, lieber Mensch? Tue, was die Natur gerade jetzt von dir fordert. Strebe, wenn dir ein Gegenstand des Strebens gegeben wird, und blicke nicht um dich, ob´s einer sieht. Auch bilde dir den Platonischen Staat nicht ein, sondern sei zufrieden wenn es nur ein klein wenig vorwärts geht und halte solchen kleinen Fortschritt nicht gering. Denn wer wird ihre Gesinnung ändern? Ohne eine solche Änderung der Gesinnung aber, was würde anderes daraus entstehen, als ein Knechtsdienst unter Seufzen, ein Gehorsam solcher, die sich stellen, als wären sie überzeugt. Die Alexander, Philippus, Demetrius von Phalerum mögen zusehen, ob sie erkannt, was die Natur will, und ob sie sich selbst in Zucht gehalten haben. Waren es aber Schauspieler, wird mich doch niemand dazu verdammen, sie nachzuahmen. Einfalt und Würde kennzeichnen das Geschäft der Philosophie. Verführe du mich nicht zur Aufgeblasenheit!