18
Das Wichtigste ist immer zu wissen, in welchem Verhältnisse ich zu anderen stehe, nämlich, daß wir alle, einer um des anderen willen da sind (wobei sich das Verhältnis näher auch so gestalten kann, daß einer der Vorgesetzte der andern ist, wie der Widder der Schafherde, der Stier der Rinderherde). Dann, daß man die Menschen beobachtet, wie sie´s daheim, bei Tische oder sonstwo zu treiben pflegen, und welche Grundsätze als treibende Kraft in ihnen liegen. Und zumeist, welche Gewalt haben ihre Grundsätze über sie und mit wieviel Eigendünkel verrichten sie ihre Handlungen? Drittens, daß man bedenkt, daß alle, die unvernünftig handeln, unfreiwillig und unwissend so handeln — und Schmerz genug für sie liegt schon darin, daß sie eben Ungerechte, Undankbare, Geizige oder mit einem Worte Übeltäter heißen. Ferner, daß auch du so manchen Fehler hast und von derselben Art bist wie sie; daß, wenn du dich von gewissen Vergnügungen fern gehalten hast — vielleicht war´s Feigheit oder Ehrgeiz oder etwas dem Ähnliches, was dich fernhielt — du doch auch den Charakter hast, aus dem jene Vergehungen entspringen. Ferner, daß es gar nicht immer so feststeht, ob sie gefehlt haben, wenn es dir auch so scheint. Denn vieles geschieht aus einer weisen Berechnung der Umstände, die uns verborgen sein können. Man muß überhaupt erst so manches gelernt haben, ehe man über die Handlungsweise eines anderen richtig urteilen kann. Dann denke man doch immer wieder an die Kürze des menschlichen Lebens, zumal wenn man so recht aufgelegt ist, unwillig zu werden und aufzubrausen. Und weiter, daß es ja eben nicht jene Handlungen sind, die uns Beschwerde machen, sondern unsere Vorstellungen, die wir uns über sie machen. Schicke sie heim, und dein Zorn wird sich legen. Aber wie? Durch die Erwägung daß, was dir durch jene widerfährt, in Wahrheit nichts Schlechtes sei. Wäre es schlecht, dann wärst du ja notwendig selber dadurch schlecht geworden. — Und weiter, daß Zorn und Unwille über solche Dinge uns doch viel mehr beschweren, als die Dinge, über die du dich erzürnst. Und endlich, daß ein liebevolles Gemüt, wenn seine Liebe wirklich echt und ungeheuchelt ist, durch nichts kann überwunden werden. Auch dein allerärgster Feind kann dir nichts anhaben, wenn du auf deiner Liebe zu ihm beharrst, wenn du bei Gelegenheit ihn ermahnst und gerade, wenn er im Begriff ist, dir weh zu tun, ihm freundlich zusprichst: nicht doch, Lieber; wir sind zu etwas anderem geboren; mir schadest du ja nicht, du schadest dir selber, Kind! wenn du ihm so in sanfter Weise und alles wohlerwogen zeigst, daß sich dies so verhalte, und daß nicht einmal die Tiere so verfahren, die in Herden beisammen leben. Freilich muß dies ohne alle Ironie geschehen, nicht mit dem versteckten Wunsche, ihn zu demütigen, sondern aus reiner Liebe und ohne das Gefühl erlittener Kränkung, auch nicht im Schulmeisterton oder im Beisein eines andern, sondern mit ihm allein, selbst wenn andere gegenwärtig wären. — Diese neun Punkte also erwäge fleißig, laß sie Eingang bei dir finden, als wären es ebensoviele Gaben der Musen und fange einmal an, ein Mensch zu sein, solange du noch lebst. Sanftmut und Milde — das ist das echte Menschliche und Männliche; hierin liegt Kraft und Tapferkeit und Stärke, nicht im Zorn und im beleidigten Wesen. Denn je näher etwas an die völlige Leidenschaftslosigkeit grenzt, desto näher kommt es wirklicher Macht. Und wie die Traurigkeit ein Zeichen der Schwäche ist, so ist es auch der Zorn. In beiden sind wir verwundete, geschlagene Leute. Aber freilich, vor Kriecherei muß man sich ebensosehr hüten, wie vor dem Zorn, da sie ebenso gegen die Grundbedingungen der Gemeinschaft ist und ebenso verderblich wirkt. — Willst du, so nimm vom Musageten noch ein Zehntes: Wahnsinnig ist´s zu fordern, daß schlechte Menschen nicht fehlen sollen, unbillig aber und willkürlich, zu verstatten, daß sie sich gegen andere vergehen, nicht aber, daß sie dich verwunden.
19
Viererlei Verirrungen des Geistes gibt es, vor denen man sich stets in acht zu nehmen hat, und denen man, sobald sie ausgespürt sind, ausbiegen muß, indem man sich bewußt wird: dies ist ein Gedanke, zu dem dich nichts zwingt; dies ist etwas, wodurch die menschliche Gesellschaft aufgelöst wird; dies redest du nicht von dir selbst (und es gibt nichts Törichteres, als nicht aus sich selbst heraus zu sprechen). Endlich, eine Schmach ist es, die du dir selber zufügst, sooft das göttlichere Teil an dir erniedrigt und herabgewürdigt ist von dem geringeren und sterblichen und dessen groben Lüsten.
20
Alles Luftige und Feurige, was deinem Wesen beigemischt ist, obwohl es von Natur nach oben strebt, gehorcht doch der Anordnung des Alls und bleibt hier ruhig in der gesamten Masse. Ebenso alles Erdige und Feuchte, das nach unten strebt, wird doch fortwährend gehoben und behauptet den seiner Natur nicht zukommenden Ort. So gehorchen die Stoffe der Natur, wenn sie gewaltsam irgendwohin gestellt sind, und verweilen hier, bis das Zeichen zu ihrer Auflösung gegeben ist. Ist es nun nicht schlimm, wenn die Vernunft allein nicht gehorsam sein will und die ihr zugewiesene Stelle mit Unwillen betrachtet? Und das, wiewohl ihr nirgend Zwang auferlegt wird, sondern nur das, was ihrer Natur entspricht? Denn jede ihrer Bewegungen nach dem Unrecht oder nach dem Sinnenreiz, nach dem Zorn, nach dem Schmerz und nach der Furcht ist nichts anderes, als ein solches Fortstreben von dem ihr zugewiesenen Orte, als ein Abfall von der Natur. Und sooft deine Vernunft über irgendein Ereignis mißmutig wird, verläßt sie ihren Posten. Du bist zur Gleichmütigkeit und Gottesfurcht nicht weniger als zur Gerechtigkeit geschaffen. Der Begriff des Gemeingeists enthält noch jene Tugenden ja sie sind sogar älter als das Recht.
21
Wer nicht im Leben einen und denselben Zweck verfolgt der ist auch eigentlich nicht ein und derselbe Mensch. Doch kommt es vor allem darauf an, von welcher Art dieser Zweck ist. Es hängt dies genau mit dem Begriff der Güter zusammen, der schwankend und unbestimmt bleibt, solange es sich darum handelt, was jedem einzelnen gut ist, und der zur Klarheit und Bestimmtheit nur gebracht werden kann, wenn man das Ganze, die Gemeinschaft aller ins Auge faßt. Und so muß auch der Zweck des Lebens eines jeden sich nach dem Ganzen richten, mit dem Zweck der Gemeinschaft, der man angehört, harmonisch wirken. Wer nun alle seine besonderen Neigungen diesem Zweck unterordnet und ihm gemäß gestaltet, der wird dadurch auch Konsequenz in seine Handlungsweise bringen und so immer derselbe Mensch sein.
22
Das menschliche Leben gibt mir oft nichts weiter, als das Bild einer
Haus- oder Feldmaus, die erschrocken hin und her läuft.