Du bestehst aus drei Teilen: Leib, Seele und Geist. Leib und Seele sind dein, nur soweit es deine Pflicht ist, für sie zu sorgen. Der Geist aber ist ganz eigentlich dein. Doch nur, wenn du ihn frei zu machen weißt von allen Einflüssen der Außenwelt, des eigenen Leibes und der dem Leibe eingepflanzten Seele, so daß er ein Leben aus sich und für sich selber führt, vollbringt, was die Gerechtigkeit gebietet, will, was das Schicksal auferlegt und wahr ist in seinen Reden, nur dann kannst du die noch übrige Zeit ruhig und heiter leben und wirst treu bleiben deinem Genius.

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Ich wundere mich oft darüber, wie derselbe Mensch, der sich mehr liebt als alle anderen, dennoch mehr Gewicht auf das Urteil anderer über ihn, als auf das eigene legen kann. Bedenkt man freilich, daß kein noch so bedeutender Lehrer, ja daß kein Gott es auch nur einen Tag lang von uns erreichen würde, gleich zu sagen, was wir denken, so wie wir den Gedanken nur gefaßt, so ist´s auch wiederum natürlich, daß wir eine weit größere Scheu vor dem haben, was andere von uns denken, als vor unserer eigenen Meinung.

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Wie mag es nur kommen, daß die Götter, die doch alles so schön und menschenfreundlich eingerichtet haben, das eine übersehen konnten, daß selbst die wenigen trefflichen Menschen, die mit dem Göttlichen aufs innigste verkehrten und sich ihm durch fromme Werke und heiligen Dienst zu besonderen Freunden gemacht haben, wenn sie einmal tot sind, nicht wiederkommen, sondern ganz und gar verschwunden sind? Allein, wenn sich die Sache wirklich so verhält, so wisse, daß, wenn es anders hätte sein sollen, sie´s auch anders gemacht hätten. Wäre es gut gewesen, hätte es auch gewiß geschehen können; wäre es natürlich, so würde es die Natur auch einrichten. Daraus also, daß es nicht so ist, wofern es nämlich nicht so ist, erkennst du, daß es nicht so sein darf. Und — ­würdest du denn überhaupt auf diese Weise mit den Göttern rechten, wenn nicht die stillschweigende Voraussetzung wäre, daß sie die besten und gerechtesten sind? Und daraus folgt ja schon von selbst, daß sie in ihren Anordnungen nicht ungerecht und gegen die Vernunft verfahren konnten.

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Auch daran kann man sich gewöhnen, was einem anfangs verzweifelt erscheint. Die linke Hand, die zu so vielen Dingen unbrauchbar ist aus Mangel an Gewöhnung, ist doch z.B. zur Führung des Zügels weit geschickter als die rechte. Weil sie´s gewohnt ist.

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Denke an die Beschaffenheit des Leibes und der Seele, worin du dich vom Tod ergreifen lassen mußt, sowie an die Kürze des Lebens, an den unermeßlichen Zeitraum hinter dir und vor dir, an die Gebrechlichkeit jeden Stoffes.

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