»Und wie erklären Sie dieses Beispiel hier?« fragte Paul Seebeck und wies auf die Leichen um sie her.

»Ach was hat das zu sagen, daß einige Zellen absterben. Ein kleiner Entzündungsprozeß im Körper der Menschheit, weiter nichts.«

»Ja, ja«, sagte Paul Seebeck.

»Und sehen Sie doch, daß die großen Taten nie vom einzelnen ausgeführt werden, sondern nur von der Masse, vom Individuum Menschheit. Das ist ja auch selbstverständlich, denn der Natur der Dinge nach muß die auf einer millionenmal höheren Stufe stehende Menschheit auch höhere Gedanken haben. Wie selten opfert sich ein einzelner für eine Idee, und wie leicht tun es tausende zusammen, weil nicht mehr der Einzelne denkt, sondern die Masse an sich.«

»Aber hat uns nicht hier die Masse verraten, und bleiben nicht wir einzelne zurück?«

»Kommt das nicht auch in unserem Körper vor, in dem sich die einzelnen Blutkörperchen gegenseitig auffressen, statt zusammen zum höheren Zwecke als dem ihrer Einzelexistenz zu wirken? Krankheitserscheinungen, weiter nichts. Und eben so, wie trotz aller Krankheiten der menschliche Körper sich weiter entwickelt, so wird es auch die Menschheit tun, um später wieder Zelle eines neuen, unermeßlich hohen Individuums zu werden. Bis sich schließlich das Universum in einem unendlich weiteren Sinne, als wir armselige Einzelzellchen es heute begreifen können, zu einem großen Organismus zusammenschließt. Und da wird die Erlösung sein, der Zweck des Daseins. Ich sterbe«, fuhr er mit schwächerer Stimme fort, »aber Sie leben ja noch. Gehen Sie zu den Menschen und sagen Sie ihnen, daß ich ihr Geheimnis gelöst habe.«

Paul Seebeck schüttelte langsam den Kopf:

»Ich gehe nicht mehr zu den Menschen, Melchior.«

Jetzt richtete sich der Sterbende mit seiner letzten Kraft auf:

»Sie müssen, Seebeck, sonst habe ich das alles umsonst gedacht. Das darf doch nicht sein!«