Mein Gehilfe Modrow in Andischan

Mein neuer Führer nannte sich Modrow, war fünf Jahre russischer Soldat gewesen und augenblicklich hier als Fleischer tätig. Er erwies sich sofort als sehr nützlich, nebenbei war ich mit einem Schlage von dem ganz kleinlaut gewordenen Nasr, der mir bisher als Dolmetscher gedient und sich für unentbehrlich gehalten hatte, ganz unabhängig. Wir wanderten in die Stadt, um Einkäufe zu machen: Wäsche, Stiefel, ein Faß zur Verpackung meiner Sachen, Photographien zum Andenken; es gab alles, aber natürlich zu entsprechenden Preisen. Ich sah ein Stück der Stadt, die im großen Stil, mit breiten langen Straßenlinien und sehr vielen Gärten angelegt ist. Beim Erdbeben sind nur die Kapelle und die einem Deutschen gehörige Bierbrauerei stehen geblieben; letztere machte natürlich jetzt glänzende Geschäfte und verkaufte ein recht angenehmes Bier, für mich seit sechs Monaten wieder das erste. Wir aßen in einer provisorischen Kneipe gut und billig.

Die russische Militärverwaltung hielt alles unter schärfster Kontrolle, und überall herrschte musterhafte Ordnung. Die reichlich vorhandenen Polizeisoldaten mit aufgepflanztem Bajonett sahen auch nicht so aus, als ob sie mit sich spaßen ließen. Sämtliche Preise, sowohl was die Zimmermiete, als auch was den Nahrungsmittel- und Alkoholverkauf anbetraf, standen unter Kontrolle. Viele Wirtschaften durften überhaupt weder Bier noch Schnaps verschänken; gestohlen soll hier so gut wie gar nicht werden, und auch unmittelbar nach der Katastrophe soll, dank dem sofort reichlich hergesandten Militär, keinerlei Unordnung eingerissen sein.

Ich sah noch einen hübschen, großen, öffentlichen Park, in dem abends die Militärkapelle frei konzertierte, als Eröffnungsstück die Marseillaise spielend. In meinem Gasthause wohnte eine ganze Menge zweifelhafter Personen weiblichen Geschlechts. Der Wirt jedoch übte strenge Aufsicht und so lange die Lampen brannten, war keine Annäherung erlaubt. Was nachher geschah, dafür schien er sich weniger verantwortlich zu fühlen, denn er verschwand gegen 10 Uhr.

Am 29. Juni morgens schickte ich meinen Paß zur Polizei, die dann selbst in Gestalt eines Offiziers erschien und meine Angelegenheiten als geordnet bezeichnete. Bis dahin hatte mir mein Wirt nicht recht über den Weg getraut. Zwar hatte mir der "Baron" (Stackelberg) auf offenem Markte die Hand gegeben, auch hatte von mir in der hiesigen "Gazetta" gestanden, aber bis die Polizei nicht ihr endgültiges Urteil abgegeben hatte, schien ihm die Sache doch nicht geheuer. Ich veranstaltete eine Generalrevision meiner Sachen; aus allen, nicht zum Mitnehmen bestimmten wurde ein großes Bündel gemacht, mit dem Modrow zum öffentlichen Verkauf auf den Basar ging. Unterdessen schrieb ich Briefe und Tagebuch, aß zu Mittag bescheiden in einem Garten und brachte dann bei der in einem Eisenbahnwaggon untergebrachten Post meine Briefe unter. Am Nachmittag packten wir Kisten und um 4 Uhr ging ich zum Obersten und zum Distrikts-Chef, um meine Besuche zu machen. Ich wurde liebenswürdig aufgenommen und meist im mangelhaften Französisch von den zugehörigen Damen über meine Reise ausgefragt.

Blick aus dem durch Erdbeben zerstörten Andischan — Baumwollspeicher Im Vordergrund "Jurte"

Modrow benutzte den Abend, um sich einen tüchtigen Rausch zu holen; noch am 30. Juni früh war er vollkommen betrunken, außerdem hatte er sich ein blaues, verschwollenes Auge von einer Prügelei mitgebracht. Ich hatte am vorhergehenden Abende übrigens Gelegenheit, mich von der ziemlich laxen Moral des niedrigen Volkes zu überzeugen. Die Zustände grenzen in dieser Beziehung allerdings nahe an das Unmögliche.

Ein Tischler schloß meine Kisten und wir brachten sie zu einem Speditionsgeschäft zum Versenden nach Deutschland. Das Erledigen der Formalitäten dauerte dort so lange, daß ich den einzigen am Tage fahrenden Zug verpaßte und noch einen Tag bleiben mußte. Ich benutzte diesen, um mir die deutsche Brauerei anzusehen und wurde vom derzeitigen Manager, einem Herrn Kilb, sofort sehr freundlich aufgenommen. Die liebenswürdige Familie hielt mich bis zum späten Abend fest, worauf mich der Besitzer in seinem eigenen Fuhrwerk zum Hotel zurückschickte.