Übrigens ist es außerordentlich wichtig, einen Diener mit zu haben, dem man vertrauen kann, denn keine Gelegenheit ist günstiger zum Ausbeuten eines Europäers, als wenn dieser eine Reise ins Innere unternimmt. Ich glaube beinahe, daß jeder Chinese, mit dem man unterwegs verhandeln muß, eine Art moralischer Verpflichtung fühlt, den fremden Teufel nach Möglichkeit zu plündern. Mein Mafu, der sich auch bisher stets ordentlich aufgeführt hatte, hat sich auf dieser Reise aufs glänzendste bewährt. Ohne ihn hätte ich rettungslos das dreifache Geld ausgegeben, und jeder Mensch, mit dem ich später über den Geldpunkt sprach, war erstaunt über meine Angaben, denn ich bin nie in meinem Leben billiger gereist als im Innern Chinas, natürlich abgesehen von den Ausgaben für die Ausrüstung. Diese waren für mich auch nicht besonders hoch, da ich fast alle die für den Feldgebrauch bestimmten Stücke benutzen konnte und als Reittiere bezw. als Packtier die in meinem Besitz befindlichen Rennponies mitnahm.

Einen fertigen Reiseplan mit genauer Route stellte ich nicht auf, da ich eben dorthin gehen wollte, wohin es mir gerade paßte und mich in keiner Weise irgendwie zu binden beabsichtigte. Viele meiner Kameraden schüttelten den Kopf über mich. So ganz allein, nur mit einem Chinesen, also ohne allen Komfort, im Lande herumzuziehen, das schien ihnen doch nicht geheuer. Aber gerade das reizte mich, und jetzt, wo ich die lange, anstrengende Tour hinter mir habe, bereue ich auch nicht im entferntesten, sie unternommen zu haben.

Mein Bursche und mein Boy

Am 23. war alles fertig, viel war eben auch nicht zu besorgen, der Paß war eingetroffen, meine Redakteurstelle an unserm Tientsiner Wochenblatt, die ich in Vertretung übernommen hatte, wieder vom eigentlichen Inhaber besetzt und mit allen guten Freunden Abschied gefeiert, teilweise sogar recht intensiv. Aber ich hatte ja 45 Tage vor mir, um jeglichen Alkohol loszuwerden; denn außer einem ganz kleinen Fläschchen Kognak für einen möglichen Krankheitsfall wurde nichts mitgenommen. Übrigens hätte ich auch keinen Platz gehabt, um etwa eine größere Anzahl Flaschen unterzubringen, denn mein schon auf ein Minimum beschränktes Gepäck war eine ziemlich schwere Last für das Tragetier. Meine drei Ponies waren wochenlang vorher getrabt worden, so daß sie ganz gut im Training waren. Ich hatte sie vom deutschen Schmied sehr sorgfältig beschlagen lassen, leider machte ich damit schlechte Erfahrungen, da der chinesische Beschlag, zu dem ich naturgemäß greifen mußte, ein ganz anderer ist. Ich habe durch den Wechsel des Beschlages viel Ärger infolge Lahmen der Tiere gehabt, doch davon später.

Meine Ausrüstung bestand in feldgrauem Anzug, lederbesetzter Reithose, englischen Gamaschen, schweren, nägelbeschlagenen Schnürstiefeln und grauem Filzhut, am Leibe trug ich mein Zeiß'sches Fernglas. Mein Mafu war ebenso ausgerüstet, nur hatte er eine kleine Mütze auf dem Kopfe, da der chinesische Schädel gegen die Sonne weniger empfindlich ist als ein europäischer; am Leib trug er eine Feldflasche, die mit Tee gefüllt wurde. Die beiden Reittiere hatten englische Offizierssättel, jedes zwei wie Woylachs zusammengelegte Schlafdecken unter dem Sattel; am letzteren kleine Vorderpacktaschen. Mein Pony trug ferner Säbel und Mauserpistole am Sattel, ebendort der Mafu zwei Hinterpacktaschen und Mantelsack. Das Packtier war mit einem vorschriftsmäßigen Armeesattel ausgerüstet, der sich als ganz vorzüglich zum Packen geeignet erwies. Der Sattel selbst hatte vorn Packtaschen und hinten einen Mantelsack, quer über den Sattel ganz schmal und lang zusammengelegt eine Kamelhaardecke sowie eine seidene Decke, beide in eine wasserdichte Zeltbahn eingeschlagen, über diese, zu beiden Seiten des Sattels hängend, große, ganz einfache schweinslederne Packtaschen. Oben darauf lag der Schlafsack, darin die Kartentasche mit Inhalt an Karten- und Schreibmaterial und ein Kochgeschirr, das ich übrigens nie benutzt habe. Über das ganze ging ein Obergurt und ringsherum eine Art Umlaufriemen. Der Sattel hatte ein Vorderzeug, wie es die Maultiere im Gebirge tragen, nämlich einen einfachen breiten Riemen ohne Verbindung nach den Gurten, außerdem nach hinten einen Schwanzriemen. Diese Art zu packen, die ich erst nach mehrfachen Versuchen herausbekam, erwies sich als außerordentlich praktisch. Mir ist das Gepäck von diesem Zeitpunkt ab niemals mehr gerutscht, trotzdem ich sehr viel getrabt habe und mir zweimal das Packtier entlaufen ist, und zwar in schärfster Gangart.

Als Zaum nahm ich die vorschriftsmäßige Halfter mit Unterlegtrense, an der Halfter den Anbinderiemen, der jedoch nicht zusammengerollt wurde, sondern einmal um den Hals des Tieres geschlungen und nach einem einfachen Knoten mit seinem Ende in die Schnalle des andern Endes eingeschnallt wurde. Diese Art, die übrigens die gesamte englische Kavallerie hat, ist sehr viel praktischer als die augenblicklich vorschriftsmäßige deutsche. Denn erstens ist sie weniger zeitraubend beim An- und Abbinden des Tieres und dann vermeidet man auch das Herumrutschen des aufgerollten Halfterriemens unter die Kehle des Tieres, wie man es bei uns im Manöver nach einiger Zeit stets beobachten kann.

Da es immerhin doch ganz interessant ist, zu wissen, was man so für 45 Tage außerhalb jeglichen europäischen Kulturbereiches braucht, will ich in aller Kürze einmal den Inhalt meiner Packtaschen aufzählen. Wie gesagt, mußte ich mein Gepäck auf den kleinsten Umfang beschränken, und trotzdem mit allen Zufällen einer solchen Reise rechnen, bei der es, wenn etwas passiert, einfach heißt: "Hilf dir selbst." Von vornherein ließ ich daher jegliches Getränk fort, ich habe es übrigens auch nie entbehrt, sondern mich beim chinesischen Nationalgetränk, dem Tee, äußerst wohlgefühlt. Ebenso ließ ich alles Rauchmaterial zu Hause; ich bin sowieso kein passionierter Raucher und habe sogar die mir beim Abschied in Peking geschenkte gute Zigarre wieder mit zurückgebracht, d. h. ich habe es einfach vergessen, sie zu rauchen. In den verschiedensten Packtaschen verteilt war ungefähr folgendes: Ein Reserverock, lederne Weste, eine Pelzlitewka, drei wollene Hemden, drei wollene Unterhosen, vier Paar wollene Strümpfe, sechzehn Taschentücher, vier seidene Hemden, vier Handtücher, wollenes Halstuch, Morgenschuhe, gesamtes Waschzeug mit Gummiwaschbecken, Silberwage, Kompaß, Eßbesteck, Lichter, Streichhölzer, Putzzeug für Waffen, Putzzeug für Ponies, Medikamente für alle möglichen Krankheiten, Staubbrille, Nähzeug, Seife zum Waschen von Wäsche, einige Bücher, ein Pack Zeitungen, silberner Becher, deutsche und chinesische Visitenkarten, Patronen, Schreibzeug, einige wenige Konserven für Notfälle. Mein Freund Dr. B. hatte mir zu den Medikamenten eine kleine Gebrauchsanweisung zusammengestellt, Gott sei Dank habe ich am eigenen Leibe niemals davon irgend welchen Gebrauch machen müssen.

Nun kommt noch zuletzt der nervus rerum, das Geld. Besonders in betreff Unterbringung ist das hier in China das unangenehmste; denn abseits der großen Straßen nimmt der Chinese kein Papiergeld, geschweige denn den gemünzten Dollar, nur das ungemünzte Silber und das durchlochte Kupfergeld gilt. Um von letzterem genügend Vorrat mitzunehmen, müßte man mehrere Wagenladungen voll machen, man ist daher auf Silber in Schuhen — so genannt, weil die Stücke in eine einem Schuh ähnliche Form gegossen sind — angewiesen. Ich hatte im ganzen für 400 Dollar Silber mit. Ein Dollar ist ebenso groß wie unser deutsches Fünfmarkstück, man kann sich also einen Begriff davon machen, ein wie hohes Gewicht man da mitschleppt. Die Deutsche Ostasiatische Bank hatte mir alles in kleinen Stücken, jedes annähernd zu zwei Taels — ungefähr sechs Mark — eingewechselt und immer drei bis vier solcher Stücke in ein mit dem betreffenden Gewicht bezeichnetes Päckchen zusammengewickelt. Das erwies sich als sehr praktisch, denn erstens ließ sich das Silber leichter verpacken, da ich es auf alle Packtaschen verteilen mußte, um die drei Pferde gleichmäßig zu belasten und auch bei einem eventuellen Diebstahl nicht gleich alles auf einmal einzubüßen, zweitens war das Wechseln in Kupfergeld erleichtert, da grosse Stücke in kleinen Ortschaften im Gebirge wohl kaum gewechselt werden konnten. Mir ist es, allerdings nur ein einziges Mal, passiert, daß sogar mein kleinstes Silberstück im Gewicht von 1¼ Tael nicht gewechselt werden konnte, weil einfach im ganzen Dorf nicht soviel Kupfergeld vorhanden war. Ich geriet dadurch in eine recht unangenehme Verlegenheit.

Hinzufügen will ich noch, daß der Tael nicht die Bezeichnung einer Münze, sondern die Bezeichnung eines bestimmten Gewichtes ist, letzteres differiert aber auch in den verschiedenen Provinzen, worauf man mich bereits in Tientsin auf der Bank aufmerksam machte. Ebenso schwankt die Zahl der Cash, die man auf einen Tael erhält, in den verschiedenen Gegenden recht erheblich, z. B. hat Tientsin recht schlechtes kleines Geld, und man erhält ungefähr den dreifachen Betrag wie in Taiyuanfu. Peking hat wieder sehr große Kupfermünzen, und man bekommt natürlich dementsprechend weniger. Gerade über diese Geldverhältnisse sind die wenigsten hier zu Lande reisenden Europäer orientiert, und haben sie unehrliche Dienerschaft, was man unter zehn Fällen neunmal annehmen kann, so werden sie überall entsprechend bestohlen.