Abb. 1. Matacomädchen, Esperanza.

Leider wird für die Zivilisierung der nach den Zuckerfabriken kommenden Indianer nichts getan. Sie werden hier im allerhöchsten Grade demoralisiert. Die Männer verfallen der Trunksucht, d. h. sie lernen Branntwein trinken, im Verhältnis zu welchem alle einheimischen Getränke bedeutend unschuldiger sind. Infolge des Branntweins und der schlechten Beispiele seitens der weißen Arbeiter kommt eine große Anzahl Indianer durch Schlägereien in den Fabriken um. Die Indianerfrauen verkaufen sich den Weißen. Geschlechtskrankheiten herrschen unter den indianischen Arbeitern, die teilweise geradezu Bordelle besuchen, wo sie mit den weißen Frauen Bekanntschaft machen. Der Chiriguanohäuptling Maringay, der niemals in Argentinien war, und von dem ich später noch recht viel zu erzählen haben werde, fragte mich einmal: „Sage mir, ist es wahr, daß es in Argentinien Läden gibt, wo man weiße Frauen, je nach Beschaffenheit, für 2, 3, 5 Pesos bekommt?“ Maringay fand sicher, daß die Weißen merkwürdige Läden hatten.

Abb. 2. Hütte der Mataco-Guisnay. Rio Pilcomayo.

Viele Chiriguanoindianer kommen mit ihren Familien nach den Zuckerfabriken und kehren niemals in ihre Heimat zurück. Das Leben dieser Indianer verläuft ebenso wie das der weißen Arbeiter. Sie leben in einer Art Konservenbüchsenkultur und stellen so gut wie gar keine ihrer alten charakteristischen Sachen her. Ein wie trauriges Leben führen sie doch, viel schlechter als in ihren Dörfern in ihrem eigenen Lande. Anstatt der feinen, bemalten Tongefäße bilden leere Konservenbüchsen, Blechteller usw. ihr Hausgerät. Manchmal sieht man auch unter ihren Habseligkeiten ein europäisches Nachtgeschirr — in dem sie das Essen verwahren.

Eine in den Fabriken in großer Ausdehnung betriebene Unsitte ist die, daß die Indianer Schießwaffen erhalten. Infolge dieser führen die Indianer, die dort gewesen sind, siegreiche Kämpfe mit denen, die nur Pfeile und Bogen besitzen. Diese Schießwaffen werden eines Tages manchem weißen Manne das Leben kosten, denn sicher werden die Indianer im Chaco noch manchen Aufruhr anstiften. Auf argentinischem Gebiete sorgt besonders der Tobahäuptling Taycolique systematisch für eine Bewaffnung seiner Leute mit Feuerwaffen. Er ist schon so weit gekommen, daß er die unmodernen Remingtongewehre kassiert und statt dessen Repetiergewehre eingeführt hat. Taycolique hat seinen Leuten das Schießen beigebracht. Eines Tages zog er mit einigen seiner Männer an einem Platze vorbei, wo einige Weiße Schießübungen abhielten. Taycolique forderte sie zu einem Wettschießen auf, und seine Tobaindianer gewannen den Preis.

Im großen ganzen wird meiner Ansicht nach das Indianererziehungsproblem am besten gelöst auf die Weise, daß man dem Indianer gutbezahlte Arbeit, wie sie sie in den Fabriken haben, gibt. Viel wäre außerdem zur Hebung der Indianer zu tun, sie müßten schreiben, lesen und rechnen lernen, und man müßte sie vor dem Branntwein und der Prostitution bewahren. In diesen Fabriken müßten industrielle Schulen errichtet werden, in welchen die Indianer ein Handwerk erlernten. Eine Arbeit, wie sie sie in gewissen Gegenden haben, mit durchaus unbefriedigender Bezahlung, erzieht sie nicht zu fleißigen und arbeitstüchtigen Menschen, sondern bewirkt eher das Gegenteil. Erhalten sie eine ordentliche Entschädigung und sehen sie, daß es ihnen durch Arbeit gut ergeht, daß sie leichter ihren Magen füllen, Pferde, Werkzeug und Kleider anschaffen können, dann arbeiten sie gern, und die Arbeit tut ihnen gut und erzieht sie.

Der Calilegua.

Während meines Aufenthaltes in der Zuckerfabrik Esperanza unternahm ich mehrere kleine Ausflüge, darunter einen etwas längeren nach dem wunderschönen Calilegua, dessen nicht selten schneebedeckter Gipfel stolz über die Urwälder blickt, in denen Zuckerfabriken und Sägemühlen und kleine Menschlein sich abarbeiten und abäschern.