3. Ihr Verhältnis zum Alptraum.
Die hier aufgestellte These lautet, daß der Hexenglauben im wesentlichen eine Projektion verdrängter sexueller Wünsche des Weibes darstellt, insbesondere jener, die sich auf das weibliche Gegenstück zum Ödipus-Komplex beziehen, nämlich die Liebe zum Vater und den Neid und die Feindseligkeit gegen die Mutter. Ebenso wie das Kind das Bild des Vaters in seine wohltätigen und böswilligen Züge auseinanderlegt und damit den Glauben an Gott und Teufel ermöglicht, so teilt es auch die Mutter in die beiden Hälften, woraus sich der Glaube an Göttinnen (Mater Dei) und weibliche Teufel entwickelt. Die Bemerkung Riklins[467], daß die Erfindung von Riesinnen und Hexen u. s. w. die Stellungnahme des Mädchens gegen die Mutter als sexuelle Rivalin ausdrückt, fällt mit dem Kern der gegenwärtigen These zusammen. Ferner werden wir sehen, daß beide Geschlechter ebenso zur Erfindung der Hexen wie zu jener des Teufels beigetragen haben.
Vor Behandlung der historischen Seite des Hexenglaubens wird es sich empfehlen, seine Hauptmerkmale zur Zeit der vollsten Blüte zu erörtern. Diese lassen sich kurz in zwei Gruppen zusammenfassen, und zwar diejenigen, welche
I. sich auf den Umgang der Hexe mit dem Teufel beziehen,
II. sich auf das Verhältnis zu den Mitmenschen beziehen.
Diese Gruppen waren ursprünglich voneinander unabhängig und wurden erst im 13. Jahrhundert vermengt; um dieselbe Zeit wurde eine dritte hinzugefügt, nämlich die Ketzerei, d. h. Tatsachen, die sich auf ihr Verhältnis zu Gott bezogen.
Für die eigentliche Hexenepidemie war die dritte Vorstellungsgruppe am wenigsten charakteristisch, so daß wir sie zuerst erledigen können. Obgleich sie das Element ist, das am wenigsten die eigentliche Hexe von dem alten Zauberer und Wahrsager scharf unterschied, da sie eher als eine direkte Fortsetzung der Attribute jener gelten darf, kam ihr doch für die Hexenverfolgung die allerhöchste Bedeutung zu. Wie bekannt, ging die Initiative zu jener Verfolgung von der Kirche aus, deren Streben auf die Ausrottung der Ketzerei und Vernichtung der Macht des Teufels gerichtet war. Die Laienschaft, deren ursprüngliches Interesse an dem Unternehmen nicht sehr stark war, wurde zur Unterstützung der Kirche durch die geschickte Kombinierung der Objekte dieser Verfolgung mit der alten Auffassung von schädlicher Zauberei (Maleficium) bewogen. Durch die Furcht vor der letzteren aus ihrer Ruhe aufgeschreckt, verband sie sich mit der Kirche, um die verhaßten Quellen des Maleficium zu zerstören, die nach der Erklärung der Kirche mit denen der Ketzerei und des Teufelspaktes identisch waren.
Die schädlichen Einwirkungen der Hexen erstreckten sich von kleinen Bosheiten bis zu den schwersten Verletzungen, selbst den Tod miteingeschlossen. Ihre genaue Überprüfung zeigt meiner Meinung nach, daß die Angst, die sich hinter dem Glauben an dieses Maleficium verbarg, die im tiefsten Grunde der Menschenseele ruhende Angst vor Unfähigkeit oder Versagen der sexuellen Funktionen war. (Beim Manne: »Kastrations-Komplex«, beim Weibe: »Angst vor der Kinderlosigkeit.«) Der Grund hiefür ist, daß fast alle Fälle von Verhexen sich entweder direkt auf die Erzeugung von Impotenz (oder Sterilität) beziehen, oder symbolische Darstellungen dafür sind.
In erster Linie ist zu beachten, daß die häufigste Spezialität der Hexenkunst in der Einmischung in die sexuellen Funktionen, besonders bei der Erzeugung der Impotenz bestand. Hansen[468] bemerkt: »Die Behexung trifft weitaus am häufigsten die geschlechtlichen Beziehungen zwischen Mann und Weib.« In der berühmten Hexen-Bulle[469] wird das Maleficium in sieben Punkten behandelt, von denen sechs die sexuellen Funktionen betreffen und einer die Verwandlung in Tiere. Der bekannte Malleus Maleficarum[470] widmet vier Kapitel einer eingehenden Erörterung der Frage, auf welche Weise diese Impotenz zu Stande gebracht wurde, und betont, daß im Gegensatz hiezu die Hexerei andere natürliche Funktionen nicht beirren kann, wie z. B. Essen, Gehen u. s. w.[471]; die verschiedenen Methoden, durch die der Penis weggehext werden kann, sei es in Wirklichkeit oder durch Augentäuschung, werden ebenso gründlich besprochen. Ein Lieblingsmittel war die Benützung der ligature de l’aiguillette, mit der, wie Brévannes[472] konstatiert, nicht weniger als 50 verschiedene Prozeduren vorgenommen werden konnten. Im 15. und 16. Jahrhundert war diese so häufig im Gebrauch und so allgemein gefürchtet, daß es Sitte wurde, die Hochzeiten im geheimen abzuhalten, um Bezauberungen zu entgehen. Das Hexenmaleficium vermochte in derselben Richtung noch weitere Wirkungen zu entfalten. Durch seine Anwendung konnte die Liebe zwischen einem bestimmten Manne und einem Weibe vernichtet, Unfruchtbarkeit der Frauen und Zeugungsunfähigkeit der Männer herbeigeführt, die intrauterine Frucht zerstört und Mißgeburten hervorgebracht werden.[473] Selbst wenn alle diese Gefahren vermieden waren, war das Neugeborene noch nicht in Sicherheit, denn Hexen fraßen mit Leidenschaft kleine Kinder, welcher Gefahr ungetaufte ganz besonders ausgesetzt waren.
Die meisten anderen Fälle des Maleficium symbolisieren dieselbe Furcht. Die nächst häufige war die Vernichtung der Ernte durch Regen oder Hagelwetter oder die Kunst, ein Feld, das einer bestimmten Person gehörte, unfruchtbar zu machen; in allen Epochen bestanden innige Assoziationen zwischen der Fruchtbarkeit der Menschen und der Natur, was nebst vielen anderen die Tatsache beweist, daß dieselben Götter beide beschützten. Auch die geringeren Fälle von Hexerei gestatten dieselbe Auslegung. Unter diesen waren die gewöhnlichsten, die Milch sauer zu machen (d. h. den Samen zu beschädigen), das Buttermachen zu hindern (auf dessen symbolische Bedeutung Abraham[474] hingewiesen hat), und die Bewegungen der Spindel (d. h. die Tätigkeit der Maschine),[475] zu beeinflussen.