Silberfleck war ein alter, weiser Krähenvater. Er trug seinen Beinamen wegen eines silberweißen Flecks von der Größe eines Groschens, der auf der rechten Seite gerade zwischen Auge und Schnabel saß. Nur diesem Fleck verdanke ich es, daß ich Silberfleck aus den übrigen Krähen mit Leichtigkeit herausfinden konnte und daß mir seine Lebensschicksale bekannt wurden.
Krähen sind bekanntlich hochintelligente Vögel. »Weise, wie eine alte Krähe«, wurde nicht ohne Grund zur landläufigen Redensart. Sie wissen den Wert einer systematischen Organisation zu schätzen und sind ebenso gedrillt wie Soldaten, ja weit besser als gewisse Söldnerscharen; denn sie sind immer auf der Wacht, leben immer auf Kriegsfuß und hängen um ihrer Sicherheit und ihres Lebens willen stets voneinander ab. Ihre Führer sind gewöhnlich nicht nur die ältesten und klügsten der Bande, sondern auch die stärksten und tapfersten; denn sie müssen jederzeit bereit und fähig sein, mit unwiderstehlicher Gewalt einen Aufruhr oder eine Meuterei niederzudrücken. Die gemeinen Soldaten eines Krähenheeres setzen sich aus den jüngsten und aus den Krähen zusammen, die mit keinen besonders hervorragenden Gaben von der Natur beschenkt sind.
Der alte Silberfleck war kommandierender General einer Armee, deren Hauptquartier in der Nähe von Toronto, in Kanada bei Castle Frank, auf einem fichtenbewachsenen Hügel an der Nordostseite der Stadt lag. Die Bande bestand aus ungefähr hundert Vögeln und schien sich aus Gründen, die ich niemals erfuhr, nicht zu vermehren. War der Winter mild, so hausten sie am Niagaraflusse, während sie in kalten Wintern bedeutend weiter südlich zogen. Jedes Jahr in der letzten Woche des Februar musterte Silberfleck seine Truppe und kreuzte kühn die vierzig Meilen offenen Wassers zwischen Toronto und Niagara, und zwar flog er nicht in einer geraden Linie, sondern hielt regelmäßig eine Kurve in der Richtung nach Westen ein, wobei er in Sicht des ihm bekannten Dunda-Berges blieb, bis das Reiseziel, der fichtenbewachsene Hügel von Castle Frank, in der Ferne auftauchte. Jedes Jahr kam er mit seiner Armee und hielt sich ungefähr sechs Wochen lang dort auf. Am Morgen machten sich die Krähen in drei Abteilungen auf zum Furagieren, die eine Bande südöstlich nach der Ashbridge-Bai, die zweite nördlich den Don hinauf und die dritte und stärkste nordwestlich das Tal entlang; diese letztere leitete Silberfleck persönlich; wer die anderen führte, habe ich niemals erfahren.
Am windstillen Morgen flogen sie stets hoch oben in den Lüften in gerader Richtung davon; wenn es windig war, hielt sich die Bande dagegen niedrig und folgte dem schützenden Taleinschnitt. Von meinem Fenster aus konnte ich die ganze Schlucht übersehen, und so kam es, daß ich im Jahre 1885 die alte Krähe zum erstenmal bemerkte. Ich war noch unbekannt in der Nachbarschaft, aber ein alter Bewohner erzählte mir, der gewaltige Krähendespot triebe sich schon länger als zwanzig Jahre im Tale umher. Die günstigste Gelegenheit, ihn zu beobachten, bot sich in der Bergschlucht, und da Silberfleck seine alte Wegrichtung gewohnheitsmäßig innehielt, obwohl die Hügel jetzt mit Häusern bebaut waren und Brücken den Taleinschnitt überspannten, konnte ich ihn bald zu meinen näheren Bekannten zählen. Zweimal am Tage, im März und April und dann wieder im Spätsommer und Herbst, passierte er auf dem Hin- und Herwege meinen Beobachtungsposten, ließ mich seine Bewegungen genau wahrnehmen, seine Kommandos vernehmen und öffnete mir auf diese Weise nach und nach die Augen. Ich kam zu der Überzeugung, daß die Krähen, obschon ein kleines, unbeachtetes Völklein, große Klugheit besitzen und einen Stamm bilden, mit einer Sprache und sozialen Einrichtungen, die denen der Menschen in den Hauptpunkten ähneln und auf jeden Fall in vielen Einzelheiten gewissenhafter gehandhabt werden.
Nr. 1.
An einem windigen Tage stand ich auf der hohen Brücke, als Silberfleck an der Spitze seiner langgestreckt und zerstreut fliegenden Truppe eben heimwärts zog. Eine halbe Meile weit von mir konnte ich das zufriedene »Alles sicher, nur immer vorwärts«, wie wir es ausdrücken würden, oder, wie er es ausdrückte, hören, und wie es sein Leutnant im Nachtrab wiederholte. Sie flogen beträchtlich tiefer als sonst, um nicht in den Wind zu kommen, und mußten sich etwas erheben, um über die Brücke hinwegzustreichen, auf der ich stand. Silberfleck entdeckte mich dort, beobachtete mich einige Sekunden scharf, parierte im Fluge, da ich ihm nicht ganz geheuer schien, und rief nach rückwärts:
Nr. 2.
»Seid auf der Hut!« und erhob sich, gehorsam von den Seinen begleitet, hoch in die Luft. Dann, als er sah, daß ich unbewaffnet war, flog er etwa siebzig Fuß über meinem Kopf hinweg, und auch die anderen ließen sich wieder in die alte Fluglinie herabsinken, als sie die Brücke passiert hatten.