Es liegt eine geheimnisvolle Macht im frischen, laufenden Wasser, es bildet ein unüberwindliches, gleichsam bannendes Hindernis für jeden bösen Zauber, in Zeiten der Not gewährt es Hilfe und Rettung, und das freie Geschöpf des Waldes mit dem nicht ermüdenden Todfeind auf seiner Fährte sucht, von seiner Zaubermacht unbewußt angezogen, seinen nie versagenden Schutz. Wenn das gehetzte Tier mit seiner Kraft am Ende ist, wenn jeder erdenkliche Kunstgriff und Ausweg versagt, führt es ein guter Engel zum Wasser, zum lustig dahinspringenden lebendigen Wasser, und es stürzt sich hinein und folgt dem kühlenden Strome, um dann erfrischt und gekräftigt den Weg zum Forste wieder aufzunehmen.

Es liegt ein geheimer Zauber im lebendigen Wasser. Wenn die Hunde auf hitziger Jagd an dieses Hindernis kommen, müssen sie ihren Lauf hemmen und suchen umher, aber sie suchen vergeblich. Die Spur ist verschwunden in dem frischdahineilenden Strom, und das arme, gehetzte Wesen ist frei.

Das war eins der großen Geheimnisse, die Zottelohr von seiner Mutter lernte – »nach dem wilden Rosenstrauch ist das Wasser dein bester Freund«.

Es war in einer gewitterschwülen Nacht im August, als die Mutter ihren Sohn durch die Waldungen führte. Vor ihm blinkte das schneeweiße Kissen, das sie trug, als wegweisende Laterne, die nur erlosch, sobald die Häsin anhielt und sich gemütlich darauf niederließ. In kurzen Unterbrechungen, einmal laufend, dann anhaltend, um zu horchen, kamen sie ungehindert an das Ufer des Teiches. Die Vögel hoch oben in den Zweigen sangen ihr Schlummerlied, und draußen auf einem versunkenen Stamme, im tiefen, dunkeln Wasser, bis zum Knie im kühlenden Bad, quakte ein fetter Frosch einen Lobgesang.

»Mein Sohn, folge mir!« sagte die Mutter in der Hasensprache, und schwapp, sprang sie in den Teich hinein und strich gewaltig aus, um den versunkenen Baumstumpf zu erreichen. Zottel zauderte erst, doch sprang er dann mit einem kleinen »Autsch« in die Flut, luftschnappend und eifrig mit der Nase wackelnd, aber immer die Bewegungen seiner Mutter genau nachahmend. Wie er sich auf dem Land fortbewegte, tat er es auch im Wasser – er schwamm. Vorwärts ging es, bis der Stamm erreicht war, und dort kletterte er hinauf neben seine triefende Mutter auf das erhöhte, trockene Ende, umgeben von einer rauschenden Laubwand und dem Wasser, das nichts ausplaudert. Später in dunklen, warmen Nächten, wenn der alte Fuchs von Springfield plündernd durch das Moor streifte, erinnerte sich Zottel stets der Stelle, wo die Frösche singen; denn im Falle größter Gefahr konnte sie ihm die letzte Rettung bringen, und von diesem Tage an verstand er die Worte, die der Frosch sang: »Komm, komm, wenn in Gefahr, dann komm!«

Dieses war die letzte Belehrung, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam. Sie zeugt von außergewöhnlicher Hasenweisheit, und manches kleine Häschen hat und wird sie nie erhalten.

VI.

Gar selten verläßt ein Bewohner des Waldes das Leben aus Altersschwäche; er nimmt wohl immer einmal früher oder später ein tragisches Ende, und es ist nur eine Frage der Zeit und der Klugheit, wie lange er sich den Verfolgungen seiner Feinde entziehen kann. Zottels Leben bewies jedoch, daß ein Hase, der einmal glücklich ins Mannesalter eingetreten ist, meistens erst im letzten Drittel seines Daseins, wenn es bergab geht, seinen Verfolgern zum Opfer fällt.

Die Hasenfamilie hatte überall Feinde, und ihr tägliches Leben war eine Kette von Ängstigungen, Nachstellungen und Verfolgungen, denen sie nur um Haaresbreite entrannen; denn Hunde, Füchse, Katzen, Skunks, Waschbären, Wiesel, Schlangen, Raubvögel und Menschen, ja selbst giftige Insekten schmiedeten fortwährend Anschläge gegen ihr Leben. Sie waren in Hunderte von Abenteuern verwickelt, und wenigstens einmal am Tage waren sie gezwungen, ums liebe Leben zu rennen und es durch die Schnelligkeit ihrer Läufe und ihre Schlauheit zu retten.