Der Hund kommt schnüffelnd den Baumstamm entlang

Es gab nur einen Weg für die Häsin, die gegen den Wind und ums Leben galoppierte. Sie gewann einen kleinen Vorsprung, indem sie den Sumpf kreuzte, der den Fuchs nicht trug, bis sie am Ufer des Teiches stand. Da gab es keine Wahl mehr, vorwärts mußte sie.

Plitsch, platsch, ging es durch das hohe Schilf und dann mit einem Satze ins tiefe Wasser.

Hinterdrein sprang auch der Fuchs, aber das Wasser war doch etwas zu frisch für Reineke, und er wendete wieder um. Die Häsin, der nur ein Weg frei blieb, arbeitete sich durch das Schilf ins offene Wasser und strich kräftig aus, um das andere Ufer zu erreichen, aber sie hatte einen starken Gegenwind zu bekämpfen, die kurzen Wellen schlugen eisigkalt über ihrem Kopf zusammen, und das Wasser war voll Schnee, der ihr den Weg versperrte, wie Treibeis. Die dunkle Linie des rettenden Ufers schien sich weiter und weiter zu entfernen, und wer konnte es wissen, möglicherweise lag der gierige Fuchs dort drüben auf der Lauer.

Sie legte die Ohren flach an, um dem Winde möglichst wenig Widerstand zu bieten, und schwamm rascher vorwärts, gegen Sturm und Flut. Nach einer langen, mühseligen Reise durch das kalte Wasser hatte sie beinahe das Schilf des anderen Ufers erreicht, als eine feste Masse treibenden Schnees ihr den Weg versperrte. Der Wind auf der nahen Uferbank machte ein unheimliches Geräusch, das dem Heulen des hungrigen Fuchses ähnlich klang. Das raubte ihr allen Mut und alle Kraft, und sie wurde weit zurückgetrieben, ehe sie sich von dem dahinflutenden Hindernis freimachen konnte.

Wieder strich sie aus, doch langsamer – immer langsamer, und als sie schließlich den Schutz des hohen Schilfs erreichte, waren ihre Glieder erstarrt, ihre letzte Kraft verbraucht, ihr tapferes kleines Herz begann langsamer zu pochen, und es war ihr ganz gleich, ob der Fuchs ihrer wartete oder nicht. Durch das Schilf kam sie noch glücklich hindurch, aber mitten zwischen den tückischen Ranken der Schlinggewächse fing sie an, unsicher zu werden, ihre schwachen Stöße brachten sie nicht länger landwärts, und das Eis, das sich um sie herum auftürmte, machte ihr ein Vorwärtskommen ganz unmöglich. Die erstarrten Glieder versagten den Dienst, die kleine, flaumbedeckte Nase wackelte nicht mehr nervös hin und her, und die treuen braunen Augen schlossen sich zum ewigen Schlafe. Aber kein Fuchs wartete, um sie mit gierigen Zähnen zu zerreißen. –

Zottelohr war dem ersten Ansprung des Verfolgers entflohen, und als er sich wieder etwas vom Schreck erholt hatte, kam er zurückgelaufen, um den Erzfeind irrezuleiten und damit der armen Mutter zu helfen. Er traf den alten Fuchs auf dem Wege nach der anderen Seite des Teiches, lockte ihn weit hinweg und entließ ihn mit einer blutenden Wunde von einem Stacheldrahtzaun am Kopfe. Dann kam er zum Ufer, suchte und schnüffelte umher und klopfte, aber all sein Suchen war vergeblich, die kleine Mutter war nirgends zu finden. Er sah sie niemals wieder, und niemand konnte ihm Auskunft geben, wohin sie gegangen; denn sie schlief den letzten Schlaf in den eisigen Armen ihres Freundes, des Wassers, das nichts ausplaudert.

Arme kleine Mutter! Eine wahre Heldin war sie gewesen, doch nur eine von den ungezählten Tausenden, die ohne einen Anspruch auf Heldentum dahinleben und ihr Bestes in ihrer kleinen Welt wirken und ohne Ruhm davongehen. Sie war eine tapfere Streiterin im Kampf ums Dasein, und von dem Schlag, der niemals ausstirbt; denn Fleisch von ihrem Fleisch und Geist von ihrem Geist war Zottelohr, sie lebte in ihm, und durch ihn veredelte sie ihre Rasse.

Zottel haust noch im Moor. Olifant starb im gleichen Winter, und seine ungeratenen Nachkommen ließen das Moor mit seinen Stachelzäunen verwildern. In einem einzigen Jahr verwandelte es sich in eine undurchdringliche Wildnis, neue Bäumchen und Dornensträucher wuchsen, und zerrissene Stacheldrähte bildeten zahllose Zwingburgen und Schlupfwinkel, die Hunde und Füchse nicht zu stürmen wagten. Und dort lebt Zottelohr noch heute, er ist ein großer und starker Hase geworden und fürchtet keinen Nebenbuhler. Eine zahlreiche Familie nennt er sein eigen und ein hübsches, braunes Weibchen, das er sich holte, ich weiß nicht woher. Dort werden er und seine Kindeskinder gewiß noch viele Jahre hausen, und dort kann man sie an sonnigen Abenden beobachten, wenn man ihre Signale kennt und sie richtig anzuwenden weiß.