Der kleine lebende Fuchs wurde in einen Sack gesteckt, wo er ganz ruhig lag, und seine unglücklichen Geschwister wurden in ihre Kinderstube zurückgeworfen und unter einigen Schaufeln voll Erde begraben.
Wir Mörder begaben uns nach dieser Hinrichtung nach Hause, und der Kleine wurde im Hofe angekettet. Niemand wußte recht, warum man ihn am Leben gelassen, aber bei uns allen machte sich eine Gefühlsänderung bemerkbar, und keiner kam auf den Gedanken, auch ihn zu töten.
Es war ein hübscher, kleiner Kerl, der aussah wie eine Kreuzung zwischen Fuchs und Lamm. Seine wollige Gestalt und sein Gesicht ähnelten merkwürdig einem Schaf, und sein Ausdruck war unschuldig, wie der eines Lammes. Bei scharfem Beobachten jedoch konnte man in seinen Augen ein Aufleuchten von Schlauheit und Wildheit erkennen, das ihn einem Lamm so unähnlich wie möglich machte.
Solange jemand in seiner Nähe war, verkroch er sich furchtsam in der Hütte, und es dauerte eine volle Stunde, bis er es wagte, wieder herauszuschauen.
Mein Fenster mußte jetzt die Stelle des hohlen Weidenstammes vertreten. Eine Anzahl Hühner von der Rasse, die dem Füchschen nur zu gut bekannt war, trieben sich in der Nähe auf dem Hofe herum. Am späten Nachmittag, als sie sich zu nahe an den Gefangenen herangewagt hatten, wurde ich durch das plötzliche Rasseln der Kette ans Fenster gelockt und erblickte den kleinen Burschen, der auf das nächste Huhn zusprang und nur von einem heftigen Ruck der Kette zurückgehalten wurde, es zu packen. Reineke junior krabbelte wieder auf die Füße und kroch zurück in seine Hütte. Er versuchte dasselbe Manöver noch verschiedene Male, wurde aber immer wieder von der grausamen Kette zu Boden geschleudert.
Als die Dämmerung hereinbrach, begann er unruhig zu werden. Er schlüpfte aus seiner Hütte heraus, verkroch sich aber beim leisesten Geräusch wieder, nagte an seiner Kette oder biß wütend darauf herum. Plötzlich hielt er inne, als ob er lauschte, erhob dann seine kleine schwarze Nase in die Luft und gab einen kurzen zitternden Schrei von sich.
Dies wiederholte er einige Male, die Pause durch Knabbern an der Kette und ruheloses Umherlaufen ausfüllend. Da plötzlich ertönte eine Antwort, das ferne »Japp-Jurr« der alten Füchsin, und einige Minuten später erschien eine schattenhafte Form auf einem Holzhaufen in der Ecke des Hofes. Der Kleine kroch in seine Hütte, kam aber sofort wieder heraus und sprang der Alten entgegen, mit all der Freude, die nur ein Kind seiner Mutter zu zeigen imstande ist. Schnell wie der Blitz packte sie ihn, um ihn auf demselben Wege davonzutragen, den sie gekommen. Jedoch in dem Augenblick, als das Ende der Kette erreicht war, wurde der Kleine der Mutter mit einem Ruck entrissen, und erschreckt durch das Öffnen eines Fensters, entfloh sie über den Holzhaufen.
Eine Stunde später hatte das Junge aufgehört, ruhelos hin und her zu laufen und zu schreien. Ich schaute hinaus und sah beim fahlen Licht des Mondes die Mutter lang ausgestreckt neben ihrem Söhnchen liegen und an etwas knabbern – das Klirren von Eisen verriet mir, an was –, es war die grausame Kette. Tip, das Söhnchen, bekam inzwischen einen warmen Trank.