Das war eine ganz verzweifelte Lage. Keins der Alten schien Rat zu wissen, und sie liefen ängstlich am Rande hin und her. Da plötzlich gab der Sand nach und bildete eine schiefe Ebene, auf der das Kleine heraufrannte; dann vereinigte es sich unter dem breiten Schutzdach von seiner Mutter Schwanz wieder glücklich mit seinen Geschwistern.
Die hübsche, kleine Mutter war von zierlicher Gestalt, aber sie besaß einen scharfen Verstand und war als echte Mutter Tag und Nacht auf das Wohl ihrer Lieblinge bedacht. Stolz schritt und gluckste sie durch die heimatlichen Wälder mit den zarten Kleinen hinterdrein. Ihren kleinen, braunen Schweif spannte sie fächerförmig auf, um den Jungen möglichst viel Schatten zu geben, und vor keinem Feind wich sie zurück, sondern war stets bereit, zu kämpfen oder zu fliehen, je nachdem es ihr das Beste für die Kleinen schien.
Ehe die Küchlein noch fliegen konnten, hatten sie schon eine Begegnung mit Cuddy: denn obgleich es erst Juni war, war er mit seinem mörderischen Gewehr draußen. Mit Tike, seinem Hund, kam er die Schlucht herauf, und der Köter kam der Brut so gefährlich nahe, daß Rotkrause ihm entgegenlief, um ihn mit Hilfe des alten, nie fehlschlagenden Kniffes weit in das Schlammbachtal hinabzulocken.
Das Unglück wollte es, daß auch Cuddy gerade auf die Brut loskam; die Mutter gab ihren Kindern das Zeichen »Krr, krr« (Versteckt euch!) und lief dem Mann entgegen, wie ihr Gatte dem Hund. Erfüllt von wahrer Mutterliebe und erfahren in der Waldeskunde, schlüpfte sie geräuschlos dahin, bis sie dicht vor ihm stand, dann schwang sie sich mit sausendem Flügelschlag in die Höhe, taumelte aber wieder in das Laub zurück und stellte sich so flügellahm, daß sie den Wilddieb für einen Augenblick irreführte. Als sie aber dann, einen Flügel hinter sich herschleifend, langsam davonkroch, wußte er genau, was dies bedeuten sollte – er wußte, daß es nur ein Kniff war, um ihn von den Jungen hinwegzulocken, und holte zum furchtbaren Streiche aus. Die kleine Mutter war behend, sie wich dem Schlage geschickt aus und hinkte hinter ein Bäumchen, um dort das gleiche Spiel von neuem zu beginnen. Wieder versuchte Cuddy, sie mit einem Stocke niederzuschlagen, aber noch zur rechten Zeit sprang sie beiseite, und tapfer und standhaft kletterte sie vor ihm her, um ihn von ihren hilflosen Kleinen hinwegzuleiten. Cuddy, wütend gemacht durch die wiederholten verunglückten Versuche, sie zu erschlagen, erhob sein Gewehr, feuerte eine Ladung ab, die genügt hätte, um einen Bären zu töten, und die arme, tapfere, aufopfernde Mutter war nicht mehr.
Der Wilddieb wußte genau, daß die Jungen irgendwo in der Nähe versteckt sein mußten, und suchte umher, um sie zu finden, aber nicht eins regte sich oder piepste. Er konnte sie also nicht entdecken. Aber wie er so umhertrampelte mit seinen großen, tölpischen Füßen, kreuzte er ihr Versteck und trat mehr als einen der stillen, kleinen Dulder zu Tode. Doch was kümmerte es ihn?
Rotkrause hatte den gelben Köter weit hinweg stromabwärts geführt und kehrte nun zu der Stelle zurück, wo er seine Gattin verlassen hatte. Der Mörder war inzwischen gegangen und hatte die blutigen Überreste der armen Mutter mitgenommen, um sie dem Hunde vorzuwerfen; Rotkrause suchte und fand die blutbefleckte Stelle und ringsumher verstreute Federn seiner Gattin. Nun wußte er, wem der Schuß gegolten hatte.
Wer kann sein Entsetzen und seine Trauer beschreiben? Äußerlich war ihm nicht viel anzumerken, stumm starrte er einige Minuten lang mit niedergeschlagenem, traurigem Blick auf die Stelle, aber bei dem Gedanken an die hilflosen Jungen kam er schnell wieder zu sich. Er lief hinüber nach dem Versteck und rief das bekannte »Kriet, kriet«, aber nur sechs kleine Flaumbällchen öffneten ihre glänzenden Äuglein und liefen ihm entgegen, denn für vier der kleinen gefiederten Körperchen war das Versteck zum Grab geworden. Rotkrause wiederholte seinen Ruf, bis er sicher war, daß alle, die antworten konnten, gekommen waren, dann führte er sie von dem schrecklichen Platze weit, weit hinweg stromaufwärts, wo Stacheldrahtzäune und Brombeerdickichte einen zwar wenig anmutigen, aber zuverlässigen Schutz boten.
Vixen
Hier wuchs die Brut auf und wurde von ihrem Vater erzogen, gerade wie seine Mutter ihn erzogen hatte, und sein weitgehendes Wissen und seine Erfahrung boten ihm dabei große Vorteile. Sie wuchsen und gediehen, und als der Jägermonat kam, fand er eine stattliche Familie von sechs erwachsenen Fasanen mit Rotkrause, strahlend in seinen kupferschimmernden Federn, an der Spitze. Nach dem Verlust seiner Gattin hatte er aufgehört zu trommeln; aber das Trommeln bedeutete für den Fasan dasselbe wie der Gesang für die Lerche; es ist sein Liebeslied und der Ausdruck strotzender Kraft und Gesundheit. Als die Mauserzeit vorüber war und der September ihm seine prächtigen Federn wiedergebracht und ihn gekräftigt hatte, lebte sein Geist wieder auf, und als er sich eines Tages in der Nähe des alten Stumpfes befand, bestieg er ihn, von einer inneren Macht getrieben, und trommelte wie in alten Tagen.