2. Was ist in Hinsicht auf die zu betrachtende Wirkung allen Menschen gemeinsam, die den gewöhnlichen Bedingungen, die der menschliche Organismus bietet, unterliegen?

Hinsichtlich des ersten: was ist das Gemeinsame so verschiedener Betätigung der Personen? ist es nun in der Tat möglich, etwas nachzuweisen, was alle verknüpft. Das ist ein gemeinsames Merkmal all der Arbeitstätigkeit, die man jetzt bezeichnet als industrielle Arbeit, im bewußten Gegensatz zu der Arbeitsbetätigung z. B. in der Landwirtschaft oder Forstwirtschaft, im Gegensatz weiter zur Arbeitsbetätigung im alten Handwerk, im Handwerk alten Stils — nicht etwa was man jetzt Kleingewerbe nennt, nämlich die Wirkungen, welche die Arbeitsteilung herbeigeführt hat.

Alles, was unsere industrielle Arbeit von anderen Arbeitsgebieten unterscheidet, ist charakterisiert durch ein ganz durchgehendes Merkmal, welches mit dem Stichwort »Wirkungen der Arbeitsteilung« zu bezeichnen ist. Nämlich 1. die fortdauernd täglich ganz gleichmäßig quantitativ und qualitativ sich wiederholende Tätigkeit, die immer sich wiederholende Einseitigkeit, mit der sie geübt wird, die Tag für Tag dieselbe Art von Anstrengung bringt, dieselben Muskelpartien ermüdet, dieselbe Art von Körperhaltung aufnötigt, dieselbe Gruppe von Tätigkeiten, von Einzelaktionen aufzwingt, im Gegensatz zu der Mannigfaltigkeit der Beschäftigung, wie sie früher, in der alten Zeit, das Handwerk bot, wo der Handwerksgeselle aus dem Rohprodukt heraus, um das fertige Erzeugnis herzustellen, die allerheterogensten Dinge zu betreiben hatte, auch im Gegensatz zu der Betätigung in der Landwirtschaft, wo viel vom Wetter abhängt, und der eine Tag diese, der andere Tag eine ganz andere Tätigkeit auferlegt.

Ich sage, diese Arbeitsteilung, die Voraussetzung geworden ist für alle technischen Fortschritte im Laufe der letzten Jahrzehnte — wenn man auch ihre Wirkungen in vielen Punkten beklagen mag, die aber nicht mehr zu redressieren ist — drückt der industriellen Arbeit ihren ganz bestimmten Stempel auf in der Gleichförmigkeit der Inanspruchnahme der Menschen. Mit dieser Gleichförmigkeit und fortgesetzt übereinstimmenden Einförmigkeit ist nun gegeben die fortgesetzte Ermüdung immer derselben Organe, derselben Muskelgruppen, derselben Nervenzentren, derselben Gehirnpartien, weil alle Verrichtungen, mögen sie in Muskel- oder Sinnesarbeit bestehen, immer in derselben Weise von Früh bis Abend, Tag für Tag, jede Woche, sich wiederholen.

Ich sage, das ist das Gemeinsame, was so verschiedene Arbeitsgebiete übereinstimmend charakterisiert — unter dem Gesichtspunkte übereinstimmend, ob Nähnadel oder Schmiedehammer, wenn nur der Schmied nicht schneidern will und umgekehrt, wenn nur jeder die ihm gewohnte Arbeit verrichtet, für die er geübt ist, daß es in beiden Fällen die Inanspruchnahme derselben Organe und derselben Sinne ist.

Das zweite, das Gemeinsame was übergreift über die Verschiedenartigkeit der Nationalität, was also zum Ausdruck kommt in der Übereinstimmung des Erfolges bei Thüringer Arbeitern und bei Englischen Arbeitern, kann nun nichts anderes sein, als irgend ein gemeinsamer Grund, der im menschlichen Organismus bedingt ist im Hinblick auf die Wirkungsweise gleichartiger, Tag für Tag sich wiederholender, ermüdender Beschäftigung. Und da ist es denn nun sehr leicht, wenn man das beides kombiniert, den Gesichtspunkt zu finden für die Erklärung, die ich, glaube den vorher charakterisierten Beobachtungen geben zu können.

Wenn durch eine täglich sich wiederholende Tätigkeit, die in denselben Bahnen, in denselben Formen sich wiederholt, am Ende des Tages jeder, der daran teil nimmt, sich ermüdet hat, so kann diese Tätigkeit nicht mehr Tag für Tag fortgesetzt werden, außer wenn bis zum Morgen des folgenden Tages, durchschnittlich Tag für Tag, diese Ermüdung vollkommen durch die bis zum Wiederbeginn am nächsten Tage dazwischen liegende Ruhezeit und durch die Wirkung der Ernährung ausgeglichen ist. Wenn man annehmen wollte, daß zwischen der Ermüdung durch die Arbeit und der Ausgleichung derselben, der Erholung bis zum nächsten Tage, das geringste Defizit bliebe, das für den einzelnen Tag gar nicht bemerkbar sei, aber sich täglich wiederholt, so müßte die Konsequenz notwendig sein, daß die betreffende Person nach einem kürzeren oder längeren Zeitraum physisch herunterkommt. Es ist dasselbe, als wenn jemand täglich Geld ausgibt, wenn auch nur wenig mehr als er einnimmt, aber wenn das dauernd so fortgeht, so vermehrt sich sein Verlust und er muß bankerott werden.

Ich kann also sagen: es muß für alle Arbeiter, die unter diesen Bedingungen stehen, tägliche Wiederholung eines bestimmten Kräfteverbrauches und täglicher Ersatz durch Ruhe und Ernährung, dem Durchschnitt nach Tag für Tag ein vollständiges Gleichgewicht hergestellt werden. Die Ermüdung oder der Kräfteverbrauch muß im Durchschnitt Tag für Tag vollkommen Ausgleichung finden durch den Kräfteersatz oder die Erholung, in der Ruhe und Ernährung, weil das geringste Defizit sich fortwährend summieren und schließlich zerstörend wirken müßte.

Es würde auf Grund einer solchen Erwägung möglich sein, zu Schlußfolgerungen zu kommen, auch wenn man in Hinsicht auf die dabei gebrauchten Begriffe — Kräfteverbrauch oder Ermüdung und Kräfteersatz oder Erholung — stehen bleiben müßte bei den populären Vorstellungen, die im wesentlichen an subjektive Empfindungen appellieren, was Ermüdung oder Erholung sei. Für die weitere Prüfung meiner Schlußfolgerungen ist es aber nicht ohne Bedeutung, daß ich hinzufügen kann: diese scheinbar vagen Begriffe entsprechen nachweisbar gewissen ganz bestimmten quantitativen Veränderungen im körperlichen Organismus, die unmittelbar durch Größen-Bestimmungen zu fassen sind.

Es ist nämlich ein feststehendes Ergebnis der physiologischen Forschung, daß alles, was wir Ermüdung nennen, in letzter Instanz ist eine Änderung der stofflichen Zusammensetzung in den letzten Elementen des Menschen, eine Störung im Wesen des Protoplasma der Zelle, daß alle Ermüdung infolge der Arbeitstätigkeit der Organe ihren Grund hat in einem Verbrauch an bestimmten Stoffen, deren Vorhandensein unentbehrlich ist für die normale Funktion der Organe, und zum anderen Teile besteht in der Anhäufung von Stoffen in den Elementen des Organismus, die störend wirken für die normale Fortsetzung der Funktionen, die wie Gift wirken. Alle akuten Ermüdungserscheinungen, wie sie gelegentlich vorkommen, sind notorisch Vergiftungserscheinungen.