»Machen Sä, daß Sä fortkommen ond versächern Sä mäch läber nächts. Äch denke, Sä wässen am besten, wo der Schoh Sä dröckt. Aber äch sage Ähnen, auf dem Fooß stehen wär nächt mäteinander, wenn das Examen anfängt! Sä sänd mär ein onreeller Kamerad! Verstehn Sä mäch?«
»Herr Direktor,« versetzte Ittmann mit einem Blick auf seine Stiefel, »ich habe heute morgen schon so viel eingesteckt, daß ich auch diesen Vorwurf einstecken und Sie um dauernde Nachsicht ersuchen will.«
Samuel Heinzerling lachte.
Ittmann aber eilte nach Hause und erschien diesmal ohne die Eselsbrücken. Sei es nun, daß das Erlebnis mit Samuel Heinzerling seinem Geiste eine besondere Elastizität verlieh, sei es, daß der Direktor ein hervorragendes Wohlwollen entwickelte, kurz, der Schüler erhielt die Note eins.
Der lateinische Aufsatz, den ich zur Bekundung meiner Reife verabfolgen mußte, betraf den Kaiser Tiberius.
Ich habe nun bereits in meiner Skizzensammlung »Aus Sekunda und Prima« hervorgehoben, daß die Weltgeschichte von je meine schwache Seite gewesen. Von Tiberius insbesondere wußte ich nur sehr wenig Positives, – etwa, daß er des Kaiser Augustus Nachfolger gewesen; daß er sich durch Grausamkeit und Willkür ausgezeichnet; daß er einen Günstling, namens Sejanus, besessen und schließlich von Macro mit einem Kissen erstickt worden sei. Nun verstand ich es zwar, solche geringfügige Anhaltspunkte möglichst ausgiebig zu verwerten: aber das Gold meines Wissens wollte diesmal, noch so breit geschlagen, nicht ausreichen, um den gewaltigen Raum eines Abiturientenaufsatzes zu bedecken.
Hier half ich mir nun auf folgende sinnreiche Weise, die ich jedem Primaner unter gleichen Verhältnissen auf das wärmste empfehlen möchte. Ich hatte zufällig wenige Tage zuvor eine interessante Monographie über den Kaiser Augustus gelesen, deren Einzelheiten mir noch ziemlich treu im Gedächtnis hafteten. So begann ich denn meinen Aufsatz wie folgt:
»Nach dem Tode des Cäsar Octavianus Augustus bestieg der tückische, menschenfeindliche Tiberius den Kaiserthron. Es gelang ihm schon nach kurzer Frist, sich in allen Teilen des Reichs gründlich verhaßt zu machen, denn er bildete durchweg den schroffsten Gegensatz zu dem wohlwollenden, gerechten, kunst- und literaturfreundlichen Augustus. Dieser Kontrast mußte die Antipathie der Römer noch beschleunigen und vertiefen. Augustus hatte das und das getan, diese und jene Einrichtung getroffen, so und so die Verhältnisse des römischen Volkes geregelt; von alledem finden wir bei Tiberius keine Spur. Augustus und seine Freunde Messala, Pollio und Mäcenas waren Kenner der griechischen Dichter, deren Werke man in öffentlichen Bibliotheken sammelte; in der Umgebung des Tiberius dagegen finden wir weder einen Mäcenas noch einen Messala noch einen Pollio. Augustus war auch äußerlich eine sehr angenehme Erscheinung. Ein heiterer Friede ruhte auf seinem Antlitz. Er machte den Eindruck eines biederen, würdevollen und geistig bedeutenden Alten. Ganz anders Tiberius, von welchem uns dergleichen nirgends berichtet wird.«
Auf diese Weise gab ich eine sehr detaillierte Geschichte des Augustus und fügte nur von Zeit zu Zeit die Bemerkung hinzu, das sei bei Tiberius anders gewesen.
Nachdem ich so mein Wissen erschöpft hatte, schloß ich wie folgt: