»Mensch, Sie verstellen sich in einer Weise, die geradezu empörend ist. Ich frage Sie, was wissen Sie über den Autor der schamlosen Pasquille, die man mir dort auf den Katheder gelegt hat?«
»Erlauben Sie einmal«, sagte Boxer, nach dem Katheder eilend. – Er las mit halblauter Stimme:
»O lieber Gott, in jedem Jahr
Ein frisch besohltes Zwillingspaar …«
»Behalten Sie diese Dummheiten für sich, und gehen Sie auf Ihren Platz zurück!« schrie Brömmel mit steigender Erbitterung.
Boxer raffte die Zettel, die auf dem Katheder lagen, zusammen und steckte sie in die Brusttasche.
»Wenn Sie mir drei Tage Zeit lassen,« sagte er harmlos, »so wird es mir nicht schwer halten, den Urheber zu ermitteln. Ich gehe einfach bei allen Druckereien der Stadt herum und erkundige mich, in welcher Offizin diese Zettel gedruckt worden sind. Das ist das einfachste und sicherste Mittel.«
»Das werden Sie bleiben lassen«, versetzte Brömmel energisch. »Wollen Sie Ihren Impertinenzen die Krone aufsetzen und diese Sudeleien womöglich noch ins Tageblatt befördern? Geben Sie her!«
Boxer nahm jetzt die Stellung ein, die Lessing auf seinem berühmten Gemälde dem Johann Huß zuerteilt hat.
»Herr Professor,« sagte er, »das ist eine schreiende Ungerechtigkeit! Sie bedrohen mich mit einer mehrtägigen Karzerstrafe, falls ich Ihnen den Schuldigen nicht namhaft mache, und dabei suchen Sie mir die Mittel zu entziehen, die allein geeignet sind, mir die gewünschte Entdeckung zu ermöglichen. Herr Professor, Sie werden entschuldigen, wenn ich mich damit nicht beruhigen kann. Ganz ergebenst bitte ich um die Erlaubnis, sofort zum Herrn Direktor gehen zu dürfen. Ich werde ihm die ganze Angelegenheit vortragen und diese Zettel zur Verfügung stellen. Der Herr Direktor mag dann selbst entscheiden, ob ich dafür verantwortlich bin, wenn andere etwas von Zwillingen schreiben. Außerdem habe ich niemals gehört, daß Zwillinge ein Schimpfwort wäre.«