Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer.

Zweites Bruchstück.

Am 5. Mai 18**

… Von mir selber zu reden, verbietet mir eigentlich die mir innewohnende Bescheidenheit. Indes neulich habe ich unserem Religionslehrer einen so köstlichen Streich gespielt, daß ich nicht umhin kann, diese wohlgelungene »Störung« hier aufzuzeichnen. Und eine »Störung« war es in des Wortes tiefgehendster Bedeutung, insofern sie nämlich nicht allein den regelmäßigen Verlauf des Lektionsplanes, sondern mehr noch das gesamte seelische Gleichgewicht unseres trefflichen Lehrers »störte«. Aber ich konnte ihm nicht helfen. Einmal hat er's durchaus nicht um mich verdient, daß ich den Regungen des Mitleids Audienz gebe, da er mir in der Religionsstunde schon dreimal »wegen hartnäckigen Widersprechens« Ordnungsstrafen erteilte. Und dann hätte ich Nerven besitzen müssen von der Dicke und der Dauerhaftigkeit jenes Strickes, den Hutzler im Februar dieses Jahres um seinen Hals wickelte, wenn ich die qualvolle Monotonie, die sich in der religiösen Gesinnung des Herrn Pastors geltend machte, länger hätte ertragen sollen.

Der Herr Pastor …! Wir nennen ihn so, weil er in früheren Zeiten eine Predigerstelle an einem benachbarten Dorfe versah. Er ist indes schon seit geraumer Zeit an unserem Gymnasium in bester Form angestellt und gibt in allen Klassen Glaubenslehre und Kirchengeschichte. Ich unterlasse es, hier auf seine persönliche Beschreibung einzugehen, da es mir doch nicht möglich wäre, seinen wohlwollenden Gesichtszügen und dem sanften Behagen, das um seine schmalen, blutlosen Lippen spielt, stilistisch gerecht zu werden.

Der Herr Pastor ist nämlich ein sehr frommer Mann, was ich ihm durchaus nicht verüble, denn wenn jemand Pastor ist, so versteht es sich von selbst, daß er gewisse Gesinnungen hegt. Wohl aber verüble ich dem Herrn Pastor im höchsten Grade, daß er seiner Frömmigkeit seit so und so viel Jahren in sämtlichen Klassen stets denselben Ausdruck verleiht und so zum Beispiel an jedem Morgen, den Gott werden läßt, aus dem Klassengebetbuch dasselbe Gebet abliest. Wir alle kennen es längst auswendig: aber der Herr Pastor scheint nun einmal die Überzeugung zu hegen, dieses Gebet sei besonders wirksam und gottwohlgefällig. Es beginnt mit den Worten:

»So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines Thrones, o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen um die Gnade Deines Beistandes …«

Es ist mehr als zwei Seiten lang und enthält unter anderm die sehr richtige Bemerkung:

»Schritt für Schritt wandeln wir dem Ende zu und sind ihm jeden Morgen näher gebracht.«

Es hat mir nun fast den Anschein, als ob der Herr Pastor geglaubt habe, durch die fortwährende Betonung dieser unleugbaren Tatsache das immer näher rückende Ende weiter hinausrücken zu können. Denn nur so vermag ich mir zu erklären, wie er immer und immer wieder dieselben Phrasen zum besten gab, ohne zu bedenken, daß jedes unverkünstelte Menschengehirn bei solchem Geklapper aus dem Leim gehen muß. Er scheint eine ganz eigen organisierte Natur zu besitzen. Wir bekamen das trostlose Gebet doch nur jeden Dienstag und Freitag zu hören: er aber trug es seit Menschengedenken auch Montags, Mittwochs, Donnerstags und Sonnabends vor (in Prima und Tertia nämlich), ohne daß es ihm bis jetzt irgend geschadet hätte.