Die Wirkungen dieses Paragraphen waren der Art, daß ich der kompetenten Behörde, falls es ihr um die Förderung der Jugend ernstlich zu tun ist, den Vorschlag mache, künftighin folgende Ukase unter die Gesetzessammlung mit aufzunehmen:

»Die in hohem Grade zeitraubenden und gesundheitswidrigen Privatstudien sind jedem Schüler des Gymnasiums bei Relegation untersagt.«

»Das schweigsame Verhalten während der Lehrstunden zeugt von Stumpfsinn und wird daher dringlich verbeten.«

»Fortgesetzte Nüchternheit schädigt die Elastizität der Seele, wie schon der uralte christlich-germanische Wahlspruch beweist: ›Wer niemals einen Rausch gehabt …‹ Daher sich denn jeder Schüler mindestens dreimal wöchentlich im Zustande eines schönen, augenrollenden Wahnsinns befinden muß.«

Und so weiter.

Nach den bisherigen Erfahrungen würde man auf diesem Weg wahre Musterbilder von fleißigen, aufmerksamen und nüchternen Schülern erziehen.

Kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse wird mir bestreiten, daß es nur das Verbot ist, was den Quartaner an die Regaliakiste und in die Kneipe führt. Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern, daß ich ein stark gebrautes Lagerbier mit einer wahren Überwindung trank, denn es schmeckte mir heillos bitter, und eine Tasse gezuckerter Milch wäre mir hundertmal lieber gewesen: aber ich erblickte im Bier das Kriterium der Männlichkeit, und so bezwang ich mein Widerstreben und sündigte ohne jeden Genuß. Hätte man uns damals täglich drei Seidel als Pensum diktiert, ich hätte mich lieber einsperren lassen, als daß ich mich diesem Zwange in Demut gefügt hätte.

Noch entschiedener und allgemeiner gilt dies vom Rauchen. Mit wahrer Todesverachtung qualmten wir in Tertia unsere Zigarren – nur weil es verboten war! Keinem von uns wäre es im Traum beigefallen, eine so unerfreuliche Summe von Beschwerden und Üblichkeiten durchzumachen, wenn wir nicht aus jenem Gymnasial-Paragraphen die Überzeugung geschöpft hätten, es müsse dem Rauchen doch irgend ein verborgener Zauber innewohnen, der sich durch fortgesetztes Studium entdecken ließe. Das Rauchen der Gymnasiasten würde auf ganz bescheidene Dimensionen beschränkt werden, sobald jener verhängnisvolle Paragraph hinwegfiele. Man gebe die Sünde frei, – und sie hört auf, zu verlocken.

Die Epoche, in der ich am meisten gegen das Tabaksverbot frevelte, war mein Biennium in Quarta und Tertia. Wir hatten da unser sechs eine Art Tabakskollegium gegründet, das seine Sitzungen unter freiem Himmel abhielt. Durch den Wiesengrund am östlichen Ende der Stadt strömte ein Bach, von Erlen und anderem Dickicht umsäumt. Selten nur verirrte sich eines Menschen Fuß an dieses trauliche Ufer – und hier saßen wir geschart und ließen in feierlichem Ernste den Qualm unserer Zigarren zum Firmament aufsteigen. Mein Vater hatte damals von einem bösen Schuldner zweitausend Zigarren an Zahlungs Statt empfangen, die der Versicherung dieses Spekulanten zufolge unter Brüdern hundert Taler wert sein sollten, in Wirklichkeit aber ein so niederträchtiges Kraut waren, daß mein Vater sie schon auf den bloßen Geruch hin beiseite stellte. Da mir um jene Zeit jede, auch die beste Zigarre ganz abscheulich schmeckte, so waren mir diese Zahlungsobjekte trotz ihrer Verwerflichkeit äußerst willkommen. Vor Beginn unseres Tabakskollegiums füllte ich mir die Taschen und regalierte dann meine Genossen mit echten Havannas. Schwarz, der sich viel auf seine Kennerschaft zugute tat, wehte sich wiederholt mit den Fingern den Rauch in die Nase und sagte bedeutsam: »Ja, die Zigarre ist gut!« – »Ein feines Blatt«, fügte Knebel hinzu. Und nun rauchten wir mit wütender Vehemenz – etwa dreimal so schnell als ein erwachsener Durchschnittsraucher. – Knebel ward immer blässer und blässer, aber er lächelte in stoischem Gleichmut und wiederholte nur zuweilen mit halb verlöschender Stimme: »Wirklich, ein sehr feines Blatt! Aber schwer!« – Noch zwei Minuten, und der Ärmste ließ die Zigarre sinken, beugte sich über das Wasser und erbrach sich so heftig, daß ihm der Angstschweiß in großen Perlen auf die fiebernde Stirn trat.