Die Lyrik auf dem Gymnasium.
Ich war vierzehn Jahre alt und erst vor kurzem Sekundaner geworden, als mich plötzlich, wie ein Flammenstrahl aus heiterm Himmel, der Drang nach poetischer Selbstbespiegelung ergriff. Ich erinnere mich noch des Tags und der Stunde … Der Herbstwind strich klagend durch die halbentblätterten Zweige der großen Platanen. Ein feiner Regen stäubte wider die Scheiben, so recht öde und trostlos, als ob die kranke Natur sich matt und erschöpft in den Schlaf weine. Drunten im Hofe sah es möglichst unwirtlich aus. Die versumpften Wege mit ihren großen, gelblichen Pfützen, das bräunliche Laub, das der Wind von Zeit zu Zeit aufwirbelte, das nasse Holzwerk des Spaliers und die triefende Hütte des Jagdhundes, der sein Sommerquartier längst verlassen, um im Hause gegen die Unbilden der Witterung Schutz zu suchen – dies alles machte einen unsagbar traurigen Eindruck. Drüben von der Landstraße her, wo die drei vereinsamten Pappeln wie lange Gespenster in den Dunst hineinragten, tönte das heisere Krächzen der Dohlen: sonst war alles wie ausgestorben …
Am Fenster stehend sah ich dem Hereinsinken der Dämmerung zu. Ein schmaler, blaßgelber Streifen am Horizont bezeichnete mir den Untergang des Tagesgestirns, das seit mehr als einer Woche nicht zum Vorschein gekommen war. Eh' ich's ahnte, war ringsum bleigraue Nacht geworden. Tief atmend trat ich ins Zimmer zurück. Im Ofen brannte ein lustiges Feuer. Auf meinem Arbeitstische glänzte die Lampe, die man in der Zwischenzeit unbemerkt hereingebracht hatte, und auf dem Teppich vor dem Sofa lag mit allen Symptomen der Befriedigung und des Wohlbehagens der treue vierfüßige Begleiter meiner sommerlichen Ausflüge. Ein wunderbares Gefühl von Traulichkeit überkam mich. So schnell als möglich ließ ich den Vorhang herab. Dann setzte ich mich an den Tisch und schrieb mein erstes Gedicht. Seltsamerweise besang ich in diesen kühn gegliederten Versen den Zauber einer mondhellen Sommernacht. Ich pries das »unendliche Gewimmel der Sterne« und die Ulmen, die »sanft versilbert« ihre Häupter ins Blaue erheben! Und doch war das Ganze keineswegs etwas Angekünsteltes und Gemachtes, sondern ein wirklicher Herzenserguß, ein Erlebnis, das mit zwingender Macht nach Gestaltung rang. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß drei oder vier Strophen mit »wenn« begannen, daß eine wahrhaft großartige Summe von schmückenden Beiwörtern verbraucht wurde, und daß ich solche Verse, wo mir der Reim nicht augenblicklich zur Hand war, einfach ungereimt ließ. Dergleichen findet sich in jedem Erstlingsgedichte und wird erst später als Frevel empfunden. Damals glaubte ich etwas wahrhaft Schönes und Imposantes geschaffen zu haben, denn die Fülle meiner subjektiven Stimmung war mir identisch mit dem Geleisteten. Wie viele, sonst sehr achtbare Leute, die nicht vierzehn Jahre alt sind und nicht in Sekunda sitzen, verfallen in einen ähnlichen Irrtum! Was man dem Sekundaner verzeiht, das macht den Erwachsenen einfach lächerlich. Aller Dilettantismus beruht auf dieser Verwechslung. Der Dilettant trägt ganz wie der Dichter eine Welt voll Poesie in der Seele: aber während der schöpferische Poet seine Empfindungen dergestalt in dem Medium der Sprache zu verkörpern weiß, daß der Hörer und Leser das Gesamtbild nachschafft, gelingt dem Dilettanten nur ein trauriges Stammeln. Fehlt ihm nun der kritische Blick für die Kluft, die sein Empfundenes von seinem Gestalteten trennt – und dies ist die Regel –, so ist der Dichterling fertig. Der Sekundaner, der sich auf dieser Stufe befindet, hat die Möglichkeit einer Entwicklung für sich: denn selbst das größte Talent beginnt stümpernd. Der fertige Mensch aber erfährt mit Recht die strengste Beurteilung, denn in der Sphäre der Kunst gibt es keine christliche Milde, wie in der Sphäre der Ethik.
Das war also mein erstes Gedicht, – wenigstens das erste, dessen Genesis mir klar vor der Seele steht. Nun folgten rasch aufeinander die entsetzlichsten Balladen im altdänischen Stile, die furchtbarsten Sonette und die traurigsten Elegien. Ich kaufte mir ein schönes Album mit Goldschnitt, in das ich meine »Schöpfungen«, chronologisch geordnet, eintrug. Bald aber wurde mir dieses Kopieren zu umständlich. Ich dichtete gleich frisch drauf los in den Prachtband hinein, wobei es denn wesentlich darauf ankam, keiner Korrektur zu benötigen. Vom Anlegen der Feile war ich überhaupt damals kein Freund. Ich hatte so viel Stoff zu verarbeiten, daß ich immer wieder nach Neuem drängte. Es ist unglaublich, was ich alles in den Bereich meiner rhythmischen Betrachtungen zog. Sonnenaufgänge, die ich niemals gesehen hatte; die Leiden eines Negerknaben, der am Strande des Quorra von den Weißen geraubt wird; der nächtliche Reiter, der seinen Bruder erstochen und nun am zerbröckelnden Turme Wacht halten muß; die Freude über den bevorstehenden Semesterschluß; Glaube, Liebe und Hoffnung; der Gymnasialkarzer; die Vergänglichkeit alles Irdischen, und die Freuden einer nächtlichen Kahnfahrt: – dies alles war mir gleichmäßig untertan. Ich schrieb eine Ode »An unsern Hund« und einen Hymnus auf das griechische Übersetzungsbuch von Mehlhorn. Ich philosophierte über die Unsterblichkeit der Seele und über den niederträchtigen Nationalcharakter der Punier.