Es gilt hier also, zu unterscheiden und nicht vornehm ablehnend die ernstesten Dinge, die ein Menschenherz zu bewegen imstande sind, mit dem Leichten und Nichtigen über einen Kamm zu scheren. Das herrlichste Mittel, die Leidenschaften zu lenken, ist ihr Verständnis.


Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs.

Es war in Sekunda. Die letzte der nachmittäglichen Unterrichtsstunden neigte sich ihrem Ende zu. Da erhob sich mein Freund Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler – derselbe, der später als neugebackener Primaner jenes denkwürdige Rencontre mit dem Direktor Heinzerling zu bestehen hatte – und bat den Lehrer in der hergebrachten Weise um die Erlaubnis, »mal hinausgehen zu dürfen«.

Es fiel mir auf, daß Wilhelm, als ihm die Bitte gewährt wurde, ganz gegen seine Gewohnheit nach der Mütze griff; – bald aber sollte ich den Grund dieser Maßregel erfahren … Denn als Doktor Brömmel die lateinischen Stilübungen glücklich beendet hatte und sich verabschieden wollte, fand er die Tür des Schulzimmers von außen verschlossen. Wilhelm Rumpf hatte, gleichsam als Vorstudie für sein künftiges Attentat auf Samuel Heinzerling, ganz sachte den Schlüssel herumgedreht und war dann, im Hochgefühl einer bedeutsamen Tat, schmunzelnd von dannen gewandelt.

In den Räumen Sekundas herrschte infolge dieser unerwarteten Einkerkerung großer Tumult. Alles drängte sich eifrig heran und versuchte zu öffnen. Die Schwächeren wurden in dem Gedränge zu Boden geworfen, die Kecken und Rücksichtslosen teilten Püffe und Stöße aus, und der Lehrer selbst geriet in Gefahr, von dem brandenden Ozean der erregten Schuljugend mit fortgerissen zu werden. Nur mühsam und mit Aufbietung aller Körper- und Geisteskräfte gelang es ihm, die Ordnung so weit wieder herzustellen, daß er zum Worte kam. Zerstreut, wie er war, hielt er uns folgende Ansprache: