Daneben haben freilich die Versuche der durch die chemischen Fabriken lebhaft unterstützten Ärzte, neue und immer weniger gefährliche Betäubungsmittel zu finden, niemals aufgehört. Wie auf einer Wandelbühne gingen, für den praktischen Wundarzt fast sinnverwirrend, immer neue Mittel auf, um nach einer kurzen Zeitspanne des Glanzes zu verlöschen und mehr oder weniger der Vergessenheit zu verfallen. Unter den zahllosen Neuerungen der zwei Jahrzehnte nach 1891 seien nur zwei genannt, das Bromäthyl und das Pental, ersteres, weil manche hervorragende Chirurgen längere Zeit an ihm festgehalten haben, letzteres, weil es wohl als das gefährlichste aller Betäubungsmittel angesehen werden muß. Die Gurltsche Statistik berechnet seine Tödlichkeit auf 1:213.


Blieben so Chloroform und Äther unverrückt auf ihrem hervorragenden Platze stehen, so erwuchs ihrer Anwendung doch von anderer Seite her eine überaus dankenswerte Ergänzung in den verschiedenen Maßnahmen, um eine [örtliche Empfindungslosigkeit] herbeizuführen. Schon seit dem Jahre 1866 war der Zerstäuber des Engländers Richardson dazu benützt worden, um durch den schnell verdunstenden Äther eine Vereisungs- und Erfrierungszone an der Körperoberfläche zu erzeugen in deren Bereich kleine, schnell ausführbare Eingriffe schmerzlos vorgenommen werden konnten. Die Methode ist, nur unbedeutend abgeändert, in dauerndem Gebrauch geblieben. Aber der durch sie wiederum angeregte Gedanke der Herbeiführung einer örtlichen Empfindungslosigkeit erhielt einen neuen Anstoß zu weiterer Ausgestaltung, die sich ganz an die Entdeckung des Kokains knüpft. Dies von den Andenindianern Südamerikas schon seit Jahrhunderten benutzte Mittel wurde in die europäische Medizin im Jahre 1884 durch den Wiener Arzt C. Koller eingeführt, zunächst nur zu dem Zwecke, Schleimhautflächen, insbesondere die Bindehaut des Auges, unempfindlich zu machen. Einige Chirurgen hatten auch bereits begonnen, das Alkaloid zu Einspritzungen unter die Haut zu verwenden, als Karl Ludwig Schleich vor den Kongreß von 1892 mit einer gut ausgearbeiteten Methode trat, welche auch ausgedehnte und langdauernde Operationen schmerzlos und fast ohne jede Gefahr auszuführen erlaubte. Es ist sehr bedauerlich, daß die mindestens etwas unvorsichtige Art des Einführungsvortrages den heftigen Widerspruch des damaligen Vorsitzenden Adolf v. Bardeleben und mit ihm des gesamten Kongresses hervorrief, wodurch Schleichs vorzügliche Idee auf ihrem Wege zur praktischen Betätigung für viele Jahre eine starke Behinderung erfuhr; aber durchgesetzt hat sie sich trotzdem und dem Erfinder ist der Ruhm geblieben, daß er die Chirurgie und damit die leidende Menschheit mit einem nahezu gefahrlosen örtlichen Betäubungsmittel beschenkt hat. Wenn es ihm auch nicht gelungen ist, die Einatmungsnarkosen zu verdrängen, wie er ursprünglich gehofft hatte, so hat er sie doch nicht unwesentlich eingeschränkt und damit die Narkosengefahr in sehr merkbarer Weise herabgesetzt. Die Schleichsche Infiltrationsanästhesie gehört zweifellos zu den Ruhmesblättern deutscher Chirurgie.

Es kann diesem Ruhme keinen wesentlichen Eintrag tun, daß die von Schleich ausgebildete Methode bereits vielfach überholt worden ist. Heinrich Braun (Zwickau), der in einer mustergültigen Arbeit vom Jahre 1905 (2. Aufl. 1907) alle bei der örtlichen Betäubung in Frage kommenden Verhältnisse einer eingehenden Würdigung unterzog, hat durch Zusatz von Nebennierenpräparaten die Wirksamkeit und Dauer der Kokainanästhesie in ungeahnter Weise erhöht und damit nicht nur die Operationen fast unblutig gemacht, sondern auch die Vergiftungsgefahr ganz erheblich vermindert. Letztere ist auch dadurch noch weiter herabgesetzt worden, daß Ersatzmittel des Kokains, insbesondere das Novokain, gefunden wurden, welche an sich erheblich weniger giftig sind als das ursprüngliche Alkaloid. So ist das Verfahren selbst bei großen und eingreifenden Operationen fast vollkommen unschädlich geworden.

Die Braunschen Abänderungen haben sich auch für die Fortbildung anderer, älterer wie neuerer Verfahren sehr nützlich erwiesen: so zunächst für die von Oberst (Halle) schon im Jahre 1890 angegebene Methode der Fingeranästhesie mittels zweier Einspritzungen von Kokain längs des Verlaufes der beiden Fingernerven. Sehr viel wichtiger aber, weil in unendlich größerer Ausdehnung verwendbar, war die im Jahre 1899 beschriebene Methode August Biers, damals in Kiel, zur Anästhesierung des Rückenmarkes mittels Einspritzung des Betäubungsmittels in den Sack der harten Rückenmarkshaut, eine Methode, welche im Anschluß an Heinrich Quinckes Lumbalpunktion erdacht worden war. Wenn sich auch das Kokain als solches bald als zu gefährlich erwies, weil es allerlei schwere Erscheinungen, Nachkrankheiten, selbst Todesfälle hervorrief, so hat man doch von einem Verfahren nicht absehen zu müssen geglaubt, welches ursprünglich nur die Operationen bis zur Nabelhöhe, später aber in seiner Vervollkommnung einen noch größeren Teil des Körpers, bei Erhaltung des Bewußtseins, unempfindlich zu machen gestattete. Mittels Ersatzes des Kokains durch verwandte Stoffe (Novokain und Tropakokain) lernte man auch die Gefahren herabmindern, die schließlich auf dem Wege der Mischung des Betäubungsmittels mit Adrenalin (H. Braun — Zwickau) oder mit Strychnin (Jonnescu) oder einer zweiten Lumbalpunktion zur Verminderung des Flüssigkeitsdruckes (E. Küster) auf ein so geringes Maß herabgesetzt wurden, daß heute Biers Erfindung als eine glänzende Errungenschaft der neueren Chirurgie zur Bekämpfung der Operationsgefahren angesehen werden muß. Sie ist freilich in neuerer Zeit durch die weitere Ausbildung der örtlichen Betäubung in ihrer Anwendung etwas beschränkt worden.

Wenn wir zum Schluß auf all die zahlreichen Mittel, welche erdacht wurden, um dem Menschengeschlechte den Operationsschmerz zu ersparen oder zu lindern, einen prüfenden Rückblick werfen, so sind wir zu dem Geständnis gezwungen, daß deren keines vorhanden ist, welches, wie Mikulicz sich ausdrückt, im mathematischen Sinn, d. h. gänzlich und unter allen Umständen gefahrlos ist. Eines schickt sich nicht für alle. Der heutige Wundarzt weiß, daß er stets mit der ungeheuren individuellen Verschiedenheit zu rechnen hat, welche die Zellen des menschlichen Körpers jeder kraftmindernden Einwirkung, möge sie ererbt oder durch Alter, Verletzung und Krankheit erworben sein, an Widerstandskraft entgegenzustellen vermögen. Alle diese Veränderungen zu erkennen befähigt uns auch heute noch nicht eine aufs feinste entwickelte Diagnostik; aber sie hat den Arzt diesem Ziele wenigstens näher gebracht. Wenn ihm daraus die Möglichkeit erwachsen ist, jedem Kranken ohne Ausnahme den Schmerz zu ersparen, so doch auch zugleich die Pflicht, unter der Fülle der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel das für den Fall passendste auszuwählen. Das Studium der physiologischen Wirkungen aller Betäubungsmittel hat aber nicht allein die Möglichkeit geschaffen, unter ihnen von vornherein eine geeignete Wahl zu treffen, sondern auch die weitere, ein Mittel durch ein anderes zu ersetzen, sobald ersteres irgendwelche bedrohlichen Erscheinungen hervorruft. Nur auf diesem Wege ist eine Vervollkommnung der wissenschaftlich geleiteten Narkose noch zu erwarten; aber schon jetzt darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß das drohende Gespenst des Narkosentodes, welches einst den Weg des handelnden Wundarztes bei jedem Schritte begleitete, zwar niemals gänzlich verschwinden, aber für gewöhnlich doch zu einer freundlichen Lichtgestalt sich umwandeln werde, die den Kranken und Elenden mit sanfter Hand über Schmerz und Qual hinaushebt.


Eins der schönsten Geschenke erhielt die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie schon auf ihrem zweiten Kongreß vom Jahre 1873 in Friedrich Esmarchs, des berühmten Kieler Chirurgen, Mitteilung über seine [Methode, künstliche Blutleere] an den Gliedmaßen herbeizuführen und Operationen an ihnen dadurch vollkommen blutlos zu gestalten. Die Frage der Beherrschung eines allzu reichlichen Blutverlustes hatte die Chirurgen schon seit dem Altertum fast fortdauernd beschäftigt, selbst in solchen Zeiten, in welchen die Medizin methodische Blutentziehungen, sowohl am ganzen Körper, wie insbesondere an erkrankten Gliedern, nicht entbehren zu können glaubte. Des Rätsels Lösung, wie dies Ziel erreichbar sei, brachte Esmarchs Methode wenigstens für die Extremitäten.

Es ist müßig, zu erörtern, ob das Verdienst der Erfindung wirklich Esmarch, oder nicht vielmehr seinem damaligen Assistenten J. Petersen oder gar seinem Oberwärter Carstens zugeschrieben werden müsse, da letzterer eines Tages, wie erzählt wird, anstatt der bisher üblichen leinenen, eine elastische Gummibinde zum Einwickeln eines abzusetzenden Gliedes überreicht habe. Schon Jahre zuvor hatte Esmarch sich bemüht, durch sehr feste Einwicklung mit leinenen Binden und darauffolgende Abschnürung an einem höher hinauf gelegenen Punkte die Blutung an den Gliedmaßen auf ein bescheidenes Maß herabzumindern, wie es vor ihm wohl auch manche andere Chirurgen schon versucht hatten. Der Gedanke gehört also im wesentlichen ihm allein und für diese Auffassung spielt das bessere Material, welches ihm oder seinem Assistenten der Geistesblitz eines ungebildeten Mannes in die Hand legte, um so weniger eine Rolle, als der erfahrene Wundarzt sofort die großen Vorzüge, die weit überlegene Benutzbarkeit des neuen Stoffes erkannte. Mit fieberhafter Schnelligkeit und mit überraschenden Erfolgen wurde nunmehr die Methode ausgebildet, welche seitdem unzählige Kranke vor der durch starken Blutverlust erzeugten Schwäche bewahrt und ihnen Gesundheit und Leben erhalten hat. Sie gehört zum festen Bestande der Chirurgie der gesamten gebildeten Welt.

Daß Esmarchs elastische Binde auch weiter als Mittel zur vorläufigen Blutstillung benutzt und daß in seinen Samariterkursen das sehr einfache Verfahren zur Verhütung schwerer Blutverluste auch zahlreichen Laienhänden eingeübt wurde, sei nur nebenbei erwähnt.