Die grosse Bedeutung der Bacterien besteht darin, dass sie die Zersetzung und Fäulniss der organischen Flüssigkeiten bewirken, in welchen sie sich aufhalten. Sie ernähren sich von den organischen Substanzen (namentlich eiweissartigen Körpern), die in solchen Flüssigkeiten aufgelöst sind. Wahrscheinlich sind sie die Ursache vieler der wichtigsten, ansteckenden und epidemischen Krankheiten. So ist es neuerdings namentlich vom Milzbrand und den Blattern festgestellt, dass nur die Bacterien, die im Blute der milzbrandkranken und blatternkranken Thiere leben, die Uebertragung dieser tödtlichen Krankheiten bewirken.
Ueberblickt man unbefangen prüfend und vergleichend die Masse von verschiedenartigen Urwesen, die wir in unserem Protistenreiche vereinigt haben, so scheint die Selbständigkeit dieses letzteren keines weiteren Beweises zu bedürfen. Denn es existirt noch heute eine ungeheuere Menge von formenreichen, mikroskopischen Wesen, die wir ohne willkürlichen Zwang weder zum Thierreich noch zum Pflanzenreich rechnen können. Aber das natürliche Verhältniss dieser beiden grossen Lebensreiche zu jenem neutralen, zwischen Beiden mitten inne stehenden Protistenreiche wird noch vielfacher Durchforschung und Klärung bedürfen. Insbesondere wird die Entwickelungsgeschichte der Protisten noch viel genauer und umfassender zu erforschen sein. Denn vor allen die Entwickelungsgeschichte wird hier, wie überall, der »wahre Lichtträger« für das Verständnis der biologischen Erscheinungen sein.
Uebrigens scheint gegen das Thierreich hin eine feste und klare Abgrenzung des Protistenreichs schon jetzt sicher gewonnen zu sein. Denn bei allen echten Thieren entwickelt sich der Leib aus zwei ursprünglichen Zellenschichten, die unter dem Namen der Keimblätter bekannt sind.
Fig. 51. Gastrula (Darmlarve) eines Kalkschwammes, Olynthus. A von der Oberfläche. B im Längsschnitt. e äusseres Keimblatt (Hautblatt oder Exoderm). i Inneres Keimblatt (Darmblatt oder Entoderm). o Urmund. g Urdarmhöhle.
Aus dem äusseren oder animalen (Exoderma oder Hautblatt, [Fig. 51 e]) entstehen die Organe der Empfindung und Bewegung; aus dem innern oder vegetativen Keimblatte (Entoderma oder Darmblatt, [Fig. 51 i]) die Organe der Ernährung. Das letztere umschliesst eine ernährende Höhle, die erste Anlage des Magens, oder den Urdarm (g), und dieser öffnet sich nach aussen durch eine einfache Mundöffnung, den Urmund (o). Die bedeutungsvolle Keimform, welche uns den Thierleib dergestalt, blos aus zwei Keimblättern gebildet, vor Augen führt, ist die Gastrula (Darmlarve oder Becherkeim).
Fig. 52–57. Gastrula von sechs verschiedenen Thieren. Fig. 52 (B) Wurm(Sagitta). — Ueberall bedeutet: e Hautblatt (Exoderm), i Darmblatt (Entoderm), d Urdarm, o Urmund. Fig. 53 (C) Seestern (Uraster). Fig. 54 (D) Krebs (Nauplius). Fig. 55 (E) Schnecke (Lymnaeus). Fig. 56 (A) Pflanzenthier (Gastrophysema). Fig. 57 (F) Wirbelthier (Amphioxus).