Schon im folgenden Jahre wurden zwei verschiedene, dem Protogenes sehr ähnliche, höchst einfache Organismen von dem ausgezeichneten Mikroskopiker Cienkowski beschrieben. Im ersten Bande des Archivs für mikroskopische Anatomie (S. 203, Taf. XII.-XIV.) veröffentlichte derselbe sehr interessante »Beiträge zur Kenntniss der Monaden.« Unter den verschiedenen Protisten, die Cienkowski hier unter dem alten, vieldeutigen und daher sehr unsicheren Begriffe der »Monaden« zusammenfasst, befinden sich zwei mikroskopische Bewohner des süssen Wassers, welche in der vollkommen einfachen und structurlosen Beschaffenheit ihres kernlosen, strahlenden Protoplasma-Körpers dem Protogenes gleichen, die Gattungen Protomonas (Monas amyli) und Vampyrella (letztere mit drei verschiedenen Arten). Sie unterscheiden sich aber von dem ersteren durch die Art und Weise ihrer Fortpflanzung. Während der Protogenes, nachdem er durch Wachsthum ein gewisses Grössenmaass erreicht hat, dieses nicht weiter überschreitet, sondern ohne Weiteres in zwei Stücke zerfällt, ziehen Protomonas und Vampyrella ihre Strahlen ein und gehen in einen Ruhestand über, in welchem sich die kleine Protoplasmakugel einkapselt oder encystirt, mit einer Hülle (»Cyste«) umgiebt. Innerhalb dieser kleinen Hülle zerfällt die Protomonas in sehr zahlreiche Kügelchen, die Vampyrella in vier Stücke (Tetrasporen). Alle diese Theilstücke werden später frei und entwickeln sich durch einfaches Wachsthum zu der reifen Form.
Inzwischen hatte ich selbst eine vierte ähnliche Gattung von höchst einfachen Organismen im süssen Wasser bei Jena beobachtet, welche einer gewöhnlichen Amoebe ganz gleich sich verhält, aber von dieser letzteren durch den Mangel eines Zellkerns und einer contractilen Blase sich unterscheidet. Ich nannte sie daher Protamoeba primitiva. Während bei den drei ersterwähnten Schleimkügelchen (Protogenes, Protomonas, Vampyrella) überall zahlreiche Fäden aus der Oberfläche des centralen Protoplasma-Körpers ausstrahlen, sehen wir statt deren bei Protamoeba — ganz wie bei der gewöhnlichen Amoeba — wenige kurze, fingerförmige Fortsätze sich ausstrecken, welche ihre Gestalt beständig ändern; sie werden eingezogen und an einer andern Stelle wieder vorgestreckt. Hat die Protamoeba durch Nahrungsaufnahme (die ebenfalls wie bei Amoeba erfolgt) eine gewisse Grösse erreicht, so zerfällt sie durch Theilung in zwei Hälften. Ich machte die erste Mittheilung darüber in meiner »generellen Morphologie« (Bd. I. S. 133). Später habe ich von Protamoeba primitiva Abbildungen gegeben, welche u. A. in die »Natürliche Schöpfungsgeschichte« (VI. Aufl. S. 167) und in die »Anthropogenie« (III. Aufl. S. 414) aufgenommen sind.
Gestützt auf diese Beobachtungen, die späterhin durch die Untersuchungen anderer Forscher, wie durch meine eigenen noch beträchtlich erweitert wurden, gründete ich 1866 in der »Generellen Morphologie« für alle diese Organismen von einfachster Beschaffenheit eine besondere Classe unter dem Namen der Moneren, d. h. der »Einfachen«. Im ersten Bande (S. 135) sagte ich damals:
»Um diese einfachsten und unvollkommensten aller Organismen, bei denen wir weder mit dem Mikroskop, noch mit den chemischen Reagentien irgend eine Differenzirung des homogenen Plasmakörpers nachzuweisen vermögen, von allen übrigen, aus ungleichartigen Theilen zusammengesetzten Organismen bestimmt zu unterscheiden, wollen wir sie ein für allemal mit dem Namen der »Einfachen« oder »Moneren« belegen. Gewiss dürfen wir auf diese höchst interessanten, bisher aber fast ganz vernachlässigten Organismen besonders die Aufmerksamkeit hinlenken und auf ihre äusserst einfache Formbeschaffenheit bei völliger Ausübung aller wesentlichen Lebensfunctionen das grösste Gewicht legen, wenn es gilt, das Leben zu erklären, es aus der fälschlich sogenannten »todten Materie« abzuleiten, und die übertriebene Kluft zwischen Organismen und Anorganen auszugleichen. Indem bei diesen homogenen belebten Naturkörpern von differenten Formbestandtheilen, von »Organen«, noch keine Spur zu entdecken ist, vielmehr alle Moleküle der structurlosen Kohlenstoffverbindung, des lebendigen Eiweisses, in gleichem Maasse fähig erscheinen, sämmtliche Lebensfunctionen zu vollziehen, liefern sie klar den Beweis, dass der Begriff des Organismus nur dynamisch oder physiologisch aus den Lebensbewegungen, nicht aber statisch oder morphologisch aus der Zusammensetzung des Körpers aus »Organen« abgeleitet werden kann.«
In den folgenden Jahren wurde der Kreis unserer Erfahrungen über diese wunderbaren »Organismen ohne Organe« wesentlich erweitert. Auf meiner Reise nach den canarischen Inseln (1866 und 1867) richtete ich natürlich meine ganze Aufmerksamkeit auf dieselben und war denn auch so glücklich, noch mehrere neue Moneren-Formen zu entdecken. Auf den weissen Kalkschalen, eines merkwürdigen Cephalopoden (Spirula Peronii), die zu Tausenden an den Küsten der canarischen Inseln angetrieben zu finden sind, bemerkte ich zuweilen zahlreiche rothe Pünktchen, welche sich unter der Lupe als zierliche Sternchen und bei starker Vergrösserung als orangerothe Protoplasma-Scheiben oder -Kugeln zu erkennen gaben, von deren Umfange zahlreiche baumförmig verästelte Fäden ausstrahlten. Die genauere Untersuchung zeigte, dass auch diese (verhältnissmässig colossalen) Protoplasma-Körper kernlos und structurlos waren und sich in ähnlicher Weise wie Protomonas fortpflanzten, nämlich dadurch, dass der kugelig zusammengezogene und eingekapselte Körper in zahlreiche kleine Stücke zerfiel. Ich nannte diese interessante neue Moneren-Gattung Protomyxa aurantiaca und habe sie zuerst auf Taf. I. der »Natürl. Schöpfungsgeschichte« abgebildet. Eine ähnliche stattliche Monerenform entdeckte ich sodann in demselben Jahre (1867) im Schlamme des Hafenbeckens von Puerto del Arrecife, der Hafenstadt der canarischen Insel Lanzarote, und bezeichnete sie als Myxastrum radians. Sie ist dadurch ausgezeichnet, dass die Theilstücke oder Sporen, in welche der kugelige Körper bei der Fortpflanzung zerfällt, sich radial gegen den Mittelpunkt der Kugel ordnen und spindelförmige Kieselhüllen ausschwitzen, aus denen später das junge Moner ausschlüpft.
Gestützt auf alle diese Beobachtungen, veröffentlichte ich 1868 in der »Jenaischen Zeitschrift für Naturwissenschaft« eine ausführliche Monographie der Moneren. (Bd. IV, S. 64, Taf. II. und III). Hier sind alle eigenen und fremden Beobachtungen ausführlich zusammengestellt und erläutert. Es ergaben sich damals sieben verschiedene Gattungen von Moneren. Durch spätere Beobachtungen ist die Zahl der Arten auf 16 gesteigert worden, worüber ich in den »Nachträgen zur Monographie der Moneren« berichtet habe (Jenaische Zeitschr. für Naturw. 1877. Bd. VI. S. 23). Die Unterschiede aller dieser Moneren beruhen nur darauf, dass die weiche, schleimige Körpermasse in verschiedener Form sich ausbreitet und bewegt, und dass die ungeschlechtliche Fortpflanzung (durch Theilung, Sporenbildung u. s. w.) auf verschiedene Weise geschieht.
II. Zur Geschichte des Bathybius.
Das hohe Interesse, das die Moneren in morphologischer sowohl, als physiologischer Beziehung darbieten, wurde noch gesteigert, als 1868 der erste Zoologe Englands, der berühmte Thomas Huxley, eine neue, ganz eigenartige Moneren-Gattung unter dem Namen Bathybius Haeckelii beschrieb (Journal of microscop. science, Vol. VIII, N. S. p. 1, Pl. IV). Abweichend von den übrigen Moneren sollte dieser Bathybius eigenthümlich geformte mikroskopische Kalkkörperchen einschliessen: Coccosphaeren und Coccolithen (Discolithen und Cyatholiten); die formlosen Protoplasma-Klumpen desselben aber, von sehr verschiedener Grösse, sollten in ungeheuren Massen die tiefsten Abgründe des Meeres bedecken, unterhalb 5000 Fuss bis zu 25000 Fuss hinab. Mit diesem formlosen Ur-Organismus einfachster Art, der zu Milliarden vereinigt den Meeresboden mit einer lebendigen Schleimdecke überzieht, schien ein neues Licht auf eine der schwierigsten und dunkelsten Fragen der Schöpfungsgeschichte zu fallen, auf die Frage von der Urzeugung, von der ersten Entstehung des Lebens auf unserer Erde. Mit dem Bathybius schien der berüchtigte »Urschleim« gefunden zu sein, von dem Oken vor einem halben Jahrhundert prophetisch behauptet hatte, dass alles Organische aus ihm hervorgegangen, und dass er im Verfolge der Planeten-Entwickelung aus anorganischer Materie im Meeresgrunde entstanden sei.
Der Tiefseeschlamm, welcher die Bathybius-Massen enthält, wurde zuerst bei Gelegenheit der grossartigen Tiefgrund-Untersuchungen entdeckt, die seit dem Jahre 1857 behufs Legung des transatlantischen Telegraphen-Kabels angestellt wurden. Man fand schon damals das »atlantische Telegraphen-Plateau«, jene mächtige Tiefsee-Ebene, welche sich in einer durchschnittlichen Tiefe von 12,000 Fuss von Irland bis Neufundland erstreckt, allenthalben mit einem eigenthümlichen, grauen, äusserst feinpulverigen Schlamme bedeckt: Derselbe zeichnete sich durch zähe, klebrige Beschaffenheit aus und zeigte bei mikroskopischer Untersuchung Massen von kleinen kalkschaligen Rhizopoden, insbesondere Globigerinen, und ferner, als Hauptbestandtheile, die sehr kleinen, als Coccolithen bezeichneten Kalkkörperchen. Aber erst elf Jahre später, als Huxley 1868 mittelst eines sehr scharfen Mikroskopes eine erneute genaue Untersuchung desselben Schlammes, auch in chemischer Beziehung, vornahm, entdeckte er darin die nackten, freien, formlosen Protoplasma-Klumpen, welche neben den genannten Theilen die Hauptmasse des Schlammes bilden. »Diese Klumpen sind von allen Grössen, von Stücken, die mit blossem Auge sichtbar sind bis zu äusserst kleinen Partikelchen. Wenn man sie der mikroskopischen Analyse unterwirft, zeigen sie — eingebettet in eine durchsichtige, farblose und strukturlose Matrix — Körnchen, Coccolithen und zufällig hineingerathene fremde Körper.«
Lebender Bathybius wurde zuerst 1868 von Sir Wyville Thomson und Professor William Carpenter, zwei ebenso erfahrenen als scharfsichtigen Zoologen, während ihrer nordatlantischen Tiefsee-Expedition auf dem Kriegsschiffe »Porcupine« beobachtet. Sie berichten über den frisch heraufgeholten lebendigen Tiefsee-Schlamm: »Dieser Schlamm war wirklich lebendig; er häufte sich in Klumpen zusammen, als ob Eiweiss beigemischt wäre; und unter dem Mikroskope erwies sich die klebrige Masse als lebende Sarcode.« (Annals and magaz. of nat. hist. 1869, Vol. IV, p. 151). Ferner sagt Sir Wyville Thomson in seinem höchst interessanten Werke über die Meerestiefen (The depths of the Sea II. Edit. 1874. p. 410): »In diesem Schlamm (Globigerinen-Schlamm aus 2,435 Faden oder ca. 14,600 Fuss Tiefe, aus der Bay von Biscaya), wie in den meisten anderen Schlamm-Proben aus dem atlantischen Ocean-Bett, war eine beträchtliche Quantität einer weichen, gallertigen, organischen Materie nachweisbar, genug, um dem Schlamme eine gewisse Klebrigkeit zu geben. Wenn der Schlamm mit schwachem Weingeist geschüttelt wurde, fielen feine Flocken nieder, wie von geronnenem Schleime; und wenn ein wenig von demjenigen Schlamme, an welchem die klebrige Beschaffenheit am deutlichsten hervortritt, in einem Tropfen Seewasser unter das Mikroskop gebracht wird, können wir gewöhnlich nach einiger Zeit ein unregelmässiges Netzwerk von eiweissartiger Materie sehen, unterscheidbar durch seine bestimmten Umrisse und nicht mit Wasser mischbar. Man kann sehen, wie dieses Netzwerk seine Form allmählig ändert und die eingeschlossenen Körnchen und fremden Körper ihre relative Lage darin verändern. Die Gallert-Substanz ist daher eines gewissen Grades von Bewegung fähig, und es kann kein Zweifel sein, dass sie die Erscheinungen einer sehr einfachen Lebensform zeigt.« So wörtlich Sir Wyville Thomson (a. a. O. S. 411).