Die üppige Ebene von Brussa, die südlich vom Olympgebirge, nördlich von den Höhenzügen des Arganthonios (jetzt Katirli) umschlossen wird, ist ungefähr vier deutsche Meilen lang, eine Meile breit, und fast in ihrer ganzen Ausdehnung teils mit fruchtbaren Wiesen, teils mit Maulbeerpflanzungen bedeckt. Dieser Maulbeerwald ist das große Proviantmagazin für die Seidenraupen, welche Brussas wichtigsten Handelsartikel, die kostbare Brussaseide, spinnen. Zahlreiche, aus dem Olymp hervorquellende Bäche sorgen für beständige Bewässerung der Ebene. Während die Hauptmasse des Olymp nach Süden steil abfällt, strahlen nach Norden von seinem Fuße zwölf gewaltige Bergrücken aus, zwischen denen ebensoviele Schluchten liegen. In jeder Schlucht rauscht ein Bergstrom, der aus tausend Quellen das schmelzende Schneewasser des Olympgipfels sammelt. Diese Bergströme führen auch im heißesten Sommer eine nie versiegende Wasserfülle in das Tal, und darin liegt bei dem köstlichen Klima die Hauptursache der üppigen Vegetationsfülle, wie des poetischen Reizes der herrlichen Gegend. Überall rieseln kalte und warme Quellen aus den Schluchten des Götterberges, Wasserfälle stürzen von seinen jähen Felswänden, plätschernde Brunnen versorgen alle Teile der Stadt, und hier wird der Koranspruch zur Wahrheit:

„Das Wasser hat Leben

Allen Dingen gegeben.“

(Min el — mai

Küllun schejun hai.)

Eine von den erwähnten Schluchten, wegen ihrer himmelhohen Felswände das Himmelstal (Gökdereh) genannt, geht durch den östlichen Teil der Stadt mitten hindurch und ist von einer kühnen Brücke überspannt. Im Grunde rauscht der wilde Bergstrom über Felsentrümmer, während die Felsenmauern an beiden Seiten, unterhalb der Häuser, mit Buschwerk und Schlingpflanzen behangen sind. Eine andere, kleinere, aber ebenfalls sehr malerische Schlucht (Kodocha Naib) durchschneidet den westlichen Teil der Stadt. Zwischen diesen beiden Schluchten erheben sich, mitten über Brussa, auf einer gewaltigen, fast senkrecht abfallenden Felsenterrasse, die Ruinen der Zitadelle und der ältesten osmanischen Herrscherpaläste, derjenigen von Muhammed I. und Murad I., daneben die Moschee Sultan Orchans und die Grabkapellen von Orchan und Osman. Auch vom Marmorbade des Harems sind noch bedeutende Reste vorhanden. Von der alten Festung, der ältesten des osmanischen Reiches, sind nur noch ein paar Mauern und Turmruinen übrig, und im Grase versteckt liegen vier uralte, verrostete, eiserne Kanonenläufe. Wilder Wein und Efeu überziehen wuchernd das zerfallene Trümmerwerk. Gleich hinter der Zitadelle liegt Bunarbaschi, das „Quellenhaupt“, einer der beliebtesten öffentlichen Spaziergänge Brussas. Hier trifft man jederzeit, besonders aber gegen Abend, lustwandelnde oder auf den Rasenplätzen gelagerte Gruppen, die im Schatten alter Platanen ihren Tschibuk rauchen, Kaffee schlürfen und dem Gemurmel der vorübereilenden Bergbäche lauschen.

Unmittelbar an diese reizende Promenade stößt ein Friedhof mit mächtigen alten Zypressen, und wenn wir diesen durchschreiten und dann auf einem anmutigen Felsenpfade den Berg eine Viertelstunde hinansteigen, so kommen wir zu den berühmten Wallfahrtsorten zweier mohammedanischer Heiligen, Murad Abdal und Seid Nassir. Von hier genießen wir bei Abendbeleuchtung eine der schönsten Aussichten über die ganze, zu unseren Füßen liegende Stadt, über die weite grüne Ebene und über die fernen Arganthoniosberge, die im Glanze der Abendsonne sich in das zarteste rosige Gewand hüllen.

Nicht weniger als 365 malerische Aussichtspunkte und anmutige Spaziergänge zählen die Bewohner von Brussa mit Stolz in ihrer herrlichen Umgebung auf, und ebenso groß soll auch die Zahl der glänzenden Kuppeln, der Moscheen und Gruftkirchen sein, die aus dem bunten Häusermeer der Stadt und aus den überall eingestreuten grünen Gärten hervorragen. Doch ist wohl die Mehrzahl derselben jetzt halb verfallen oder ganz zerstört. Immerhin dürften noch gegen 200 Kuppeln vorhanden sein, und diese gehören nebst den schlanken Minaretten und den uralten Zypressen zu den charakteristischen Zierden der Stadt. Die weißen Minarette, die gleich hohen Marmorsäulen über die metallglänzenden Kuppeln der Moscheen emporstreben, stehen in lichtvollem Kontrast zu den düstern, schwarzgrünen Zypressen, welche überall einzeln und gruppenweise in der Stadt und ihrer nächsten Umgebung zerstreut sind. Nie habe ich gewaltigere und ehrwürdigere Zypressen gesehen als hier in Brussa. Verglichen mit diesen mächtigen, uralten Riesen, erschienen mir die berühmten Zypressen der Villa d’Este in Tivoli bei Rom als schlanke Jünglinge. Überaus wirkungsvoll heben sich ihre dichten, schwarzen Nadelpyramiden auf der lichtvollen und farbenprächtigen Landschaft von Brussa ab, besonders wenn die untergehende Sonne diese mit einem zauberhaften roten Glanze überzieht.

Gleich allen anderen Städten des Orients ist auch Brussa im Innern viel weniger anziehend als von außen. Doch zeichnen sich die engen Straßen durch verhältnismäßige Reinlichkeit aus, und die blumenreichen Gärten hinter den Häusern geben ihnen einen freundlichen Charakter. Die Stadt zieht sich über eine Stunde lang am Olympabhange hin, ist aber kaum eine Viertelstunde breit. Die Einwohnerzahl, früher weit über hunderttausend, beträgt jetzt kaum 70000, darunter ungefähr 10000 Armenier, 6000 Griechen und 3000 Juden. Auch einige deutsche Kaufleute leben in Brussa, darunter ein Badenser, namens Schwab, der zugleich das Amt eines deutschen Vizekonsuls vertritt. Wir lernten in ihm einen ebenso liebenswürdigen als fein gebildeten und poetisch begabten Landsmann kennen und denken mit Vergnügen an die höchst angenehmen Abende zurück, die wir in seinem gastfreien Hause verlebten. Ganz besonders erfreut war ich, in Herrn Schwab einen warmen Freund der „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ zu entdecken und zu hören, daß er dem „Darwinismus“ unter den Anwohnern des asiatischen Olympos schon manchen Anhänger geworben hat.

Unter den öffentlichen Gebäuden von Brussa sind vor allen die von den ältesten Osmanen-Sultanen gegründeten Moscheen und Grabdenkmäler von Interesse, sowohl durch ihren architektonischen Schmuck als durch die daran geknüpften historischen Erinnerungen. Alle die älteren Herrscher der Osmanen-Dynastie haben sich hier durch schöne Kuppeldome verewigt: voran Osman, Ertoghruls Sohn, der als Gründer des Osmanenreichs sich welthistorische Bedeutung erwarb; dann Orchan, der nach langer hartnäckiger Belagerung im Jahre 1326 Brussa eroberte, kurz vor dem Tode seines Vaters Osman; darauf Murad I., welcher den Schrecken der türkischen Waffen nach Europa trug und 1389 in der siegreichen Schlacht auf dem Amselfeld in Serbien fiel. Murads Sohn war Childrim Bajasid, der „Blitzstrahl“, der gewaltige Krieger, der bis in das westliche Ungarn vordrang, 1396 bei Nikopolis den deutschen Kaiser Sigismund schlug, selbst aber 1402 in der furchtbaren Schlacht bei Angora von dem Mongolen Timur geschlagen und gefangengenommen wurde. Auf Bajasid folgte sein Sohn Mohammed I., auf diesem Murad II. und dann Mohammed II., der 1453 Konstantinopel eroberte. Alle diese mächtigen Sultane des Osmanenreiches, die das ganze Abendland mit ihrer furchtbar wachsenden Macht in Schrecken setzten, haben in Brussa eine Zeitlang residiert und Moscheen gestiftet; die meisten sind auch dort begraben.