Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als die erste Gruppe Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein Vordermann taumelte infolge einer Wunde am Handgelenk, aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die Seite legen. Ich packte ihn am Arm, riß ihn trotz seines Stöhnens hoch und gab ihn erst beim Sanitätsunterstand neben dem K. T. K. ab.

In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen stark außer Atem. Die schlimmste Ecke war ein Tal, in das wir gerieten, und in dem ununterbrochen Schrapnells und leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit sprühend. Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der Atem aus, denn ich wußte Bruchteile von Sekunden vorher aus dem immer schärfer werdenden Heulen, daß der absteigende Ast der Geschoßkurve unmittelbar bei mir enden mußte. Gleich darauf wuchtete neben meiner Fußsohle ein schwerer Aufschlag, weiche Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade diese Granate ging blind!

Hier war eine Mustergelegenheit, den Einfluß des Offiziers geltend zu machen. Überall eilten ablösende und abgelöste Trupps durch Nacht und Feuer, zum Teil völlig verirrt, vor Aufregung und Erschöpfung stöhnend; dazwischen erschollen Zurufe, Befehle und in eintöniger Wiederholung die langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelände verlorener Verwundeter. Ich gab Verirrten im Vorbeirasen Auskunft, zog Leute aus Granatlöchern, bedrohte die, die sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um alle zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch ein Wunder nach Combles.

Wir mußten von Combles noch über Sailly und die Gouvernements-Ferme zum Walde von Hennois marschieren, in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte sich unsere Erschöpfung erst in vollem Maße. Den Kopf stumpfsinnig zu Boden gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen oder Munitionskolonnen an die Seite gedrückt, unsere Straße entlang. In einer Art von krankhafter Nervosität war ich fest überzeugt, daß die vorbeirasselnden Fahrzeuge nur uns zum Ärger so scharf am Wegrande fuhren und überraschte meine Hand mehr als einmal am Kolben des Revolvers.

Nach dem Marsche mußten wir noch Zelte aufschlagen und konnten uns dann erst auf den harten Boden werfen. Während unseres Aufenthaltes in diesem Waldlager gingen gewaltige Regengüsse nieder. Das Stroh in den Zelten begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fünf Kompagnieoffiziere ließen uns durch die Nässe wenig stören, sondern saßen jeden Abend auf unseren Koffern im Zelte hinter einer Batterie von Flaschen zusammen.

Nach drei Tagen rückten wir wieder nach Combles ab, wo ich mit meinem Zug vier kleinere Keller bezog.

Am ersten Morgen war es verhältnismäßig ruhig; ich machte daher einen kleinen Spaziergang durch die verwüsteten Gärten und plünderte mit köstlichen Pfirsichen behangene Spaliere. Bei meinen Irrgängen geriet ich in ein von hohen Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schöner, alter Sachen bewohnt haben mußte. An den Wänden der Zimmer hing eine Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose liebt, Weihwasserbecken, Kupferstiche und holzgeschnitzte Heiligenbilder. In großen Schränken stapelte altes Porzellan, zierliche Lederbände waren auf den Boden geschleudert, darunter eine köstliche alte Ausgabe des Don Quijote. Es war ein Jammer, all diese Schätze dem Verderben preisgegeben zu sehen.

Als ich in mein Domizil zurückkehrte, hatten die Leute, die auch ihrerseits die Gärten untersucht hatten, aus Gemüse und Fleischkonserven, Kartoffeln, Erbsen, Möhren, Artischocken und vielerlei Grünkram eine Suppe gebraut, in der der Löffel stehen blieb. Während des Essens schlug eine Granate ins Haus und drei in die Nähe, ohne uns weiter zu stören. Wir waren durch die Überfülle der Eindrücke schon zu sehr abgestumpft. In dem Hause mußte sich schon Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im Mittelzimmer erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer Reihe ins Holz gegrabener Namen. Am nächsten Mittag holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers einen Band der illustrierten Beilagen des „Petit Journal“, die in fast jedem französischen Hause zu finden sind und von wüster Geschmacklosigkeit strotzen; dann setzte ich mich in ein erhaltenes Zimmer, entzündete im Kamin aus Möbelstücken ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mußte häufig den Kopf schütteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affäre gedruckten Nummern in die Hände geraten. Ungefähr um 7 Uhr hatte ich die letzte Seite umgewandt und ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers, wo meine Leute an einem kleinen Herd kochten.

Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustür einen scharfen Knall, und im selben Moment spürte ich einen starken Schlag gegen meinen linken Unterschenkel. Mit dem uralten Kriegerruf: „Ich habe einen weg!“ sprang ich, meine Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter.

Es wurde rasch Licht angezündet und der Fall untersucht. In der Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus dem ein Blutstrahl auf den Boden sprang. Auf der anderen Seite erhob sich der rundliche Wulst einer unter der Haut liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich und trugen mich über die beschossene Straße in die Katakomben, wo mich unser Oberstabsarzt in Empfang nahm. Während mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje den Kopf hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel heraus, wobei er mich beglückwünschte, denn das Blei war scharf zwischen Schien- und Wadenbein hindurchgegangen, ohne einen Knochen zu verletzen. Habent sua fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd, indem er mich einem Sanitäter zum Verbinden überließ.