Für den kommenden Einsatz war ich als Spähoffizier bestimmt und stand mit einem Spähtrupp und zwei Unteroffizieren und vier Mann der Division zur Verfügung.
Am 8. November fuhr das Bataillon bei strömendem Regen nach dem von der Zivilbevölkerung verlassenen Dorfe Gonnelieu. Von dort wurde der Spähtrupp nach Liéramont abkommandiert und dem Leiter des Divisionsnachrichtendienstes, Rittmeister Böckelmann, unterstellt. Der Rittmeister bewohnte mit uns vier Spähoffizieren, zwei Beobachtungsoffizieren und seinem Adjutanten das geräumige Pfarrhaus, in dessen gemütlich eingerichteten Zimmern ein kameradschaftliches Zusammenleben geführt wurde.
Unsere Vorgänger machten uns mit der Stellung der Division vertraut. Wir mußten uns jede zweite Nacht nach vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die Stellung genau festzulegen, die Anschlüsse zu prüfen und uns überall zu orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle Aufträge ausführen zu können. Der mir als Arbeitsgebiet zugewiesene Abschnitt lag links vom St. Pierre-Vaast-Walde, unmittelbar vor dem sogenannten „Namenlosen Walde“. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich beim Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen Sumpfes fast ertrunken wäre, in eine dichte Geschoßwolke von Phosgengas, die mich tränenden Auges zum Vaux-Walde zurückscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske geblendet, von einem Trichter in den anderen stürzte.
Am 12. November trat ich, auf besseres Glück hoffend, mit dem Auftrage, die Anschlüsse in der Trichterstellung festzustellen, meinen zweiten Gang nach vorn an. An einer in Erdlöchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte ich meinem Ziele zu.
Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf einem vor dem Dorfe Rancourt liegenden Plateau waren zahllose Miniaturkrater verstreut, hier und dort von einigen Leuten besetzt. Das Gelände machte in seiner Einsamkeit, in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertönte, einen Eindruck beängstigender Öde.
Nach einiger Zeit verlor ich den Anschluß an die Trichterlinie und ging zurück, um nicht den Franzosen in die Hände zu laufen. Ich stieß dabei auf einen bekannten Offizier vom Regiment 164, der mich warnte, in der anbrechenden Dämmerung noch länger zu verweilen. Ich durchschritt daher eilig den „Namenlosen Wald“ und stolperte durch tiefe Trichter, über entwurzelte Bäume und ein fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener Äste.
Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden. Das Trichterfeld lag ohne eine Spur von Leben vor mir. Ich stutzte, denn in der modernen Schlacht sind menschenleere Flächen stets verdächtig.
Plötzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schützen abgegebener Schuß, der mich an beiden Unterschenkeln traf. Ich warf mich in den nächsten Trichter und verband die Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpäckchen natürlich wieder vergessen hatte. Ein Geschoß hatte mir die rechte Wade durchbohrt und die linke gestreift.
Mit äußerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurück und humpelte von dort durch das schwerbeschossene Gelände zum Verbandplatz.
Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafür, von wie kleinen Umständen das Glück im Kriege abhängt. Ungefähr 100 Meter vor einer Straßenkreuzung, auf die ich zustrebte, rief mich der Führer einer schanzenden Abteilung an, mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten hatte. Kaum hatten wir eine Minute gesprochen, als mitten auf der Kreuzung eine Granate krepierte, die ohne diese zufällige Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben würde.