Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen Auftrag, den Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille von zwei Gruppen bis zum völligen Übergang des Regiments über die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille, deren Führung energischen Offizieren übertragen war, besetzt werden. Die Abschnitte waren vom rechten Flügel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir unterstellt. Die Dörfer, die wir auf unserem Marsch nach vorn passierten, hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen. Ganze Kompagnien stießen und rissen Mauern um oder saßen oben auf den Dächern und zertrümmerten die Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen, rings stiegen von gewaltigen Schutthaufen Rauch und Staubwolken auf, kurz, es wurde eine Orgie der Vernichtung gefeiert.
Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, voll unglaublichem Eifer umherrasen. Sie fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken der Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit dem taktmäßigen Geschrei größter Anstrengung so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere schwangen gewaltige Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion eines Wintergartens.
Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jeder Baum gefällt, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen verpestet, jeder Flußlauf abgedämmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefährdet, alle Vorräte oder Metalle zurückgeschafft, jede Schiene abmontiert, jeder Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, das Land, das den vordringenden Gegner erwartete, war in ödeste Wüste verwandelt.
Die moralische Berechtigung dieser Zerstörungen ist viel umstritten, doch scheint mir das chauvinistische Wutgeheul diesmal verständlicher als der befriedigte Beifall der Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende friedlicher Menschen ihrer Heimat beraubt werden, muß das selbstgefällige Machtgefühl schweigen.
Über die Notwendigkeit der Tat bin ich als preußischer Offizier natürlich keinen Augenblick im Zweifel. Kriegführen heißt, den Gegner durch rücksichtslose Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist der Handwerke härtestes, seine Meister dürfen der Menschlichkeit nur so lange das Herz öffnen, als sie nicht schaden kann.
Daß diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht schön war, tut nichts zur Sache. Der aufmerksame Beobachter ersah es schon aus der Weise, in der sich der objektive Führerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von niederen Instinkten umsetzte.
Am 13. verließ die zweite Kompagnie die Stellung, die ich mit meinen beiden Gruppen übernahm. In dieser Nacht fiel ein Mann mit dem ominösen Namen Kirchhof durch Kopfschuß. Merkwürdigerweise war dieses Unglücksgeschoß das einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer Stunden abgeschossen wurde.
Ich ordnete alles Mögliche an, um den Gegner über unsere Stärke zu täuschen. Bald wurden hier, bald dort einige Schaufeln voll Erde über Deckung geworfen, und unser einziges Maschinengewehr mußte bald vom rechten, bald vom linken Flügel eine Reihe von Schüssen abgeben. Trotzdem klang unser Feuer recht dünn, wenn niedrigfliegende Beobachter die Stellung überkreuzten oder eine Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland durchquerte. Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten vor unserem Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu schaffen machten.
Am vorletzten Tage hätte ich beinahe ein ärgerliches Ende gefunden. Der Blindgänger einer Ballonabwehrkanone sauste aus gewaltiger Höhe herunter und explodierte auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenüberliegende Öffnung eines Stollens geschleudert, wo ich mich äußerst verdutzt wiederfand.
Am 17. morgens merkten wir, daß ein Angriff nahe bevorstehen mußte. Im vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten englischen Graben erklang das Patschen vieler Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung verriet, daß diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet haben mußten. Dunkle Gestalten näherten sich unserem Draht und wurden durch Schüsse vertrieben, eine brach jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine Leute igelförmig um die Einmündung eines Laufgrabens zusammen und bemühte mich, das Vorgelände in dem plötzlich einsetzenden Artillerie- und Minenfeuer durch Leuchtkugeln zu erhellen. Da uns die weißen bald ausgingen, jagten wir ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um 5 Uhr die Stunde der befehlsmäßigen Räumung anbrach, sprengten wir noch rasch die Unterstände mit Handgranaten auseinander, soweit wir sie nicht vorher mit teilweise genial konstruierten Höllenmaschinen versehen hatten.