In den frühen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde Beschießung mit schweren und schwersten Kalibern ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Stöße in der Nähe einschlagender Blindgänger erschüttert und drohte einzustürzen. Als das Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum Sanitätsunterstand „Kolumbusei“ und erkundigte mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit Freude hörte ich, daß er in verhältnismäßig guter Verfassung zurückgeschafft sei.
Zu später Stunde erschien mein Essenträgertrupp und brachte der kleinen, auf 20 Mann zusammengeschmolzenen Kompagnie warmes Essen, Büchsenfleisch, Kaffee, Brot, Tabak und Schnaps. Wir aßen kräftig und ließen ohne lästigen Standesunterschied die Flasche mit „98prozentigem“ rundgehen. Dann gaben wir uns dem Schlafe hin, der durch aus dem Bachgrund aufsteigende Mückenschwärme, Granaten und zeitweilige Gasbeschießungen reichlich gestört wurde.
Infolgedessen schlief ich am nächsten Morgen so fest, daß mich meine Leute nach stundenlangem, schwerstem Feuer wecken mußten. Sie berichteten, daß von vorn dauernd Leute zurückkämen mit der Angabe, die vordere Linie sei geräumt und der Gegner im Vordringen.
Nach dem alten Soldatengrundsatz: „Gut gefrühstückt, hält Leib und Seele zusammen“, stärkte ich mich zunächst, steckte mir eine Pfeife an und sah dann zu, was draußen los war.
Ich hatte nur einen bescheidenen Überblick, da die ganze Umgebung in dichten Qualm gehüllt war. Das Artilleriefeuer wurde von Minute zu Minute gewaltiger und erreichte bald jenen Höhepunkt, auf dem die Nervenerregung, keiner weiteren Steigerung fähig, in eine beinahe lustige Gleichgültigkeit umschlägt. Andauernd prasselten Schauer von Erdklumpen auf unser Dach, zweimal wurde das Haus selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere, milchweiße Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten. Ein Stück dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein vor meinen Füßen und brannte noch minutenlang weiter. Verzögerungsgeschosse wühlten sich dröhnend in den Boden, flache Erdglocken hochstoßend. Gas- und Nebelschwaden krochen schwerfällig über das Schlachtfeld. Kurz vor uns ertönte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen, daß der Feind schon nahe herangekommen sein mußte.
Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von Leuten durch den wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser. Ich erkannte den Bataillonskommandeur, Hauptmann von Brixen, der sich mit verbundenem Arm auf zwei Sanitäter stützte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig zu, daß der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor längerem Verweilen ohne Deckung.
Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden Trichter oder zerschellten an den Mauerresten. Immer mehr flüchtige Gestalten verschwanden hinter uns im Dunst, während rasendes Gewehrfeuer für die erbitterte Verteidigung der vorn Festhaltenden zeugte.
Es galt zu handeln. Ich beschloß, die Rattenburg zu verteidigen und machte den Leuten, von denen einige bedenkliche Gesichter zogen, klar, daß ich an Rückzug nicht im entferntesten dächte. Die Mannschaft wurde hinter Schießscharten verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in eine Fensteröffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz bestimmt, und ein Sanitäter, der gleich reichliche Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich nahm ein herumliegendes Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um den Hals.
Da mein Häuflein sehr klein war, versuchte ich, es durch die zahlreichen führungslos umherirrenden Leute zu verstärken. Die meisten folgten willig unseren Zurufen, froh, sich anschließen zu können, während andere, von ihren Nerven verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick gestutzt hatten. In solchen Fällen hört jede zarte Rücksicht auf.
„Anschlagen!“ rief ich meinen Leuten zu, die vor mir im Schutze des Hauses standen, und schon fielen ein paar Schüsse. Von den Mündungen der Gewehre magnetisch angezogen, kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen Drückeberger langsam näher, obgleich man ihren Mienen ansah, wie ungern sie uns Gesellschaft leisteten. Eine mir wohlbekannte Kasinoordonnanz versuchte, sich durch allerlei Ausflüchte loszuwinden, ich ließ jedoch nicht locker. „Aber ich habe ja gar kein Gewehr!“ „Dann warten Sie, bis einer totgeschossen wird!“