Nachdem sich auch der Gegner etwas zurückgezogen hatte, begann ein hartnäckiges Feuergefecht, währenddessen ein 50 Meter von uns postiertes Lewis-Gewehr unsere Köpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von uns nahm das Duell auf. Eine halbe Minute lang knatterten die beiden Mordwaffen, von Geschossen umspritzt, gegen einander los. Dann brach unser Richtschütze, der Gefreite Motullo, mit einem Kopfschuß zusammen. Obwohl ihm das Gehirn bis zum Kinn über das Gesicht lief, war er noch bei klarem Verstande, als wir ihn in den nächsten Stollen trugen. Allmählich wurde es etwas ruhiger, da auch die Engländer an einer Barrikade arbeiteten. Um 12 Uhr erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und Leutnant Vogt und beglückwünschten mich zu den Erfolgen der Kompagnie. Wir setzten uns in das Blockhaus, frühstückten von den englischen Vorräten und besprachen die Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefähr 25 Engländern, deren Köpfe 100 Meter vor uns aus dem Graben tauchten, und die sich anscheinend ergeben wollten. Sowie ich mich aber über Deckung erhob, wurde ich von weiter hinten beschossen.

Plötzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten flogen. Gewehre knallten, MG. ratterten. „Sie kommen! Sie kommen!“ Wir sprangen hinter die Sandsäcke und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus, sprang in der Hitze des Kampfes oben auf die Barrikade und schoß so lange in den Graben, bis ihn zwei schwere Armschüsse herunterfegten. Ich merkte mir diesen Helden des Augenblicks und hatte die Freude, ihm 14 Tage später zum E. K. I gratulieren zu können.

Kaum waren wir von diesem kleinen Intermezzo zum Frühstück zurückgekehrt, als von neuem ein Heidenlärm losbrach. Es trat einer jener merkwürdigen Zwischenfälle ein, an denen die Kriegsgeschichte im großen und kleinen so reich ist. Das Geschrei rührte von einem Offizier-Stellvertreter des linken Nachbar-Regiments, der mit uns Verbindung aufnehmen wollte und von gewaltiger Rauflust beseelt war. Alkoholgenuß schien seine angeborene Tapferkeit zur Raserei entfacht zu haben. „Wo ist der Tommy? Ran an die Hunde! Los, wer kommt mit?“ In seiner Wut riß er unsere schöne Barrikade ein und stürzte vor, sich den Weg mit krachenden Handgranaten bahnend. Vor ihm glitt seine Ordonnanz durch den Graben und erledigte mit Gewehrschüssen die dem Sprengstoff Entronnenen.

Mut, tollkühner Einsatz der eigenen Person wirken immer begeisternd. Auch wir wurden vom Draufgängertum gepackt und beeilten uns, einige Handgranaten aufraffend, an dem improvisierten Sturm teilzunehmen. Bald befand ich mich neben dem Offizier-Stellvertreter, und auch die anderen Offiziere, gefolgt von Leuten meiner Kompagnie, ließen sich nicht lange bitten. Selbst der Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, befand sich mit einem Gewehre in der Hand unter den Vordersten und streckte über unsere Köpfe hinweg mehrere feindliche Werfer nieder.

Die Engländer wehrten sich wacker. Es wurde um jede Schulterwehr gerungen. Die schwarzen Bälle der Mill-Handgranaten kreuzten sich in der Luft mit unseren Gestielten. Hinter jeder genommenen Schulterwehr fanden wir Leichen oder noch zuckende Körper. Man tötete sich, ohne sich zu sehen. Auch wir hatten Verluste. Neben der Ordonnanz fiel ein Stück Eisen zu Boden, dem der Mann nicht mehr ausweichen konnte; er brach zusammen, während sein Blut aus vielen Wunden auf den Lehm sickerte.

Über seinen Körper hinweg sprangen wir weiter. Donnerkrachen zeichnete unseren Weg. Hunderte von Augen lauerten in dem toten Gelände hinter Gewehr und Maschinengewehr auf Ziel. Wir waren schon weit vor den eigenen Linien. Von allen Seiten pfiffen uns Geschosse um die Stahlhelme oder zerschellten mit hartem Knall am Grabenrand.

Ein rechts abzweigender Graben wurde von uns folgenden Leuten des Regiments 225 ausgeräumt. In die Zwickmühle geratene Engländer versuchten, über freies Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei einer Treibjagd.

Dann kam der Höhepunkt; der atemlose Gegner, dem wir hart auf den Fersen geblieben waren, machte Anstalten, durch einen rechts abbiegenden Verbindungsgraben zu entweichen. Ich sprang auf einen Postenauftritt und sah, daß dieser Graben eine ganze Strecke lang dem unsrigen in einer Entfernung von 20 m parallel lief. Der Feind mußte also noch einmal an uns vorbei. Wir konnten von unserem erhöhten Standpunkt den Engländern, die vor Eile und Aufregung stolperten, direkt auf die Stahlhelme sehen. Ich schleuderte den Vordersten eine Handgranate vor die Füße, so daß sie stutzend stehen blieben, und die ihnen Folgenden eingekeilt wurden. Nun entstand eine unbeschreibliche Vernichtung; Handgranaten flogen wie Schneebälle durch die Luft, alles in weißlichen Qualm hüllend. Zwei Leute reichten mir ununterbrochen fertige Wurfgeschosse zu. Zwischen den zusammengeballten Engländern zuckten Blitze auf, Fetzen und Stahlhelme hochschleudernd. Wut- und Angstgebrüll mischte sich. Feuer vor den Augen, sprangen wir schreiend auf den Grabenrand.

Mitten in diesem Taumel wurde ich durch einen furchtbaren Schlag zu Boden geworfen. Ernüchtert riß ich meinen Stahlhelm herunter und erblickte zu meinem Schrecken zwei große Löcher darin. Der Fahnenjunker-Unteroffizier Mohrmann, der mir beisprang, beruhigte mich durch die Versicherung, daß an meinem Hinterkopfe nur ein blutender Riß zu sehen wäre. Das Geschoß eines weiter entfernten Schützen hatte meinen Stahlhelm durchschlagen und den Kopf gestreift. Halb betäubt, wankte ich mit verbundenem Kopfe zurück, um mich aus diesem Brennpunkte des Kampfes zu entfernen. Kaum hatte ich die nächste Schulterwehr passiert, als ein Mann hinter mir herstürzte und hervorstieß, daß Leutnant Tebbe an derselben Stelle soeben durch Kopfschuß gefallen wäre.

Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich sträubte mich, die Tatsache zu fassen, daß ein Freund, mit dem ich jahrelang Freud, Leid und Gefahr geteilt, und der mir vor wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen hatte, durch ein sinnloses Stück Blei sein Ende gefunden haben sollte. Es war leider nur zu wahr.