Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches Leben im Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie suchten noch ihre Deckungen zu erreichen. Artilleristen schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre Fahrzeuge; Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war der reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde, der unbegreiflicherweise nichts zu merken schien.

Zum Glück stieß ich auf den Führer der zweiten Maschinengewehrkompagnie, Leutnant Fallenstein, einen alten Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft zeigen konnte. Sein erstes Wort war: „Mensch, wie sehen Sie denn aus?“ Ich führte meine Leute in einen großen Stollen, an dem wir in der Nacht wohl ein dutzendmal vorbeigelaufen waren, und in dem ich Schmidtchen vorfand, der von unserem Unglück noch nichts wußte. Auch die Führer fand ich hier wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue Stellung bezogen, die Auswahl der Führer stets selbst und mit der größten Sorgfalt getroffen. Im Kriege lernt man gründlich, aber das Lehrgeld ist teuer.

Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte ich mich auf den Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen Nacht. Der Platz sah schaurig aus. Rings um die verbrannte Einschlagsstelle lagen über 20 geschwärzte Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der Gefallenen mußten wir später als vermißt führen, da nichts von ihnen vorzufinden war.

Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschäftigt, aus dem gräßlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen der Toten hervorzuziehen und nach Beute zu durchsuchen. Angeekelt jagte ich das Hyänengelichter fort und gab meiner Ordonnanz den Auftrag, soweit möglich, die Brieftaschen und Wertsachen an sich zu nehmen, um sie für die Hinterbliebenen zu retten. Wir mußten sie allerdings am folgenden Tage beim Sturm zurücklassen.

Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der Leutnant Sprenger mit einer Schar von Leuten, die dort die Nacht verbracht hatten. Ich ließ die Gruppenführer melden und stellte fest, daß mir noch 63 Mann zur Verfügung standen. Mit über 150 war ich am Abend zuvor in bester Stimmung ausgezogen! Es gelang mir, über 20 Tote und über 60 Verwundete, von denen später noch viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln.

Der einzige schwache Trost war, daß es noch schlimmer hätte kommen können. So stand z. B. der Füsilier Rust so dicht neben dem Einschlag, daß die Tragegurte seiner Munitionskästen anfingen zu brennen. Der Unteroffizier Peggau, der allerdings am nächsten Tage sein Leben lassen mußte, stand zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen wurden, ohne auch nur geritzt zu werden.

Wir verbrachten den Tag in gedrückter Stimmung, meist schlafend. Ich mußte häufig zum Bataillonskommandeur, da immer wieder etwas über den Angriff zu besprechen war. Sonst führte ich mit meinen beiden Offizieren, auf einer Pritsche liegend, eine Unterhaltung über die nebensächlichsten Dinge, um den marternden Gedanken zu entgehen. Der stete Refrain war: „Mehr als totgeschossen können wir Gott sei Dank nicht werden!“ Eine kleine Ansprache, mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos auf der Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig Wirkung zu haben. Ich war auch zum Ermutigen nicht disponiert.

Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl zum Abmarsch in vordere Linie. Wenn ein Tier der Wildnis aus seiner Höhle hervorgezerrt wird, oder ein Seemann die rettende Planke unter seinen Füßen sinken sieht, mögen sie ähnliche Gefühle haben wie wir, als wir uns von dem sicheren, warmen Stollen trennen mußten. Jedoch kam nicht einem meiner Leute der Gedanke, unbemerkt zurückzubleiben.

Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben und kamen ohne Verluste vorn an. Dem Bataillon war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen. Sämtliche Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die übrigen gruben sich Löcher in die Grabenwände, um während des dem Angriff vorausgehenden Artilleriefeuers wenigstens etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her hatte jeder sein Plätzlein gefunden. Noch einmal versammelte der Hauptmann von Brixen die Kompagnieführer zur Besprechung. Nachdem zum letzten Mal die Uhren verglichen waren, trennten wir uns mit einem Händedruck.

Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine Stollentreppe, um den Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit dem die Feuervorbereitung beginnen sollte. Die Stimmung hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehört hatte und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach. Wir verbrachten die Zeit mit Erzählen und Essen; es wurde stark geraucht, und die gefüllte Feldflasche machte stetig die Runde. In den ersten Morgenstunden war die feindliche Artillerie so lebhaft, daß wir fürchteten, der Engländer hätte Lunte gerochen.