Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach Puisieux zurückzuführen, wo ich bei der Ankunft die Order vorfand, mich am nächsten Morgen mit zwei Gruppen an dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen. Um 3.40 Uhr brachen wir, das heißt der Leutnant Voigt von der Sturmkompagnie mit einem Stoßtrupp und ich mit meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf. Wir hatten Befehl, den Graben nach einer fünfminutigen Artillerie- und Minenvorbereitung vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzuteilen.

Ich darf nicht verschweigen, daß wir beide die Feuervorbereitung und überhaupt das Nehmen und Besetzen des tief in der Mulde liegenden, von allen Seiten eingesehenen Grabens für unnötig und verkehrt hielten. Der entscheidende Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen, so mußte man ihn nehmen und war dann auch im Besitze der Mulde. Ich hegte den bestimmten Verdacht, daß der Angriff von hinten nach der Karte befohlen war, denn wer das Gelände vor Augen hatte, konnte keine derartigen Anordnungen treffen.

Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet wurde, traten wir an und rollten den Graben auf. Kurz vor Z1 stießen wir auf Widerstand, der durch Handgranaten gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht hatten und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten wir eine Barrikade und ließen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr dahinter zurück.

Das einzige Vergnügen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom Sturmtrupp, die mich lebhaft an Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten. Diese jungen Krieger mit gewaltigen Haarschöpfen und Wickelgamaschen gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit, weil einer den anderen Schlappsack geschimpft hatte und fluchten dabei wie die Landsknechte. „Mensch, alle haben doch nicht so’n Schiß wie du!“, schrie zuletzt einer und rollte allein noch 50 Meter Graben auf.

Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurück. Sie hatte Verluste gehabt und sich nicht länger halten können. Ich hatte die Leute bereits aufgegeben und wunderte mich, daß überhaupt jemand lebend bei Licht den langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren können. Das sind die Folgen des Papierkrieges.

Trotz unserer Gegenstöße saß der Feind fest im linken Flügel unserer vorderen Linie und in den verbarrikadierten Verbindungswegen, die Hauptwiderstandslinie bedrohend.

Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den neuen Abschnitt C der Hauptwiderstandslinie, den ich am nächsten Tage übernehmen sollte. Ich ließ mir von dem Kompagnieführer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen Postenstand. Plötzlich packte mich Gipkens und riß mich zur Seite. Im nächsten Augenblick spritzte ein Geschoß auf dem Sand meines Sitzplatzes auseinander. Durch einen glücklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein Gewehr langsam aus einer Schießscharte der 40 Meter entfernten feindlichen Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine scharfen Künstleraugen das Leben gerettet. Wie mir nachher erzählt wurde, waren an dieser so harmlos aussehenden Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch Kopfschuß gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine nicht sonderlich starke Schießerei aus meinem Bunker gelockt, in dem ich gerade gemütlich lesend am Kaffeetische saß. Vorn stiegen beständig Sperrfeuerzeichen hoch. Zurückhumpelnde Verwundete erzählten, daß die Engländer in den Abschnitten B und C in die Hauptwiderstandslinie, in A ins Vorfeld eingedrungen wären. Gleich darauf kam die Unglücksbotschaft, daß die Leutnants Vorbeck und Grieshaber bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant Kastner schwer verwundet wäre. Um 8 Uhr kam auch der Leutnant Sprenger, der stellvertretend die fünfte Kompagnie geführt hatte, mit einem Splitter im Rücken in meinen Unterstand, kräftigte sich durch einen „Blick in die Röhre“ und begab sich mit dem Zitat: „Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo“ zum Verbandplatze. Ihm folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender Hand.

Am nächsten Morgen lösten wir die Besatzung des Abschnittes C ab, der inzwischen wieder vom Feinde geräumt war. Ich fand dort Pioniere Boje und Kius mit einem Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und zwei Engländer (Mützenschild: South-Africa, Otago-Rifles). Alle waren durch Handgranatentreffer übel zugerichtet. Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen furchtbare Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen.

Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewöhnlichen pessimistisch-ironischen Ton begrüßte, fühlte ich die entsetzten Augen eines meiner Rekruten, eines Seminaristen, auf mir ruhen. Ich durchschaute seinen Gedankengang und erschrak zum erstenmale über die abstumpfende Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur noch als Sache zu betrachten.

Ich ließ die Barrikade besetzen und den Graben aufräumen. Um 11.45 Uhr eröffnete, ohne daß wir zuvor benachrichtigt wurden, die eigene Artillerie ein wildes Feuer auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr Treffer bekamen als die Engländer. Das Unglück ließ nicht lange auf sich warten. Der Ruf „Sanitäter!“ flog von links durch den Graben. Hineilend, fand ich vor der Barrikade im Heckengraben eine unförmliche Leichenmasse, die Überreste meines besten Zugführers. Er hatte den Volltreffer einer eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen. Uniform- und Wäschefetzen, die ihm der Druck der Explosion vom Leibe gerissen hatte, hingen über ihm im zerhackten Gezweig einer Weißdornhecke. Ich ließ eine Zeltbahn über ihn werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich darauf wurden an derselben Stelle noch drei Mann verwundet, einem von ihnen beide Hände am Gelenk durchschlagen. Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf die Schultern einen Krankenträgers gelegt, blutüberspritzt zurück. Der Gefreite Ehlers wand sich, vom Luftdruck betäubt, auf der Erde.