Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine Vermählung mit der Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trägt er den ahd. Beinamen des Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen Wünschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, Wunschmädchen. Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und führt uns sogleich 1) auf Walburgis Mutter Wunna, aus deren Namen die Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine Frau Guta bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt Wunsch 2) auf den Namen eines der Brüder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch Gewährende.

Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende); diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe dar. Des andern Bruders Wilibald Name knüpft sich an den eddischen Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.

Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, Wulferi, Merciorum regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i. dives, potens, wieder allmächtige Gott gleicherweise der Reiche genannt wurde. Sämmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also nächstverwandt mit den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den jenes Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar geleitet, ist Walhall, nordisch Valhöll, und der silbergedeckte Saal darin heisst Valaskiâlf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der Auserwählten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der angelsächsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft.

Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des Gottes stürmische Brautwerbung im Mittwinter (den Zwölften) voraus, wo die leidenschaftlich Wünschenden zu Verwünschten, die Liebenden zu Wüthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden (Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die Bedeutung des Wortes wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt, die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal Gefallnen auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, sonst nach der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brünne ist blutbespritzt, Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer Rosse herab und reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, und von ihren Zaubergesängen

verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag. Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt umschwebt Kara ihren im Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thüren gekreideten Trudenfuss, oder es erscheint das leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar in Gestalt einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der Königin Berta wird eine Königin Gansfuss, Reine pédauque. Wollen sich die Bollandisten III, 516b erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. Walburg verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin gehören nun die vielfachen Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga (Wassertrüdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige Walküre und der für seinen gelähmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der Fussgelähmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrîker heisst, weil sie in schädigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. Grimm RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens Walburg in das Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine der Walküren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich besungene Königstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig starke, kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), welchen Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem hervorragenden Berge des dortigen Südlandes.

Vala wird dorten die böse Stiefmutter genannt im Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag. 107. 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die sich zu ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel über den Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in der Wünschelburg wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde Riesin, eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und Thiere zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem übrigen Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird darüber zur Göttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der Frau Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jägerin stiess sie ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schüttelte ihr Haupthaar wild umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure Jagdgöttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Süddeutschland erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem letzterwähnten Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mägde auf den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr ein thüringischer Bericht, Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon ältere Notiz in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen, sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. ungleichfädiges Garn. Die Thüringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole das Garn."—

Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, darum wird am Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwähnte Liebesorakel erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren Wunschkinder herauszuschöpfen.

In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen, 117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezügliche Schimpfname ist Hullsluder. Schönwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 heisst Frau Hilde Verhellen, bei Müllenhoff 178 Ver-Wellen. Der bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit diesem Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden, älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier abgeschlossen.

Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wûtfutter genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei welchem