dass die ältesten Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt (Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise frühzeitig an das benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. 881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist längst nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht werden können. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein grosse Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Plünderung dergestalt, dass es von den Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert haben, und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat 1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden Chorherrnstift, Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig fliessenden und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der ältesten Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurückgeht, einige werthvolle Ergänzungen, die den damaligen Ort, seine Lage

und Umgebung unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen führt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, damit aber auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre Untersuchung hernach überzugehen hat.

An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altrömische Stadt gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlässigkeit das Ewige Licht ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfüllten die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Wächter darüber verwundert dem Orte zueilten, fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen Schritte Lieder singend, nachrückten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten Sarg begleiteten. Plötzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die Luft, schwebte über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschädigung gezeigt hätte. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem weltlichen Besitze und übergab sie der Ortskirche unter dem Namen Wîhegaȥȥa, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst täglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.

Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas Reliquien von ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur Stiftskirche erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit über den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich über die zehn Minuten vom Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser Schluss wird unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, das bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt worden ist; in diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am Ufer des Rheines mit vielen Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte Weihegasse eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte führt, da hinaus trägt Verena den Aussätzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst hier eine nördlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe, lauter Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der römischen Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller in den Zürch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am Rheinufer stehen noch fünfzehn Eichenpfähle von der römischen Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen Wasserstand des Jahres 1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Mühe, denn sie staken mit ihren eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des römischen Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner kleinen Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft, zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das österliche Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die Prozession der Stiftsherren und der religiösen Sodalitäten; derjenige Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus erblickte,

so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum wieder in die Stiftskirche zurück.

Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach kirchlich verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knüpfen sich hier an den Namen der Königin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des Ungarnkönigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin seit 1294 in ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000 Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und 133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in Nothfällen aus der Kirche zu nehmen und in Privathäuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich mitgetheilt steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag (Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt wurde. Den Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche, Moritzkapelle

und Verenagruft wurden ausgeräumt, in letzterer jedoch die Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, unversehrt gelassen. Nach Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen Reliquien lagen in der Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hölzernen Särglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken mit Asche und Kohle.[[Nachtrag 2]] Während man Sarg und Inhalt ins Feuer warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben unversehrt ein kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und der Röhrknochen eines Armes; diese drei Stücke wurden nachmals den Chorherren wieder zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird seitdem für Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh. Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so geflökt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe mindestens 5,152 Gld. betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstände schliesst mit der Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag mit keim gut bezalt werden, dess wir beroubt sin worden." Huber l.c. 93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen Gürteli; Silber von St. Verena

köpfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel besessen, welche in der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347 doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, also eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869 eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies könne man bei so vielerlei Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche übertragen, wobei jener Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.

Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde 3, 279) zuerst Erwähnung thut und also sich ausdrückt: ecclesia Sancte Verene in Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh eine Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher Scholasticus Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur eine selige Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch andern wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring anvertraut. Diesen stiehlt ein Bösewicht, wirft, da der Priester darnach forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der Untreue. Da überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies gemeinsame Sage erinnert hier