frî, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frîn: pulcher, venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch artig, hübsch sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem allzu stürmischen Liebhaber; "de sim-mer jo die freinste Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. Der Stamm des Wortes geht durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus Veneris) heisst irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr und Venusgräs, norwegisch Mariagras, weil die Schönheit das höchste Epithet bleibt, das an Göttinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung war sogar schon den nordischen Quellen geläufig und hat darin ihre Berechtigung, dass beide ursprünglich nur die in zwei Seiten auseinander gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines älteren Göttersystems gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und Leichenfelder zehntet, hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube eine familiäre, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist die frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen, zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So urtheilt über die Vanengötter überhaupt Weinhold D. Frauen, 30.

Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die

angeführten Namen der Göttin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen einer und derselben Göttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des schweiz. Tannhäuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in denen die Minnegöttin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und Hexengeschichten übertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von der Omeiss 36, lässt die Hexen in Frau Fenusberg fahren; schon fünfzig Jahre vor ihm nennt Joh. Nider († 1440) im Formicarius zum gleichen Zwecke den Venusberg, und nach hessischen Hexenakten von 1628 regiert im Venusberg Frau Holda. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit Kröten zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhäuserliede selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt:

Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet

Und drunter wie Schlangen und Chrotte.

Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die öffentlichen Frauenhäuser Venushäuser genannt und nach der einmal vorhandenen Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhäuser. Ein Stadtquartier Hamburgs mit einem besondern Hügel, das den Dirnen zum Wohnorte angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder Aussätzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei, Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt (ed. K. Gödeke, S. 151):

zuo Basel in der Malentz gassen

do hat sich fraw Venus nider glassen.

Auch dieser Umstand dient uns zur Erklärung einer sonderbar lautenden Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und führt an einer alten Linde vorbei, deren zerklüfteter Stamm mit Ziegelsteinen ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden. An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der ältesten Legendenaufzeichnung erwähnte Siechenhaus, das erst in diesen fünfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der Landvogt von Baden zur Eröffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt, erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen Tanz um den Baum thun musste. Dafür erhielt sie einen Gulden Zehrgeld, gestiftet von jener Königin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres erschlagnen Vaters, das Kloster Königsfelden bei Brugg erbaut hatte. Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen "Metzentanzes" ebenfalls Erwähnung, verlegt ihn aber fälschlich unter die Linde des Städtchens Brugg, also dem Stifte Königsfelden zunächst. So war Verena die Patronin der Frauenhäuser und Metzen geworden.