Und als Jakob den vierten Morgen wiederkam, fragte er Schlangenkönig wieder: Schlangenkönig willst du mir Margrethchen wiedergeben und die andern Jungfrauen, daß sie frei aus deinem Gebiete weggehen und eine jede so viel mittragen dürfen, als sie mit den Händen tragen können? Und Schlangenkönig war mürb geworden, denn es hatte diese Nacht sehr gefroren, und ihn hungerte und durstete gewaltig, auch sah er, daß Jakob einen frischen Haselstock in der Hand führte doppelt so dick als der vorige. Und Schlangenkönig ließ es diesmal auf den Stock nicht ankommen und nickte dreimal mit dem Kopfe Ja. Und Jakob sagte zu ihm: Schlangenkönig schwöre mir's bei deiner Seligkeit und bei der Hoffnung, die du hegst, dieser häßlichen bunten Haut einmal ledig zu werden—und Schlangenkönig nickte ihm den Schwur auch dreimal zu.

Als dies geschehen war, nahm Jakob sein Messer und schnitt das Kreuz glattweg von dem Kreuzstock, worum Schlangenkönig geschlungen hing, und in demselben Augenblick glitt Schlangenkönig herunter und ringelte sich im Grase und machte sich die erfrornen und zerschlagenen Glieder erst wieder ein wenig geschmeidig. Darauf kroch er vor Jakobs Füße und richtete sich auf und senkte sich dann wieder vor ihm, wie ein kluges und gehorsames Pferd sich erst vor dem Reiter zu richten und wieder zu senken pflegt, daß er aufsteige. Und Jakob verstand den Wink, denn er wußte wohl, daß zu der Insel weder Brücke führte noch Nachen ging; und er zeichnete sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und betete ein Gebet und rief: Nun in Gottes Namen! und so schwang er sich auf sein buntes Pferd. Und sausend fuhr Schlangenkönig mit ihm über die Wiese dahin und in einem Hui hatte er ihn über das Wasser getragen.

Schlangenkönig sprang nun gegen das eiserne Gartenthor, welches kein anderer öffnen konnte als er, und das Thor that sich sogleich auf, und sie gingen beide hinein. Da fand Jakob seine Margarethe wieder, und wie sich die beide gefreut haben, wer will das beschreiben? Aber unendlich ward der Jubel im Schlosse und Garten und klang und brausete aus allen Stimmen zum Himmel, als Jakob verkündigte, alle eingefangene Jungfrauen sollen nun wieder frei seyn und mit ihm und Margrethen aus dem verzauberten Schlosse und Garten ziehen. Und er hieß die hübschen Kinder sich tummeln und einpacken, was jedes mitnehmen wolle, denn in zwei Stunden solle die Reise von der Insel vor sich gehen. Und sie liefen die eine hiehin die andere dahin und waren sehr geschäftig, aber Schlangenkönig war sehr traurig und sah es mit weinenden Augen an. Und als Jakob ihn so traurig sah, jammerte ihn seines Schicksals und daß er in dem scheußlichen Schlangenrock gehen mußte wegen seiner früheren Sünden und Schulden, bis ein unschuldiges junges Blut sich über ihn erbarmte und ihn lieb hätte. Und er tröstete ihn und sprach: Schlangenkönig sey du nur nicht so traurig, daß diese alle von dir gehen und wieder zu den Ihrigen reisen wollen; denn von diesen allen kann dich ja doch keine einzige mehr erlösen. Und daß sie dir das Schloß ein bischen leer machen, das schadet dir ja auch nichts: du behältst immer noch Schätze und Herrlichkeiten genug. Du jammerst mich und ich will dir darum noch einen guten Rath geben, und den verschmähe nicht. Laß dein trotziges und herrisches Wesen fahren und sey nicht so klug und listig. Denn mit Klugheit und List richtest du es nicht aus, das hast du wohl lange merken können, und obgleich du der Schlangenkönig heißeste bist du gewiß nicht verwandelt worden, daß du ein Herr seyn sollst, sondern ein Diener sollst du seyn und dienen sollst du lernen in Reue und Buße über deine begangenen Sünden, damit derjenige sich über dich erbarme, welcher der Herr aller Könige ist. So ist es gemeint mit dem bunten Schlangenrock, den du tragen mußt: du sollst demüthig und gehorsam werden, so magst du noch wohl Liebe und Erlösung finden. Aber ein trotziges und listiges Herz, das keine Demuth hat, kann auch keine Liebe in der Brust haben; und wie kannst du glauben, daß ein junges unschuldiges Herz den Schlangenkönig umarmen soll, wenn es ihm nicht anmerkt, daß Liebessehnsucht und Frömmigkeit in ihm wohnt?

So sprach Jakob ganz beweglich zum Schlangenkönig, und als die Jungfrauen und Margarethe fertig waren, da rief er: Thu uns auf, Schlangenkönig! Und Schlangenkönig stieß mit dem Kopf gegen das Eisenthor des Gartens und es sprang weit auf; und sie gingen alle heraus und Schlangenkönig ging mit ihnen. Als sie nun an das Wasser kamen, war da weder Brücke noch Nachen, und Jakob sprach. Hurtig, Schlangenkönig! mach Anstalt! mach uns die Brücke fertig! Schlangenkönig aber konnte es nicht lassen, er brauchte wieder eine List und spannte ein dünnes glänzendes Spinnwebchen wie einen Bogen über das Wasser von einem Ufer zum andern und sprach lächelnd: Ich kann euch nicht helfen, dies ist die einzige Brücke, auf welcher man von dieser Insel über den See kommen kann. Er hoffte aber in seinem Herzen, es werde niemand darauf treten, aus Furcht zu ersaufen, und so werde er durch diese Feinheit alle die Jungfrauen glücklich da behalten als Dienerinnen und den Jakob obenein als Diener. Aber Jakob hatte von solchen Kniffen der Geister schon oft gehört, nahm sein Margrethchen an die Hand und rief: In Gottes Namen! alle mir nach! Und so sprang er auf die dünne Spinnwebbrücke und Margrethchen mit ihm, und in demselben Augenblicke legte sich die Spinnwebenbrücke als die schönste und breiteste Marmorbrücke über das Wasser, und er und Margrethchen und die andern Jungfrauen gelangten glücklich hinüber. Und als sie alle am Lande waren, war die Brücke in der Sekunde wie versunken und man sah keine Spur mehr von ihr, auch nicht einmal das Spinnwebenfädchen. Und sie waren alle froh aber erstaunt und sahen und hörten nichts als ein leises Wimmern hinter sich; das war wohl der Schlangenkönig, der über seine schönen Jungfrauen weinte.

Jakob lief nun über die Wiese hin mit seinem Margrethchen und mit der schneeweißen Jungfrauenschaar, die er erlöst hatte, und sie zogen jubelnd und jauchzend in Thorstorp ein. Und alle Leute sind entsetzt gewesen über diesen Geschichten und haben lange erzählt von Jakobs Abentheuer in allen Landen und haben die Ausführung der schönen Jungfrauen aus dem Zauberschlosse Jakobs Auszug genannt. Und die feinen jungen Dirnen haben zu Jakob und Margrethchen freundlich Ade gesagt und sind weggegangen und glücklich wieder zu den Ihrigen gekommen; und weil sie sich Gold und Silber und kostbare Kleider aus Schlangenkönigs Schlosse mitgebracht hatten, so haben sie alle gar bald junge und hübsche Bräutigame gehabt. Und Jakob ist der Bräutigam seiner Margrethe geworden und sie haben bald eine lustige Hochzeit gehalten. Sie sind aber hier in Thorstorp nicht geblieben, denn die Nachbarschaft der Insel, wo Schlangenkönig hauste, däuchte ihnen zu gefährlich, sondern sie sind weiter zurück ins Land hinauf gezogen und haben sich da für die mitgenommenen Schätze ein schönes Gut gekauft und in Freuden gelebt. Von dem Schlangenkönige und ob er seitdem erlöst worden, haben sie nie wieder was gehört.

Der Wiedehopf.

So hat Hinrich Vierk einmal vom Schneidermeister Wiedehopf erzählt:

Es begeben sich die wunderbarsten Dinge in der Welt: Könige sind Bettler und Bettler sind Könige geworden und kann man keinem ansehen, was er einst gewesen ist und was er noch werden kann. So ist der Wiedehopf einst ein Damenschneider gewesen, und wer sieht es ihm jetzt wohl an, daß er vormals in feiner und zierlicher Gesellschaft gelebt hat? Er hat in einer großen reichen Stadt gewohnt und sich wie ein hübscher und feiner Gesell gehalten und einen bunten seidenen Rock getragen, und ist von einem vornehmen Hause in das andere und von einem Pallast in den andern gegangen und hat die kostbaren Zeuge und Stoffe, woraus er Kleider machen sollte, zu Hause getragen. Und weil er hübsch und manierlich gewesen ist, haben alle hübsche Frauen ihn zu ihrem Schneider genommen und immer hat er Arbeit bei ihnen gehabt, und auch der Königin, als sie gekrönt werden sollte, hat er den Rock zugemessen. So ist Meister Wiedehopf bald ein sehr reicher Mann geworden und hat doch nicht genug kriegen können, sondern ist immer herumgelaufen und hat zu Hause geschleppt und oft so viel zu tragen gehabt, daß er wie ein Karrengaul unter seiner Last stönen und, wann er die Treppen hinaufstieg, Huup! Hupupp! schreien mußte. Diese Arbeitseligkeit und Habseligkeit hätte Gott ihm wohl vergeben, aber es ist eine arge Habsucht daraus geworden, und die hat der Herr nicht länger mit Geduld ansehen können. Der Schneider hat zuletzt gestohlen und von allen Zeugen, die er in die Mache bekam, seinen Theil abgekniffen und abstipitzt. Da ist es ihm denn geschehen, daß er eines Abends, als er mit einem schweren Bündel und noch schwereren Hupupp! Hupupp! die Treppe hinaufächzete, plötzlich in einen bunten Vogel verwandelt worden ist, welcher Wiedehopf heißt und um die Häuser und Ställe der Menschen umfliegen und dort mit unersättlicher Gier das Allergarstigste auflesen und in sein Nest tragen muß. Er trägt bis diesen Tag einen bunten Rock, aber einen solchen, der an einen schlimmen Ort erinnert, wohin die Diebe und Schelme gehören. Der eine Theil des Rockes ist rabenschwarz, der andere feuerroth, und sind beide Theile Farben der Hölle, denn das Schwarze des Rockes soll die höllische Finsterniß und das Feuerrothe das höllische Feuer bedeuten. Einen ähnlichen Rock als Meister Wiedehopf trägt auch der Todtengräber, ein blanker garstiger Wurm, der auf den Landstraßen herumläuft und todte Maulwürfe, Käfer und anderes Aas begräbt; auch die bunte Blattwanze hat fast ganz dasselbe Kleid an: beide sind Erzstinker und wahrscheinlich beide einst auch Diebe gewesen. Das hat der Wiedehopf noch so beibehalten aus seiner alten Schneiderzeit, daß er immer Hupupp! Hupupp! schreien muß, als trüge er noch Diebeslast, die ihm zu schwer wird. Die Leute nennen ihn deswegen häufig den Kukuksküster, weil sein Laut aus der Ferne wirklich oft so klingt, als wolle einer dem Kukuk seinen Gesang nachsingen, wie der Küster dem Pastor. Aber der Kukuk ist ein lustiger Schelm und kann sein Lied in Freuden singen, der Wiedehopf aber ist ein trauriger Schelm, und darum muß er seufzen und klagen und sein Hupupp! Hupupp! geht ihm gar schwer aus der Kehle.

Der Wolf und die Nachtigall,

oder wie zwei arme Königskinder verwandelt und zuletzt nach vieler Noth doch wieder zu Menschen geschaffen wurden.