Nicht weit von dem See, wo Schlangenkönigs Schloß auf der Insel war, lag ein Dorf, das hieß Thorstorp. Die Wiesen und Weiden dieses Dorfes liefen bis an den See hinab, und da trieben die Kinder des Dorfs ihre Kühe hin und hüteten sie daselbst. Unter diesen Hirtenkindern waren zwei, die hatten einander sehr lieb und trieben ihre Heerden fast immer zusammen. Es war eine kleine Dirne, die hieß Margarethe, und ein Knabe, der hieß Jakob. Margarethe war vierzehen Jahre alt und Jakob sechszehn. Sie waren beide beinahe erwachsen aber unschuldig wie die kleinen Kinder und wußten nicht, warum sie einander so lieb hatten. Aber daß sie sich über alles liebten, das ist wahr. Diese und die andern Knaben und Mädchen, welche dort das Vieh hüteten, hatten Schlangenkönig oft laufen sehen und mogten ihn gern leiden, denn er war sehr bunt und schön und seine Krone funkelte auf das allerschönste. Der Schelm kam oft durch den See geschwommen und ringelte sich im Grase herum und wand seinen schönen schlanken Leib um die Bäume und Büsche, daß die Kinder seinen Spielen zusahen und ihre Freude daran hatten. Aber ganz nah kamen sie ihm nicht, denn sie hatten doch ein Grauen vor ihm, weil er Schlangengestalt trug, obgleich sie wußten, daß er nicht biß und keinem was zu Leide that. Die Kinder hatten noch nie einen Gesang von ihm gehört, obgleich die Rede ging, der Schlangenkönig könne singen und habe schon manche schöne Dirne verlockt, die nun in seinem Schlosse sitzen und weinen müsse, sondern vor ihnen hatte er immer nur gezischelt, wie andere Schlangen thun. Er durfte ja auch nicht alle Tage singen und außerdem war er viel zu klug, als daß er sichs in Gesellschaft hätte merken lassen, daß er singen konnte; denn da konnte es ihm ja zu nichts helfen. Nein, wann seine Singetage waren und wenn er dann ein hübsches Kind allein belauschen konnte, dann ließ er seine Stimme ertönen und brachte es gewöhnlich mit weg.
Eines Tages saß Jakob mit seiner Margarethe hinter einem grünen Busche und die beiden Kinder erzählten sich Geschichten und ihre Kühe graseten vor ihnen, die andern Hirten aber hatten weiter abwärts getrieben. Da kam Botschaft, daß Jakob geschwinde zu Hause mußte. Er küßte seine liebe Margarethe und sagte: Margarethe, gieb derweile auch auf meine Kühe Acht, bis ich wiederkomme, und kommt der Schlangenkönig etwa, so bleibe bei Leibe nicht allein, sondern treibe nur geschwinde zu den andern Hirten hin. Er könnte dich wegsingen, denn der Schelm soll es in der Stimme haben. Sie versprach es, aber rief dem weglaufenden Burschen lachend nach: O das ist nur eine Fabel mit dem Singen des Schlangenkönigs, er kann ja nicht einmal sprechen: der soll mich nicht wegsingen.
Jakob war kaum hundert Schritt fort, so kam der Schlangenkönig über den See geschwommen und ringelte sich dann in den allerlustigsten Kreisen über die Wiesen hin und machte so viele niedliche Schlingungen und Windungen und richtete sein Köpfchen mit der goldenen Krone so lieblich lächelnd und so hell guckend auf, daß die kleine Margarethe recht ihre Freude daran hatte und ihr Versprechen, das sie Jakob gethan, auch ganz und gar vergaß. Und Schlangenkönig ringelte sich immer näher heran und kroch auf einen grünen Baum, der vor Margarethen stand, und schaukelte sich einige Minuten in seinen Zweigen herum, dann sang er mit der allersüßesten und beweglichsten Stimme, als hätten hunderttausend Frühlingsnachtigallen zugleich geschlagen, und Margarethe konnte nun nicht mehr von der Stelle und mußte ihm zuhören: sie saß, als wenn sie festgezaubert war, wiewohl sie an ihres Jakobs Worte dachte. Er sang ihr aber diesen Gesang, den sie des Schlangenkönigs Brautlied nennen, und womit er schon manche zarte Jungfrau in sein Schloß gelockt hat:
Komm, schönes Jungfräuelein,
Schlafe bei mir!
Ich hab' ein Goldringelein,
Das schenk' ich dir,
Ich hab' ein Goldkämmerlein,
Das ist für dich,
Ich hab' ein Goldwiegelein,
Drin wieg' ich dich.
Komm, schönes Jungfräuelein,
Schlafe bei mir!
Süßen und kühlen Wein
Trinkst du bei mir,
Zucker heißt hier das Brod,
Fleisch, Marcipan,
Äpfelchen rosenroth
Beißet dein Zahn.
Komm, schönes Jungfräuelein,
Schlafe bei mir!
Dienerinnen hübsch und fein
Warten der Thür,
Kammerfrau'n ohne Zahl
Stehen am Bett,
Das in dem goldnen Saal
Hochzeitlich steht.
Komm, schönes Jungfräuelein,
Schlafe bei mir!
Zieh in mein Schloß mit ein,
Treu bin ich dir.
Heißa! wie fliegt zum Tanz
Lustig der Strich!
Du trägst den Hochzeitkranz,
Bräut'gam bin ich.
Schlangenkönig hatte ausgesungen, blinzelte freundlich auf das Mägdlein herab, kam dann herunter, schlug im Grase einige Ringelein um das Kind und sang gar leise und leidig: Komm mit! Komm mit! Und Margarethe kam mit. Aber kaum war sie zehen Schritt mit Schlangenkönig gegangen, so bedachte sie sich und wollte zurückfliehen. Aber es war zu spät, sie war nun in Schlangenkönigs Gewalt: er umzingelte sie und trug sie über die Wiese hin mit weg, und umsonst schrie sie: Jakob! Jakob! hilf! hilf! und rief den andern Hirten zu, aber weder Jakob noch die Hirten waren da, und Schlangenkönig kehrte sich an ihr Geschrei nicht und rollte geschwinder als der Blitz mit ihr davon und schwamm durch den See.
Als Schlangenkönig sie über das Wasser nach der Insel hinübergetragen hatte, war er plötzlich verschwunden, die kleine Margarethe aber war vor Angst ohnmächtig geworden und wußte gar nicht, wie sie über den See gekommen war. Das war aber das Sonderbarste, daß auch kein Tröpflein Wasser sich an ihre Locken und Kleider gehängt hatte noch durchgedrungen war: sie war ganz trocken auf die kleine Insel gekommen. Und als sie sich wieder besinnen konnte, da befand sie sich in einem wunderschönen Garten voll der allerlustigsten Bäume und buntesten Blumen; und es war alles, wie das Lied gesungen hatte, an allen Zweigen hing Zucker und Marcipan und rosenrothe Äpfel und durch den Garten floß ein tiefer Bach von Milch und Quellen süßen Weines sprudelten aus dem Hügel. Das Schloß aber unter dem Hügel war noch viel schöner, als Schlangenkönigs Brautgesang es beschrieben hatte, und waren so prächtige Säle und funkelnde Kammern und Gemächer darin, daß kein Mensch die Herrlichkeit schildern könnte; und wenn man ihm auch eine Ewigkeit Zeit gäbe, die schönsten Worte zu suchen, womit er es beschreiben und ausmalen wollte, er kriegte es doch nicht fertig.
Und als Margarethe vor dem Schlosse erschien, siehe da waren flugs wohl hundert Dienerinnen zur Stelle, welche Kerzen und Lampen trugen. Diese führten sie in einen hohen Marmorsaal, der mit Gold und Silber und Edelsteinen verziert war, und zogen ihr goldene und silberne Kleider an und setzten ihr eine goldene Krone auf den Kopf und nannten sie Königin und Herrin und sprangen dienend um sie herum und brachten ihr alles, was sie nur verlangte. Diese Dienerinnen waren alle jung und trugen schneeweiße Kleider und grüne Kränzlein im Haar und sahen die meisten mehr traurig als fröhlich aus.
Und als es dunkelte und gegen die Nacht ging, kamen wieder andere Jungfrauen und führten Margarethen in ein Kämmerlein, das blitzte und funkelte wie eitel Gold, und dann stand ein goldenes Bett, auf welchem rosenrothe und himmelblaue seidene Kissen und Decken lagen. Und sie naheten sich ihr sehr ehrerbietig und zogen ihr die Kleider aus und die Schuhe von den Füßen und nahmen ihr die Krone vom Kopfe und legten sie dann weich ins Bett. Als sie das gethan, löschten sie die Lampen aus bis auf eine, und verneigten sich stumm und schweigend und gingen weg.