(Antwerpen veroverd door den onweerstaanbare.)
Holländ. Karikatur.
Auch die Zeichner des Auslandes zeigten den Riesenmörser im Bilde. Zwar nicht die feindlichen Länder, obgleich deren Truppen besondere Bezeichnungen dafür haben: die Franzosen nennen die schweren deutschen Geschütze marmite, die Engländer Jack Johnson. Aber Holland und Amerika brachten recht geschickte Darstellungen. Johan Braakensiek schuf für „De Amsterdammer“ ein Blatt „Goochelaar Papa Mars“, der Kriegsgott als Zauberer mit den Mörsern ([Abb. 35]); der Holländer P. de Jong zeigt den Brummer eindrucksvoll als den Unwiderstehlichen, der die Jungfrau Antwerpen bezwungen hat und mit eisernen Klammern am Boden festhält ([Abb. 41]); ihr Schild mit der Aufschrift „Bundesgenossen“ ist zerbrochen, und alle anderen Geschütze erscheinen gegenüber dem Riesen wie Spielzeug. Eine ganz originelle Auffassung der „Fleißigen Berta“ bringt der Flame George van Raemdonck ([Abb. 38]), hier kommt neben dem Humor auch das Tragische zum Ausdruck: der Unterkörper hat die Form eines Grabhügels, drapiert mit Totenschädeln, Knochen und Schwertern, die Haare und der üppige Busen der Dame zeigen die Attribute des Todes, und selbst der Stiel des Lorgnons ist ein Totenknochen. Sidney Greene, der fruchtbare Karikaturist des New Yorker „Evening Telegram“ zeigt in seiner Verwandlungsfolge „From Pilsner to Powder“ ([Abb. 43]) die Entwicklung vom Frieden zum Kriege: aus dem harmlosen Pilsner und der Zigarre wird allmählich der 42-Zentimeter-Mörser und sein Geschoß. „A 42 centimeter Mistake“ betitelt sich die Zeichnung von Robert Carter, die zur Weihnachtszeit in dem New Yorker „Evening Sun“ erschien ([Abb. 42]). In Amerika kommt der Weihnachtsmann durch die Essen in die Häuser, um die zu diesem Zwecke hingehängten leeren Strümpfe der Kinder mit Gaben zu füllen; die hohen Rohre des Mörsers 42 hält er für Schornsteine. (Man darf dem alten Herrn den Irrtum nicht übelnehmen.) Sehr nett ist dann die Zeichnung von A. M. Froehlich in der „New Yorker Staats-Zeitung“: „den geehrten Verbündeten empfehlen sich als Verlobte der Onkel aus Friedrichshafen und die Tante aus Essen“ ([Abb. 37]). Die Idee, die diesem Scherzbilde der größten deutschen Tageszeitung Amerikas zugrunde liegt, ist recht gut: die „Dicke Berta“ und der „Zeppelin“ verloben sich, um zusammen zu wirken: die Verbindung der beiden möge die Geburt eines größeren Deutschlands in die Wege leiten!
Abb. 42. Robert Carter: Ein 42 Zentimeter-Irrtum.
(A 42 centimeter Mistake.)
(Evening Sun, New York.)
Die amerikanische Karikatur nimmt überhaupt in diesem Kriege einen außergewöhnlich großen Raum ein; sie spiegelt getreu die Stimmung in den Vereinigten Staaten wider. Dabei haben die amerikanischen Karikaturen den Vorzug, meist sehr gut gezeichnet zu sein, und es liegen ihnen auch fast immer recht originelle Ideen zugrunde. Sehr böse sind die Spottbilder gegen Deutschland in dem bedeutendsten Witzblatt der westlichen Halbkugel, dem „Life“, besonders die von William H. Walker. Es sind die abgedroschenen Themen vom Kaiser als Feind der Zivilisation, der an der Niedertretung Belgiens und Zerstörung der Kunstdenkmäler seine Freude hat. Typisch dafür das seitengroße Blatt „My Heart bleeds for Louvain“, der Kaiser als Keiler über den Trümmern von Löwen (die Darstellung des Kaisers als Keiler war schon im spanisch-amerikanischen Kriege üblich. Der damals sehr beschäftigte Davenport ist ihr Schöpfer; die aufrechtstehenden Schnurrbartenden haben ihn zum Vergleich mit den Hauern geführt. Diese Art, den deutschen Kaiser zu zeichnen, hat sich bis heute in der englischen und amerikanischen Karikatur erhalten). Das seit über dreißig Jahren erscheinende Blatt ist in Deutschland so gut wie gar nicht bekannt. Hin und wieder sieht man in deutschen Blättern sehr starke Anlehnungen an die wirklich meist recht guten Zeichnungen des „Life“. Ein Tierkarikaturist, wie ihn die Zeitschrift in S. Sullivant besitzt, kann nur mit Oberländer in seiner besten frühen Zeit verglichen werden. Die Darsteller gesellschaftlicher Zustände (der upper ten) wie Harrison Cady und Foster Lincoln können sich getrost unsern besten Satirikern an die Seite stellen; der bekannte George Dana Gibson wiederholt sich in letzter Zeit zu oft, seinen großen Serien Ebenbürtiges (Education of Mr. Pipps etc.) hat er nicht mehr geschaffen. Otho Cushings von antikem Geiste beeinflußte Umrißzeichnungen zeigen ein feines Formgefühl, sie sind von rhythmischer Schönheit erfüllt. Rea Irvin sprudelt nur so von witzigen Einfällen, er hat auch nebenbei eine Reihe von japanisierenden Illustrationen zu den „Letters of a Japanese Schoolboy“ geschaffen, die amerikanische Zustände vom japanischen Standpunkte beleuchten.
Abb. 43. Sidney Greene: Vom Pilsner zum Pulver.