Nur durch die seltenen Empfänge der ausländischen Gesandten sind Berichte über das eigentümliche, aber stets würdevolle Zeremoniell am chinesischen Kaiserhofe durch europäische Augenzeugen in die Oeffentlichkeit gelangt. So empfing der Kaiser gelegentlich des 60. Geburtstages der Kaiserin-Exregentin die Gesandten, um die Glückwünsche ihrer Souveräne in Empfang zu nehmen.

Der Schauplatz des feierlichen Staatsaktes war einem ostasiatischen Blatte zufolge diesmal das Wenhuatien (d. h. Halle der Blüten der Litteratur), ein älteres Gebäude von mäßiger Größe im südöstlichen Teile des Palastes. Dasselbe dient zur Abhaltung einer litterarischen Feierlichkeit im zweiten Monat jeden Jahres, bei welcher dem Kaiser von einigen hervorragenden Mitgliedern der Hanlinakademie Vorträge über die Klassiker gehalten werden. Der Eingang für die fremden Vertreter und ihre Begleiter fand durch das Tunghuamen (das östliche Blumenthor) statt, die einzige Oeffnung in der Ostmauer des inneren Palastes. Dort wurden die Sänften zurückgelassen, und man begab sich zu Fuß durch den weiten ummauerten Hofraum, an den Spalier bildenden Palastgarden vorbei, nach dem Chuanhsintien (Halle der Offenbarung der Herzensgüte), einem kleineren dreigeteilten Gebäude, in welchem den mythischen Kaisern und alten Weisen einstmals Opfer dargebracht wurden und das in diesem Falle als Wartesaal für die Gesandten diente. Die letzteren wurden hier durch die Prinzen und Minister des Tsungli-Yamens empfangen, um dann nach kurzem Aufenthalt durch das Wenhuamen (Thor der Blüten der Litteratur) nach einer Reihe offenbar für den Zweck besonders hergerichteter blauer Zelte geleitet zu werden, die dicht neben dem Wenhuatien lagen und in denen für jede Gesandtschaft ein besonderer Raum hergestellt war.

Von hier aus begaben sich die Vertreter mit ihrem Gefolge nach dem Audienzsaal, bis zu der äußeren Freitreppe desselben durch zwei Palastbeamte, vor den Thron durch zwei Minister des Tsungli-Yamens geleitet. Zwanzig Minuten vor zwölf Uhr wurde der Aelteste des diplomatischen Korps, der Gesandte der Vereinigten Staaten, geladen, die übrigen folgten der Amtsdauer nach. Das Weitere spielte sich dann in ähnlicher Weise ab, wie bei früheren Audienzen: der Gesandte näherte sich mit seinen Begleitern unter drei Verbeugungen der Estrade, auf welcher der Kaiser saß und zu der mehrere Stufen emporführten, hielt darauf eine kurze Ansprache, in der er des feierlichen Ereignisses gedachte, und überreichte, nachdem dieselbe von dem betreffenden Gesandtschaftsdolmetscher ins Chinesische, von dem zur Seite des Kaisers stehenden Prinzen Kung bezw. Ching (beide wechselten bei den einzelnen Gesandten ab) ins Mandschurische übertragen war, das Glückwunschschreiben seines Souveräns bezw. Präsidenten in die Hände des ihm entgegenkommenden Prinzen, der es auf den mit gelber Seide behangenen Tisch vor den Kaiser legte.

Das vom deutschen Kaiser gesandte Glückwunschschreiben bestand in buchförmig zusammengelegten Pergamentblättern, auf denen der Text in mehreren Farben kunstvoll ausgeführt war und die durch zwei massive, mit weißem Leder überzogene und mit reicher Goldverzierung sowie dem kaiserlichen Namenszuge geschmückte Deckel zusammengehalten wurden. Das Ganze, ein vornehmes Kunstwerk, das allgemeine Bewunderung erregte, lag in einem eleganten Holzkasten, auf dem ebenfalls ein großes W mit der Kaiserkrone angebracht war.

Der Monarch neigte das Haupt beim Empfang, sprach dann in vernehmlichem Tone zu dem links neben ihm knieenden Prinzen einige Sätze, in denen er seiner Genugthuung und Freude Ausdruck gab, dieser wiederholte die Worte, nachdem er die Estrade verlassen, dem Dolmetscher auf Chinesisch, der letztere in seiner Landessprache dem Gesandten. Damit war die Audienz beendet, und der Gesandte verließ, abermals unter Verbeugungen und in derselben Weise geleitet wie vorher, die Empfangshalle.

Das orientalische Zeremoniell machte sich hierbei in bedeutsamer Weise geltend: das Wenhuatien hat in seiner Südwand drei Eingänge, zu denen drei steinerne Freitreppen emporführen; solange nun der Gesandte Träger des kaiserlichen Schreibens war, überließ man ihm den vornehmsten Zugang, d. h. die große mit einem Teppich belegte Mitteltreppe und die Mittelthüre, die sonst nur von dem Kaiser benutzt wird; der Ausgang fand dagegen durch die linke Seitenthüre statt.

Dem ganzen Vorgang ließ sich eine majestätische Würde nicht absprechen. Der Kaiser saß, wie bemerkt, auf einer Estrade an einem mit gelber Seide behangenen Tische; hinter ihm befanden sich die üblichen Paraphernalien: der Wandschirm, die Pfauenwedel; zur Rechten standen zwei Prinzen des kaiserlichen Hauses, zur Linken der Prinz von Kechin und Prinz Kung bezw. Prinz Ching. In der Halle selbst bildeten schwerttragende Garden zu beiden Seiten Spalier, dahinter standen Eunuchen und Palastbeamte. Das bei weitem Interessanteste in der ganzen Scene war natürlich die Person des mit Zobelpelz und Staatsmütze angethanen jugendlichen Monarchen. Die ungewöhnlich großen, glänzenden schwarzen Augen gaben dem zarten, fast kindlichen Gesichte ein ungemein sympathisches Aussehen, das auch durch die von einem kürzlich überstandenen Fieberanfall herrührende Blässe durchaus nicht beeinträchtigt wurde.

Beim Heraustreten aus der Halle bot sich dem Auge ein malerisches Bild. Zu beiden Seiten, d. h. nach Ost und West, von der nach Süden zu führenden Freitreppe zog sich in weit ausholendem Bogen die lange Reihe der Palastgarden entlang, davor und dahinter bewegten sich Scharen von Beamten in ihren langen Tuniken mit den buntgestickten viereckigen Rangabzeichen auf Brust und Rücken. Bei aller Geschäftigkeit war keine eilige oder überstürzende Bewegung zu beobachten, alles ging, dem chinesischen Amtscharakter entsprechend, feierlich und würdevoll zu. Wandte man sich nach rechts, so erblickte man am Ende des weiten Platzes die hohe, mit gelbglasierten Ziegeln gedeckte Mauer, welche die lange Reihe der Mittelhallen des Palastes einschließt; am Südende derselben gewahrte man das dreiteilige Tsoyimen (Linkes Thor der Rechtlichkeit), und jenseits davon, weit darüber hinausragend, erhob sich der mächtige Bau der Taihohalle, das durch seine architektonischen Verhältnisse am meisten hervorragende Gebäude der Kaiserstadt. Das Ganze wirkte, wie jede chinesische Anlage, weniger durch die Einzelausführung als vielmehr durch das Kolossale der Ausdehnung und das Würdevolle der Gruppierung.

In diplomatischen Kreisen wurde es entschieden mit Genugthuung begrüßt, daß der chinesische Hof sich endlich entschlossen hat, den mit so ängstlicher Sorgfalt gehüteten inneren Palast den fremden Vertretern zu öffnen und so eine endgültige Lösung der langwierigen Audienzfrage herbeizuführen. Wie schwer ihm dies geworden sein mag, haben die jahrelangen Verhandlungen zur Genüge dargethan.

Die Hauptpflichten des Kaisers von China bestehen darin, seinen Vorfahren zu opfern, seiner Stieftante, der alten Kaiserin-Exregentin, alle fünf Tage einen Besuch zu machen, in den Tempeln des Himmels und der Erde zu beten und den Großwürdenträgern Audienz zu erteilen, in denen alle laufenden Regierungsgeschäfte erledigt werden. Nach den Mitteilungen, die ich von Pekinger Diplomaten erhielt, soll der Kaiser viel intelligenter und energischer sein als seine Vorgänger. Dem Aussehen nach ist er klein, mager, bartlos, mit einem unverhältnismäßig großen Kopf; doch machte er auf die wenigen europäischen Gesandten, die ihn zu Gesicht bekommen haben, einen sehr günstigen Eindruck. Daß er auch bestrebt ist, sich über die Grenzen der Purpurstadt hinaus zu informieren, geht aus vielen Thatsachen hervor. Er hat das Studium der englischen Sprache begonnen, er liest die ihm zur Sanktionierung vorgelegten Berichte, und wo er Bestechlichkeit oder Nachlässigkeit der Beamten wittert, läßt er sofort von den Censoren genaue Untersuchungen einleiten. Vor einigen Jahren wurde die ganze chinesische Welt durch die Nachricht überrascht, daß der Kaiser selbst die Prüfung der Zöglinge der Pekinger Hanlinakademie vorgenommen hätte, ein unerhörtes Ereignis. Diese Akademie ist die höchste litterarische Anstalt Chinas. Ihre Mitglieder sind hohe Würdenträger, Mandarine, Gesandte und dergleichen, und aus ihnen rekrutieren sich nach erfolgreich bestandenen Prüfungen die Examinatoren in den Provinzen, sowie die Lehrer für den kaiserlichen Thronfolger, wie für die kaiserlichen Kinder überhaupt. Seine Majestät ist zwar bisher trotz seiner zehnjährigen Ehe mit so vielen Gemahlinnen noch nicht mit Nachkommenschaft gesegnet worden, aber die Lehrer für eine solche sind schon da. Nun hat sich die in ganz China so ausgebreitete Bestechlichkeit sogar bis an diese Hanlinakademie herangewagt, und die Beamten, welche die so wichtigen und einträglichen Examinatorenstellen erlangen wollen, liefern mit ihren schriftlichen Prüfungsarbeiten gleichzeitig eine mehr oder minder hohe Geldsumme ab. Wie eine Bombe fiel nun unter die Prüfungskommission der Befehl des Kaisers, die schriftlichen Arbeiten der Aspiranten ihm vorzulegen. Bei der Durchsicht stürzte er die Rangliste von unterst zu oberst; sechs Beamte, welche die Kommission an die letzte Stelle gesetzt hatte, erlangten die höchsten Ehren, andere, welche in die erste Klasse aufgenommen worden waren, wurden in die dritte oder vierte gestellt, einige sogar ganz abgewiesen. Unter den Aspiranten befand sich auch Tsui-Kuo-Yin, der frühere chinesische Gesandte in den Vereinigten Staaten, ein angesehener, ehrwürdiger Mandarin zweiter Klasse und Lehrer des kaiserlichen Thronfolgers. Seine Arbeit schien den Kaiser nicht befriedigt zu haben, denn es wurde ihm sein Mandarinknopf zweiter Klasse und sein Rang als Lehrer entzogen.