Das Tsungli-Yamen in Peking.
Die Mandarine.
Würde alles das, was in der letzten Zeit über das chinesische Mandarinentum geschrieben wurde, der Wahrheit entsprechen, so müßte man als die erste und wichtigste Maßregel für die Reorganisierung des chinesischen Staatswesens dem Kaiser empfehlen, alle Mandarine ohne weiteres aufzuhängen. In Europa gilt der Mandarin als das Urbild von Bestechlichkeit, Faulheit und Niedertracht, und alles, was diesen Namen führt, wird mehr oder weniger als ein korruptes Beamtengesindel angesehen, das den Ruin des chinesischen Reiches herbeiführen muß.
Wäre dem wirklich so, dann müßte es längst kein China mehr geben, denn wie das Mandarinentum heute besteht, so hat es schon vor Jahrtausenden bestanden, und China ist doch während dieser Jahrtausende das größte und volkreichste Reich der Erde geblieben, mit großen Reichtümern und ausgebreitetem Handel, mit einer hohen Kultur eigener Art und bedeutenden sittlichen Eigenschaften, welche jener mancher anderer Völker um ein bedeutendes überragen. Das chinesische Mandarinentum kann deshalb nicht so schlecht sein wie sein Ruf und ist es auch nicht.
Prinz Chung.
In China sind Adel- und Kastengeist, sowie die bevorzugten Klassen nicht so ausgeprägt, das Volk ist wahrhaft demokratisch, und jedem, der die Fähigkeiten und Kenntnisse besitzt, stehen alle Stellen bis zu den höchsten Ministerstellen in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers offen. Die Bedingung dafür ist fleißiges Studium der Klassiker, eine schöne Handschrift, guter Stil, Gewandtheit in Aufsätzen, die Kenntnis der alten Lehren des Confucius, dessen Geist das chinesische Staatswesen heute noch regiert. Für alle Beamtenposten werden derartige litterarische Prüfungen ausgeschrieben; die einen in den lokalen Distrikten, die anderen in den Provinzhauptstädten, wieder andere in Peking, ja unter den Augen des Kaisers selbst. Wer diese Prüfungen besteht, erhält dadurch die Befähigung, Beamter zu werden, und je besser er sich seiner Aufgaben entledigt hat, desto größer ist seine Aussicht, wirklich einen Posten zu erhalten. Die Zahl der Beamten ist nämlich im Verhältnis zu jenen, die sich dafür vorbereiten, eine sehr geringe und entspricht auch nicht entfernt den Bedürfnissen des Landes. Im Vergleich zu dem großen Beamtenstand der europäischen Staaten ist derjenige Chinas wie zehn zu eins, das ganze Riesenreich wird alles in allem von 2100 Mandarinen verwaltet; dabei ist der chinesische Beamtenstand der angesehenste und begehrteste aller Stände und steht auch hoch über dem Militär. Finden z. B. Festlichkeiten statt, an welchen die Zivil- und Militärmandarine teilnehmen, so gebührt den ersteren der Ehrenplatz an der Ostseite, den letzteren jener an der Westseite.
Schon die bestehenden Vorschriften über die Besetzung der Mandarinenposten zeigen, in welchen Ehren sie gehalten werden. So dürfen sich z. B. Chinesen, welche von den geächteten Ständen, also von Barbieren, Schauspielern, Schifferknechten und dergleichen abstammen, und selbst wenn ihre Ahnen in der dritten Generation eines dieser Gewerbe betrieben haben sollten, nicht Mandarine werden und auch nicht an den öffentlichen Prüfungen teilnehmen. Das führte in Hankau zu einem ergötzlichen Vorfall, der bezeichnend ist für die chinesischen Sitten. Unter den Bewerbern um die militärischen Prüfungen befand sich ein junger Mann, der durch seine außergewöhnlichen Kenntnisse und Fertigkeiten den Neid der Mitbewerber erweckte; um ihn zu beseitigen, wurde den Examinatoren die Anzeige gemacht, daß der Großvater des Betreffenden, wie es der Wahrheit entsprach, Barbier gewesen sei. Daraufhin wurde der unglückliche Kandidat aus den Listen gestrichen und ihm anbefohlen, die Stadt sofort zu verlassen. Aber die Barbiere von Hankau erhielten Kunde davon, und diese brachte sie so aus der Fassung, daß sie beschlossen zu streiken. In Hankau und dem benachbarten Hanyang legten dreitausend bezopfte Figaros ihre Waffen, die Rasiermesser, nieder; auf der halben Million Chinesenschädel der beiden Städte wuchsen die Haarstoppeln immer länger, die Scheitelzöpfe wurden immer zerzauster, kein Barbier rührte sich. Selbst der Befehl der Behörden an die Figaros, ihr Handwerk wieder aufzunehmen, blieb unbeachtet. So wurde denn das Militär beauftragt, die Ritter vom Rasiermesser abzufassen und in den Yamen zu bringen. Dort zwang man sie unter Androhung der Bastonnade, jeden um den gewohnten Preis zu rasieren, und der Vorhof des Yamens war eine Zeitlang eine ungeheure Barbierstube. Allein da die Mehrzahl der Barbiere ausgerissen war oder sich versteckt hatte, blieben immer noch Hunderttausende von Chinesenschädeln in trauriger Verfassung. Auch die Zerstörung der Wohnungen der entflohenen Barbiere durch das Militär konnte die letzteren nicht zur Reue bewegen, ja noch mehr, die Barbiere der benachbarten Provinzhauptstadt Wutschang schlossen sich dem Streik ihrer Brüder an. Allmählich kamen aber Barbiere aus den anderen Provinzstädten nach Hankau, und die Sache endete schließlich damit, das sich auch die Figaros der letzteren Stadt fügten und die Berechtigung der Ausschließung ihres Standeskollegen von den Prüfungen anerkannten.