Daß Titel, Würden, Pfauenfedern und derlei Auszeichnungen im himmlischen Reiche ebenso käuflich sind wie anderswo, wird niemand wundernehmen. Auch die Chinesen sind eitel, und es giebt eine ganze Menge reicher Leute, welchen der Kaiser den Mandarinsrang als Belohnung dafür verliehen hat, daß sie in Zeiten der Bedrängnis große Summen für Brücken, Dammbauten oder gemeinnützige Zwecke opferten. Solche Ehren geben dem Träger gewisse Vorrechte und als äußeres Abzeichen den vielbegehrten Mandarinknopf auf dem Hut (also das Knopflochbändchen ins Chinesische übersetzt); doch ist damit nicht etwa das Recht, wirkliche Aemter zu bekleiden, verknüpft.
Indessen kann man in China auch Aemter für Geld kaufen. Von mancher Seite ist dies bestritten worden, und der vorgenannte amerikanische Diplomat behauptet, er hätte während seines mehrjährigen Aufenthaltes in China niemals einen Mandarin in offiziöser Stellung getroffen, der diese durch Kauf erlangt hätte, niemals auch nur von einem solchen gehört, ausgenommen Leute vom Range eines Dorfpolizisten.
Demgegenüber ist es mir wohl erlaubt, ein Edikt des Kaisers von China anzuführen, das in der offiziellen Pekinger Staatszeitung vom 6. Juli 1894 veröffentlicht wurde. Dasselbe lautet: „Der Lektor im Hanlin yuan, Wen-ting schi, bemerkt in einer Eingabe, daß der Verkauf von Aemtern keine althergebrachte Einrichtung sei, und bittet, denselben zu Gunsten einer geordneten Staatsverwaltung ganz einzustellen. Wenn die Staatsverwaltung den Aemterverkauf zuließ, so war dies ursprünglich eine der äußersten Geldnot entspringende Maßregel. In der letzten Zeit nimmt jedoch der Aemterverkauf dermaßen überhand, daß Verwirrungen im Beamtenkorps entstehen und allerlei Mißstände eintreten müssen. Der Taotai und der Präfekt sollen für das Wohl der Bevölkerung Sorge tragen. Wie können aber Leute, die nichts von Amtsgeschäften verstehen und sich mit Geld ein Amt erkauft haben, ihren Posten genügend ausfüllen? Das Finanzministerium soll deswegen zunächst den Verkauf von Taotai- und Präfektenposten gänzlich einstellen. Wegen der anderen kleineren Aemter möge die genannte Behörde gleichfalls in Erwägung ziehen, wie dem Verkauf derselben passend Einhalt gethan werden kann, und darüber ausführlich berichten.”
Obschon es in China, wie schon aus diesem kaiserlichen Edikt hervorgeht, eine ganze Menge derartiger durch Stellenkauf auf ihre Posten gelangten Mandarine giebt, so machen auch diese vielen Schwalben immer noch keinen Sommer aus. Ein ostasiatisches Blatt bemerkt darüber ganz richtig: „Das hohe Ideal, das einst in Bezug auf die Staatsverwaltung bestand, ist gesunken und verdunkelt durch zahlreiche Fehler und Flecken; dessenungeachtet besteht zweifellos ein Ideal. Sobald man beispielsweise einen Bezirksrichter findet, der seiner Pflicht getreu nachkommt, wird er durch das Volk geehrt, und der Kaiser drückt ihm seine Anerkennung aus. Die Strafen, welche die Pekinger Staatszeitung beständig verkündet, legen auch einen Beweis für die Bemühungen der Regierung ab, das System rein und wirksam zu erhalten. Wie es in der Natur der Religionssysteme liegt, daß sich mit der Zeit in dieselben Mißbräuche und unnötiges Zeremoniell einschleichen, so nimmt auch ein verwickeltes System des Beamtentums allmählich ein gekünsteltes Gewand an und verliert den Lebensatem, der es bei seiner Entstehung beseelt hat.”
„Man darf also die zweifellos bestehenden Mißstände keineswegs verallgemeinern. Unter den Beamten findet man zahlreiche Personen von großer Lauterkeit des Charakters, Talent und Energie; tüchtige, ehrliche, auf das Volk bedachte Männer füllen die Mehrzahl der Posten aus, obgleich sie in Gegenständen Prüfungen bestehen müssen, welche die moderne Wissenschaft verlacht. Die Massen des Volkes erfreuen sich eines guten Teils persönlicher Freiheit; der bescheidene Chinese, obgleich übersteuert, wird nicht so bedrückt, wie wir dies in manchen Ländern des Westens sehen. Es giebt unter den letzteren solche, die für zivilisiert gehalten werden, in denen aber die Mißwirtschaft viel größer ist als im Reiche der Mitte.”
Wer die Verhältnisse in China aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, wird derselben Meinung sein. Anders steht es mit der Ausführbarkeit der europäischen Finanzverwaltung im Reiche der Mitte. In den offenen Hafenstädten und in den Distrikten längs des Jangtsekiang wäre sie heute schon wohl möglich, aber im Innern des Landes ist die Zeit dafür noch nicht gekommen. Die Massen des Volkes müssen die Ueberzeugung gewinnen, daß sie in Bezug auf ihre Taschen unter europäischer Steuerverwaltung besser fahren, und das dürfte doch noch viele Jahre Zeit erfordern.
Ehrenpforte in Kiautschou. Inschrift: „Mein Bruder ist Doktor geworden”.