Die Rekrutierung erfolgt am Werbetische, und trotz des erbärmlichen Soldes ist der Andrang doch immer stärker als der Bedarf. Ich sah eine derartige Rekrutierung in Nanking. Auf dem freien Platze vor dem Hause eines der höheren Offiziere war ein Zelt aufgeschlagen, in welchem sich einige Offiziere befanden. Ein paar Soldaten, mit Lanzen bewaffnet, hielten die sich herandrängenden Bewerber und das Volk in Ordnung. Vor dem Zelte lag ein etwa sechs Fuß langer Bambusstock auf dem Boden mit runden Steinen im Gewicht von zusammen hundert Catties (etwa 65 Kilogramm), an den Enden des Stabes gleichmäßig verteilt. Die Soldaten ließen die bis zur Hüfte entblößten Applikanten der Reihe nach vortreten. Die Offiziere warfen ein paar prüfende Blicke auf sie, dann wurde ihnen befohlen, den Bambusstock mit beiden Händen bis über den Kopf emporzuheben. Bestanden sie diese Kraftprobe, so wurde ihr Name in ein Register eingetragen und ihnen geheißen, im Lager vorzusprechen. Dort erhielten sie einiges Handgeld, kaum viel mehr als einer Mark entsprechend, und blauen Stoff, um ihre Uniform daraus nähen zu lassen. Damit waren sie kaiserliche Soldaten.
Für diejenigen, welche auf Offiziersstellen Anspruch machen, sind unter der gegenwärtigen Regierung ähnliche Prüfungen eingeführt worden wie für den Zivildienst, und den erfolgreichen Kandidaten werden je nach der Art, wie sie die Prüfung bestehen, auch dieselben Titel, Siu-tsai, Kü-jin und Tsin-sz, verliehen. Für den letzten (höchsten) Grad erfolgt die Prüfung in Peking. Man darf jedoch nicht glauben, daß die Offizierskandidaten wie jene für die Beamtenstellen auf ihre litterarischen Kenntnisse hin oder gar in Taktik und Strategie, Befestigungs- und Ingenieurkunst geprüft werden. Das wird von einem chinesischen Offizier nicht verlangt. Dafür müssen die Kandidaten gewandte Reiter, Fechter und Ringkämpfer sein; nicht die geistige, sondern die Muskelkraft giebt den Ausschlag, und die besten Noten erhalten jene, welche sich überdies als Bogenschützen bewähren. Dazu wird auf dem militärischen Uebungsplatze ein dreißig bis fünfzig Centimeter tiefer gradliniger Graben von etwa einem halben Kilometer Länge und hinreichender Breite gegraben, daß ein Pferd in demselben galoppieren kann. Auf etwa fünfzig bis sechzig Meter Entfernung von dem Graben sind Scheiben aufgestellt, mit Zwischenräumen von etwa fünf Meter voneinander. Der Kandidat, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, hat zu Pferd zu steigen und, während dieses den Graben entlang galoppiert, Pfeile nach den Scheiben abzuschießen. Treffen diese Pfeile das Schwarze, so wird von den Wächtern der Gong angeschlagen, um die Examinatoren davon in Kenntnis zu setzen. Noch 1898 hatte ich selbst in Yentschou-fu, im Innern von Schantung, Gelegenheit, eine derartige Prüfung zu sehen.
Mit dem erfolgreichen Bestehen der Prüfung wird jedoch der Kandidat noch lange nicht Offizier. Dazu muß er entweder viel Geld oder viele Freunde haben. In einem Aufsatz über das Offizierskorps, der in der ersten Zeitung Shanghais, der Daily News erschien, heißt es in dieser Hinsicht: „Irgendwelche wissenschaftliche Ansprüche werden an den Offizier nicht gestellt; die höheren Offiziersstellen werden verkauft, die niedrigeren an Freunde und Verwandte gegeben. Die wenigsten haben eine Ahnung vom praktischen Militärdienst, und es kommt vor, daß die höchsten Kommandostellen der Armee von gänzlich Unwissenden eingenommen werden.”
Deshalb ist der Soldatenstand in China auch keineswegs angesehen, ja man blickt auf ihn verächtlich herab. Die Offizierschargen stehen nicht im gleichen Rang mit den entsprechenden Chargen des Zivildienstes, sondern um einen Grad tiefer. Als in den neunziger Jahren zwei deutsche Instruktionsoffiziere mit dem Einexerzieren der Infanterie der Provinz Tschihli betraut wurden, nahmen auch die Offiziere an den einfachsten Exerzitien teil, gerade so wie die Soldaten. Bald hatten die deutschen Offiziere den Chinesen deutsche Strammheit beigebracht, und diese führten alle Evolutionen vortrefflich aus. Nun wurden von den so gedrillten Bataillonen Unteroffiziere als Drillmeister zu den anderen Truppenkörpern kommandiert, ja die Vicekönige anderer Provinzen erbaten sich solche, und der Einfluß der deutschen Offiziere ist heute in den meisten Provinzialarmeen wahrzunehmen. In einigen dieser letzteren giebt es vortreffliche Truppenkörper, die selbst europäischen Ansprüchen genügen dürften, vor allem in den Armeen von Kwangtung und Tschihli, welch letzterer Li-Hung-Tschang besondere Sorgfalt zuwendete. Die Infanterie ist dort mit dem deutschen Infanteriegewehr bewaffnet, gut geschult und schlagfertig. Noch besser soll, nach dem Urteil von Fachleuten, die Artillerie sein, aus dem begreiflichen Grunde, weil die alten chinesischen Armeen keine Artillerie besaßen, deshalb auch keine althergebrachten Gebräuche und Vorschriften umzustoßen waren. Das ganze Geschützwesen mußte von Grund auf neu gelernt werden, und die deutschen Instruktoren haben in dieser Hinsicht die größten Erfolge aufzuweisen; die Feldgeschütze wurden hauptsächlich von Krupp geliefert, und das Material befindet sich im Gegensatz zu dem Festungsmaterial in bester Ordnung.
Schlimmer ist es in den Provinzialarmeen um die Kavallerie bestellt. China wird niemals eine solche im europäischen Sinne besitzen können, denn vor allem hat es keine Pferde. Die mongolischen Ponies sind wohl kräftig und ausdauernd, besonders auf langen Märschen, aber viel zu klein und leicht. Alle zehn Jahre wird das Material erneuert, dadurch, daß der Vicekönig dem Kommandierenden gewisse Summen zum Ankauf neuer Pferde anweist, oder selbst Remontekommissionen nach der Mongolei entsendet. Den einzelnen Lagerkommandanten wird für den Unterhalt der Pferde das Geld monatlich angewiesen. In Tschihli beträgt dasselbe vierzehn Mark per Pferd und Monat. Die Reiter sind mit Winchester-Karabinern bewaffnet.
Chinesische Artillerie in Wutschang.
In den anderen Provinzen ist es um die Kavallerie ebenso schlecht bestellt wie um die Infanterie, doch soll es in der Mandschurei eine zwischen 40000 und 50000 Mann zählende Armee von Reitern geben. In den Garnisonen der Küstenprovinzen ist davon nichts zu sehen. Wären die 650000 Mann der Armee des grünen Banners wirklich gut geschult und vor allem wirklich vorhanden, so würde dies eine höchst respektable Macht vorstellen. Allein allgemein erzählt man sich, daß die Kommandanten vieler Lager im Inland die vorgeschriebene Truppenzahl nur auf dem Papier besäßen. Das Geld für den Sold und Unterhalt wird eingesteckt. Steht eine Inspektion bevor, so werden schnell Rekruten in der erforderlichen Zahl angeworben, in Uniformen gesteckt und gedrillt. Ist diese Inspektion vorüber, so werden sie wieder entlassen.