Freilich sind die großen Massen der Chinesen arm, und in Zeiten von Ueberschwemmungen oder Dürre leben Millionen Menschen im größten Elend. In viel größerem Maße ist dies in Indien der Fall. Land und Bevölkerung sind dort viel ärmer als in China, dabei auch nur halb so groß, und doch ist der auswärtige Handel von Jahr zu Jahr gestiegen, bis er heute an dreieinhalb Milliarden Mark erreicht hat, mehr als das Dreifache von China. Man hat eben die Hilfsquellen Indiens entwickelt und dem Lande Eisenbahnen, moderne Verkehrsmittel gegeben. In China sind alle Bedingungen für den blühendsten Handel, für den reichsten Absatz an Waren aller Art vorhanden, das Land verfügt selbst über ganz bedeutendes Großkapital, und Geld ist nach Hunderten von Millionen Mark im Verkehr. Der einheimische, chinesische Binnenhandel besitzt ungeachtet der primitiven Verkehrsmittel, der Dschunken auf dem Wasser, Kamele, Maultiere und Schubkarren auf dem Lande einen Umfang, von dem man sich kaum eine Vorstellung machen kann. In Schantung allein sind mehrere hunderttausend Kulis als Schubkarrenführer beschäftigt und Jahr aus Jahr ein mit Frachten unterwegs. Flüsse und Kanäle wimmeln von Fahrzeugen, Frachtbooten aller Art. In den Großstädten, darunter viele mit Hunderttausenden von Einwohnern, Orte, die man in Europa kaum dem Namen nach kennt, herrscht Wohlstand und Reichtum, giebt es ausgebreitete Industrien, Bankhäuser, Großkaufleute, Postämter, Verkehrsanstalten, alles natürlich nach chinesischem Schnitt. Ich habe all dies in meinem Buche „Schantung und Deutsch-China” (Verlag von J. J. Weber, Leipzig) mit allen wissenswerten Einzelheiten geschildert.

Indessen, diese schon vorhandene Kaufkraft kann noch verdoppelt, verdreifacht werden, wenn es einmal dazu kommt, die geradezu unerschöpflichen Hilfsquellen, welche noch im Schoße der Erde schlummern, zu öffnen. Welche Massen von Gold bergen die Höhen der Mandschurei und die „goldenen Hügel” nördlich von Peking, die aus verschiedenen Gründen nur zum Teil und das auch nur auf die primitivste Art von den Chinesen ausgebeutet werden! Welche Silbermengen bergen Schantung, Schansi, Tschili, Honan, und doch sind die Mehrzahl der Silberlager noch gar nicht eröffnet! Aber wichtiger als Gold und Silber sind die schwarzen Diamanten, die Kohlen. Schansi, diese ungemein wichtige, an die deutsche Interessensphäre Schantung grenzende Provinz hat in seinem südlichen, an den Hoangho grenzenden Teil Kohlenlager, wo über sechshundert Millionen Tonnen der besten Anthrazitkohle der Ausbeute harren. Dort, ebenso wie in ungeheuren Kohlenlagern des benachbarten Honan liegen zwischen den Kohlenschichten solche von vortrefflichem Eisenerz. Dasselbe gilt, wenn auch in geringerem Umfange, von Schantung, und in allen diesen Gebieten wird wohl Kohle schon gewonnen, hat sich auch eine sehr beträchtliche Eisenindustrie schon entwickelt, aber alles mit den primitivsten Mitteln und bedrückt durch die beutesüchtigen Mandarine.

Welcher Ausdehnung sind ferner die Thee- und Seidenkultur in China noch fähig! Und vor allem unter europäischer Anweisung die Industrie, wenn man in Rechnung zieht, welche Millionen fleißiger, flinker, genügsamer Arbeiter den Chinesen zur Verfügung stehen! Werden diese in dem ungeheuren Reiche schlummernden Schätze und Kräfte geweckt, dann wird es kein größeres und dankbareres Absatzgebiet auf Erden geben als China. Dieses wird den Industrieländern der Alten und Neuen Welt stets erhalten bleiben. Vielfach kommt zwar die Befürchtung zum Ausdruck, China könnte das alte Europa einmal, wenn es zu modernem Leben und Schaffen erwacht ist, erdrücken. Diese Befürchtung ist unbegründet. Zunächst wird es noch vieler Jahrzehnte bedürfen, ehe an einen wirksamen Wettbewerb Chinas ernstlich gedacht werden kann; während Europa diese ganze Zwischenzeit vor sich hat, entwickeln sich auch hier die Industrien immer mehr, es entstehen immer neue Industriezweige, neue Artikel, in welchen die europäischen Industrieländer den Chinesen voraus bleiben werden. Der zeitliche Abstand, um welchen China in seiner Entwicklung hinter Europa zurückgeblieben ist, kann nicht leicht ausgeglichen werden. Weder China noch Japan wird Europa bei den hier fortwährend auftauchenden neuen Erfindungen einholen können, sie werden in dieser Hinsicht für absehbare Zeit von Europa abhängig bleiben.

Aus dem Gesagten kann man ersehen, daß der Handel Chinas noch tief in den Kinderschuhen steckt, aber er schreitet doch rasch voran, und wenn alle Mächte sich so sehr um China bemühen, so geschieht es, um sich bei Zeiten einen Platz dort zu sichern. Im Jahre 1766 haben 23 fremde Schiffe hingereicht, den auswärtigen Handel Chinas zu bewältigen; im Jahre 1830 waren schon 150 Schiffe dazu erforderlich; im Jahre 1898 erreichte der Schiffsverkehr in den chinesischen Häfen die Riesenzahl von 43000 Dampfern und 9000 Segelschiffen mit zusammen 34 Millionen Tonnen Gehalt. Vor einem halben Jahrhundert war der Wert des Außenhandels weniger als hundert Millionen Mark. Heute hat er elfhundert Millionen erreicht, d. h. soweit er auf europäischen Schiffen und in den dreißig offenen Vertragshäfen sich abwickelt. Welche Unmassen ausländischer Waren in den anderen Häfen des Reiches und in den 21000 chinesischen Schiffen mit acht Millionen Tonnen Gehalt dazu kommen, entzieht sich der Beurteilung; der Gesamtwert des Außenhandels kann aber jährlich nicht geringer sein als anderthalb Milliarden Mark.

Wohl kann dieser Außenhandel in dem einen oder anderen Jahre durch außergewöhnliche Ursachen, wie Kriege oder geschäftliche Krisen in Europa, durch Währungsschwankungen oder vor allem durch Kriege, Revolutionen und dergleichen in China selbst zeitweilig eine Verminderung erfahren; er wird aber im ganzen und großen stetig zunehmen, und diese Weiterentwicklung zu hemmen, haben weder die reaktionären Mandarine, noch die Regierung die Macht. Ein Blick in die Vergangenheit eröffnet dem Auge auch die Zukunft. Wie lagen die Verhältnisse in China noch vor sechs Jahrzehnten, zur Zeit des berühmten Opiumkrieges? Das Innere Chinas war jedem Europäer verschlossen, und in den wenigen Häfen, in denen sie sich aufhalten durften, waren sie den strengsten, mitunter schmachvollen Beschränkungen unterworfen.

Wäre es damals jemandem eingefallen, zu prophezeien, daß fünfzig Jahre später europäische Großstädte auf chinesischem Boden stehen würden, daß die Flüsse von europäischen Dampfern befahren, Eisenbahnen, Telegraphen das Land durchziehen würden, man hätte ihn für verrückt gehalten. Die Wirklichkeit von heute übertrifft sogar solche Prophezeiungen; dreißig seiner größten und wichtigsten Häfen sind europäischen Kaufleuten und Ansiedlern erschlossen, aus Shanghai und Hongkong sind europäische Großstädte geworden, in denen man mit derselben Sicherheit und Bequemlichkeit wohnt, als lägen sie in Europa. Telegraphenlinien verbinden die Hauptstadt mit den Provinzen, Kabel die Inseln mit dem Festlande; zwischen Tientsin und Shanghaikwan, Tientsin und Peking, Shanghai und Woosung u. s. w. verkehren Eisenbahnzüge. Die einzelnen Küstenpunkte von Tongkin bis hinauf in die Mandschurei sind durch regelmäßige Dampferlinien unter fremden Flaggen miteinander verbunden; auf den Hauptflüssen verkehren europäische Dampfer, und die Hauptwasserstraße des chinesischen Reiches, der Jangtsekiang, ist eine Hanptverkehrsstraße des europäischen Handels geworden bis hinauf gegen die tibetanischen Grenzdistrikte für Handelsschiffe aller Flaggen, vornehmlich auch der deutschen Flagge. Das so lange verschlossene sagenhafte Peking ist heute der Sitz der europäischen Gesandten, die mit den höchsten Beamten des Riesenreiches verkehren und von dem Kaiser in seinem eigenen Palaste empfangen werden. In Peking befinden sich Kirchen, Klöster, Schulen und Universitäten, die letztern chinesische Unternehmungen, aber mit europäischen Lehrkräften. Die Armee hat europäische Instruktoren, moderne Arsenale stehen unter europäischer Leitung, ebenso der ganze Telegraphen-, Post- und Zolldienst mit Beamten, welchen die höchsten chinesischen Auszeichnungen verliehen worden sind. Wer hätte das vor dreißig oder vierzig Jahren zu hoffen gewagt?

Die Wirren der letzten Zeit sind vorübergehend, die Kugel ist einmal ins Rollen gekommen und, wie gesagt, nicht mehr aufzuhalten. Der Aufstand gegen die Fremden und ihre Kultur, welche sie dem alten China bringen wollen, scheint wie ein letztes Aufraffen der Reaktionäre, der alten Partei der Mandarine und Litteraten, der Geheimgesellschaften und des von ihnen abhängigen Gesindels, zusammen immer noch bedeutend genug, daß die schwache Regierung sich ihnen nicht wiedersetzen konnte. Ihnen gegenüber steht aber eine ganz bedeutende Partei von aufgeklärten Leuten, welche in den offenen Häfen oder in Singapore, Hongkong, Batavia moderne Bildung und Kultur kennen gelernt haben, dann der ganze großenteils vom Auslande abhängige Kaufmannstand in den Handelsstädten. Dazu kommen auch zahlreiche Mandarine und ein großer Teil des gebildeten Teils des Volkes. Wenn diese nicht offen für die Erschließung des Reiches eintreten, so ist es teils aus Furcht vor der Regierung einerseits, die ihre Absichten niemals klar und offen zum Ausdruck bringt, und vor den Geheimgesellschaften anderseits, welche fremdenfreundlichen Mandarinen gleich mit dem Mordstahl zu Leibe gehen. Ich habe in den verschiedenen Städten des Innern mit Hunderten von Mandarinen und anderen aufgeklärten gebildeten Leuten gesprochen und aus ihren Aeußerungen diesen Eindruck gewonnen. Dazu kommt noch bei ihnen die Furcht, daß durch die Eröffnung des Reiches die politische Selbständigkeit desselben verloren gehen könnte. So gern sie die europäischen Industrien verwerten möchten, sie haben doch eine ganz ausgesprochene Vaterlandsliebe, die in dem Grundsatz gipfelt: „China für die Chinesen”. Ich hatte Gelegenheit, Einblick zu bekommen in die Berichte, welche seitens der Zentralregierung von den Provinzgouverneuren über die projektierten Eisenbahnen eingeholt wurden. In diesen Berichten kommen Aeußerungen vor, wie: „Zum Bau der Bahnen können wir chinesisches Material benutzen, zur Ausführung von Arbeiten können Leute aus unserem Volke herangezogen werden. Die Gehälter der etwa in Dienst zu stellenden Europäer würden doch nur einen beschränkten Betrag ausmachen” .... „Das nötige Eisenbahnmaterial vom Auslande zu beziehen, wäre zu umständlich und kostspielig. Unser Eisen ist für Schienen ganz geeignet. Wenn sie auch vielleicht teurer zu stehen kämen, so wären sie doch unsere Landeserzeugnisse”.... „Nur für die erste Strecke würde ich empfehlen, Eisenmaterial aus dem Auslande zu beziehen, bis die Hochöfen und Hüttenwerke für die Fabrikation unserer Schienen fertig sind. Dann sollte lediglich einheimisches Eisen verwendet werden, damit die Entwicklung des Eisenbahnnetzes unserer eigenen Industrie zum Vorteil gereiche”.... „Wir sollten für den Eisenbahnbau keine ausländischen Gelder aufnehmen, sondern ebenso wie die chinesische Dampfergesellschaft dreißig Millionen Taels im Inlande aufgebracht hat, eine inländische Anleihe aufnehmen. Eurer Majestät möchte ich das allerunterthänigste Gesuch unterbreiten, alle Anträge, die fremde Anleihen bezwecken, kurzweg abzulehnen, um das Unwesen der ausländischen Banken und Geschäftsvermittler, dieses Ratten- und Heuschreckenungeziefers, das uns aufzehrt, zu vermeiden”... „Wollen wir Bahnen bauen, so müssen wir uns die Erbauer aus unserem eigenen Volke durch Schulen und ausländische Lehrer selbst heranziehen”.... „Wir wollen fremdes Kapital und fremde Arbeit von unseren Eisenbahnunternehmungen ausschließen”....

In diesen Gutachten sprechen die Provinzgouverneure auch die Ueberzeugung aus, daß die Eisenbahnen dem Handel und Wohlstand der Chinesen förderlich sein und überdies die Ausländer von diesem Handel verdrängen werden. Das zeigen unter anderen folgende Stellen in den Berichten: „Der Handel, der jetzt auf fremden Schiffen erfolgt, würde wieder den Landweg einschlagen und den Fremden den Gewinn wegnehmen zu gunsten unserer Bevölkerung. Wenn aber den Fremden kein Gewinn mehr bei uns in Aussicht steht, so werden sie die Sache bald aufgeben und nach Hause zurückkehren”... „Eure Majestät würden durch die Eisenbahnen und die durch sie wachsende Ausfuhr chinesischer Erzeugnisse den Staat und die Nation auf eine sichere Grundlage stellen und nicht den fremden Händlern ein Mittel zum Wettbewerb und zu größerem Gewinn verschaffen”... „Eisenbahnen fördern den Handel, die Maschinen, die Industrie; durch sie wird man die Erzeugnisse des Landes aus entfernten Gegenden zu versenden im stande sein. Die Eisenbahnen sollen uns helfen, durch Eröffnung der verschlossenen Quellen unserer Reichtümer die Verluste wieder gut zu machen, welche wir durch die Ausfuhr unseres Kapitals erlitten haben.”

Wie man sieht, wird in diesen Berichten der Fremdenhaß, welcher die Chinesen kennzeichnet, auch durch die höchsten Reichsbeamten in offizieller Weise zum Ausdruck gebracht. Fremdenhaß ist die bisherige Richtschnur der ganzen Beziehungen Chinas zum Auslande gewesen; nur in geringem Grade bei der Landbevölkerung vorhanden, steigt er mit den höheren Gesellschaftsklassen und wird zum Fanatismus bei den Litteraten, sowie bei der Mehrzahl der Machthaber. Er liegt auch den ganzen jüngsten Unruhen zu Grunde und ist, wenn man die Sache mit kaltem Blute betrachtet, begreiflich. Man denke sich doch in einem europäischen Reiche die wichtigsten Häfen in chinesischem Besitz und den dortigen Welthandel in chinesischen Händen; man denke sich chinesische Dampfer auf den europäischen Hauptströmen, Eisenbahnen, industrielle Anlagen mit chinesischem Kapital gebaut, durch Chinesen verwaltet, in den Hauptstädten chinesische Missionare, den unteren Volksklassen von Buddha und Confucius erzählend, und alles das unter dem Schutze chinesischer Gesandten in den Hauptstädten der europäischen Reiche, mit chinesischen Kanonen und Kriegsschiffen an den Grenzen, welche alle Begehren der Gesandten unterstützen. Gewiß würde sich der Haß gegen die chinesischen Eindringlinge ganz gewaltig regen, und man würde alles einsetzen, um sie wieder hinauszuwerfen. Nun dünken sich die Chinesen auf einer viel höheren Kulturstufe, als die der Europäer; sie sind stolz auf ihre uralte Zivilisation, die sich Jahrtausende lang bewährt und alle anderen überdauert habe. In ihrem Dünkel betrachten sie die Fremdlinge als ebenso „minderwertige” Wesen, wie wir die Chinesen betrachten, und hegen ihnen gegenüber denselben Haß, den wir gegen sie empfinden würden, wenn sie unsere Heimatländer kommerziell ausbeuten würden.