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Niigata

10.

Unter diesen etwas über 4000 Ausländern befinden sich 2100 Engländer, 1000 Amerikaner, 600 Deutsche und 500 Franzosen.

Wenn man berücksichtigt, daß mehr als die Hälfte dieser Ausländer christliche Missionare sind und daß von den übrigen 2000 wieder mehrere hundert im diplomatischen Dienst ihrer Heimatsländer oder im Dienst der japanischen Regierung stehen, so bleiben im ganzen etwa tausend Europäer, welche in Japan als Kaufleute thätig sind.

Das wichtigste Emporium des europäischen Handels mit Japan und gleichzeitig die größte europäische Ansiedelung im Reiche des Mikado ist Yokohama. Die großen Dampfergesellschaften, welche den Verkehr zwischen Europa, Ostasien und Amerika mit Japan vermitteln, darunter auch der Norddeutsche Lloyd, lassen ihre Schiffe hier anlaufen. Yokohama ist das große Thor nicht nur für den ausländischen Warenverkehr und die Touristenwelt, sondern auch für die Japaner selbst: es ist der Hafen der Reichshauptstadt Tokio und durch seine große Nähe beinahe nur ein Vorort der letztern. In gesellschaftlicher Hinsicht bilden Yokohama und Tokio nur eine Stadt. An größern Festlichkeiten in der einen Stadt nehmen die Europäer der andern gewöhnlich teil, und zwischen beiden herrscht das ganze Jahr über reger Verkehr.

Wer auf einem der großen Passagierdampfer des Norddeutschen Lloyds von China aus oder mit den Prachtschiffen der kanadischen Pacificgesellschaft von Nordamerika aus sich dem Hafen von Yokohama nähert, der wird von dem europäischen Leben dort vor der Hand nichts gewahr. Beim Anblick der malerischen Pracht der Seeküsten dieses ostasiatischen Inselparadieses, der Fremdartigkeit des Schiffsverkehrs auf der tiefblauen, mit zahlreichen, seltsamen Eilanden gespickten Meeresfläche glaubt er sich nach der langen einförmigen Seefahrt eher einem anderen Planeten zu nähern, als dessen erstes Wahrzeichen er bei klarem Wetter den wunderbaren Schneekegel des heiligen Berges der Japaner, des Fudschiyama, erblickt. Scharf hebt sich die den größten Teil des Jahres mit Schnee bedeckte Vulkanspitze von dem italienischen Himmel ab, der mich in seiner Eigenart und Majestät an einen anderen Bergriesen in der westlichen Hemisphäre erinnerte, an den gewaltigen Orizaba in Mexiko. Wie dieser, so weist auch der Fudschiyama mit seinem Schneekegel den Seefahrern leuchtend den Weg. Bald nachdem er über dem Horizont erschienen, zeigt sich gegen Osten ein zweiter mächtiger Vulkan, der stets qualmende Oschima auf der Vriesinsel. Dann kommen die ungemein malerischen Küsten der Bai von Tokio in Sicht, der Dampfer kreuzt die Mississippibucht mit ihren steilen, bewaldeten, malerisch geformten Felsen und geht endlich im Angesicht von Yokohama mitten zwischen Hunderten von Schiffen aller Art, von den größten fremdländischen Kriegsdampfern bis zu den winzigen japanischen Sampans, etwa einen Kilometer weit vom Lande vor Anker. Wie das Theaterschiff im dritten Akt von Meyerbeers „Afrikanerin”, ist auch unser Dampfer bald von fremdartigem, dunkelhäutigem Volke erobert, das aber nicht gekommen ist, um den friedfertigen Seefahrern den Garaus zu machen, sondern mit freundlichem Grinsen in der höflichsten Weise den Kulis Adressen von Hotels, Schneidern, Schustern und Kuriositätenhandlungen zu überreichen. Die drei vornehmsten Hotels von Yokohama holen glücklicherweise die Passagiere in eigenen Dampfbarkassen ab, und ihre Angestellten überheben sie der Sorge um ihr Reisegepäck. Auf der ganz europäisch eingerichteten Landungspier stehen wie bei uns die Droschken, Dutzende von Kurumas, bequeme einsitzige Fauteuils auf Rädern, bereit, und ein Kuli, der Kutscher und zweibeiniges Zugtier zugleich ist, bringt uns in raschem Lauf auf einer durchaus europäischen Straße nach dem ebenso europäischen Grand Hotel.

Was den Reisenden in Yokohama gewiß zunächst auffällt, ist die Abwesenheit von all den unangenehmen, lärmenden und schmutzigen Zuthaten unserer europäischen Häfen. Nirgends die hohen, düstern Warenhäuser, die rauchenden und pustenden Lokomotiven, kreischenden Dampfkräne, Schienengeleise, Frachtwagen, schmutzigen Hafenstraßen mit ihrem internationalen Verkehr, ihren Matrosenkneipen und Kramläden. Yokohama zeigt sich von der See aus eher wie eines unserer fashionablen Seebäder, Ostende oder Norderney, als wäre es gar nicht eine der wichtigsten Hafenstädte und Warenzentren eines großen Kontinents, sondern nur eine Villeggiatur wohlhabender Europäer, die sich hier wie etwa an der Riviera der herrlichen Natur und des gesellschaftlichen Lebens erfreuen wollen. Tausende von Globetrottern und Weltreisenden, vergnügungssüchtigen reichen Amerikanern und Engländern ziehen hier das ganze Jahr über aus und ein; Hunderte von europäischen Ansiedlern in Ostasien, hauptsächlich aus Shanghai, Hongkong, ja aus Bangkok und Singapore bringen den Sommer mit ihren Familien in Japan zu, und Yokohama ist der wichtigste Landungsplatz, der Verteilungspunkt all dieses fashionablen Verkehrs.

Der Nankotempel zu Kobe.