In das einförmige, ärmliche Straßengewirr von Tokio ist in den letzten Jahren etwas Ordnung gebracht worden. Den japanischen „Haußmanns” bleibt das Niederlegen ganzer Quartiere und das Durchbrechen neuer Straßen und Avenuen erspart. Diese Arbeit wird durch die zahlreichen verheerenden Schadenfeuer besorgt, die alle Jahre bald hier, bald dort ausbrechen und gleich einige tausend Häuser verzehren. Ich selbst war in Tokio Zeuge einer Feuersbrunst, die über tausend Häuser einäscherte, ohne daß darüber viel Aufhebens gemacht worden wäre. Die leichtgebauten Holz- und Papierhäuser brennen ja wie Streichholzschachteln, und ist irgendwo ein Brand entstanden, so denkt die Feuerwehr gar nicht daran, ihn zu löschen, sondern durch das Niederreißen der umstehenden Häuser nur einzuschränken. „Die Blume von Yeddo ist das Feuer”, sagt ein altes japanisches Sprichwort, und die Bewohner von Tokio sind von Tag zu Tag nicht ihrer Häuser sicher. Viele besitzen in der That die wenigen Balken und Dachgerippe für neue Häuser in Reserve. Brennt ihnen ihr Haus zusammen, so haben sie am folgenden Abend schon ihr neues Haus wieder aufgebaut.
Japanischer Tempelschrein.
Jedesmal, wenn eine Feuersbrunst ein paar Straßen oder ein Stadtviertel verheert hat, sind die Stadtbehörden zur Stelle und regulieren oder verbreitern das Straßennetz, so daß es heute doch schon einige gerade, breite Hauptstraßen giebt, durch welche sogar Pferdebahnen gelegt worden sind. Die interessantesten und belebtesten Straßen Tokios sind wohl die Ginza und Nakadori, interessant, weil sich in ihnen ein Geschäftsladen an den andern reiht, voll japanischer Produkte, Kuriositäten und Antiquitäten. Bei den Japanern herrscht noch großenteils die Sitte, daß die einzelnen Geschäftszweige in bestimmten Straßen oder Distrikten untergebracht sind, gerade so wie bei den Chinesen; aber in diesen Industrie- und Handelsvierteln sind die Häuser auch nicht größer oder stattlicher, nur haben die Japaner der Feuersgefahr insofern Rechnung tragen gelernt, daß sie kostbarere Waren in gemauerten Häuschen mit schweren Ziegeldächern und eisernen Fensterläden unterbringen.
Dieses einförmige, öde, farblose und armselige Häusermeer von Tokio wird an vielen Stellen durch kleine Hügel mit üppigem Baumwuchs unterbrochen, und zwischen den Bäumen versteckt schlummert irgend ein kleines, verschiedenen Gottheiten geweihtes Tempelchen. Was aber Tokio vor allen anderen Städten Japans auszeichnet, sind seine beiden prachtvollen Parks, der Schiba und der Uyeno, mit ihren ungeheuren, alten Kryptomerien und Kiefern, ihren langen Alleen von Aepfelbäumen, ihren lauschigen Tempelhainen und Lotosteichen. Die wunderbaren Tempel mit ihren nicht zu beschreibenden Einzelheiten von Ausschmückung und Einrichtung enthalten nicht nur die Gräber der Schogune, sie enthalten auch das Grab der altjapanischen Kunst. Wohl hat Tokio dafür moderne Hochschulen, Hospitäler, Bibliotheken, Museen, Arsenale, Fabriken erhalten, mit denen sich die Japaner heute brüsten, aber all das sind fremde Errungenschaften, die sie sich angeeignet haben. Ihr altangestammtes Eigentum, ihre Schöpfung, das Ergebnis ihrer Liebe und ihres Verständnisses für die Natur war ihre Kunst, die so herrliche Blüten getrieben hat; diese haben die Japaner ohne eine Thräne des Bedauerns geopfert, im Austausch für die modernen Wissenschaften der alten Welt hergegeben. Wer diese Tempelhaine durchwandert, die hohen, eigentümlichen Thorbogen durchschreitet, die langen Reihen steinerner und bronzener Opferlaternen passiert, von alten Daimios dem Andenken der Schogune gewidmet, und endlich die heiligen Grabtempel und den Göttern geweihten Hallen betritt, der empfindet neben rückhaltsloser Bewunderung auch jenes tiefe Bedauern für das Dahinschwinden einer großen Kultur, für welche der moderne Japaner kein Verständnis, kein Gefühl zu haben scheint.
Aber es giebt in Tokio noch ein Stück unverfälschten Japans, das die gütige Vorsehung auch noch recht lange zur Freude aller morgen- und abendländischen Besucher erhalten möge: jenseits des herrlichen Uyenoparks, zu Füßen der von gewaltigen Kryptomerien gekrönten Hügel dehnt sich jene eigentümliche Ausgeburt japanischer Sitten, die Yoschiwara mit ihren der Venus gewidmeten Freudenhäusern aus, und dicht daran schließt sich das Quartier von Asakusa, das sehenswerteste der ganzen Hauptstadt des Mikadoreiches. Ein vielstöckiger Steinturm, der schon so manches verheerende Erdbeben überstanden hat, bildet das Wahrzeichen von Asakusa, wenn nicht von Tokio selbst. Rings um diesen Turm liegen in großen Hainen die stattlichsten Tempel der Stadt, der Hongwanji und der der Gnadengöttin Kwannon geweihte Buddhistentempel von Sensodschi. An diesen merkwürdigen Gebäuden mit ihren absonderlichen Göttergestalten, Inschriften, Bildern und zahllosen Andächtigen hat sich der Ansturm der amerikanischen Baptisten-, Methodisten-, Unitarier-, Presbyterianer- und sonstigen Missionare doch gebrochen, ebenso wie der Ansturm der fanatischen Umstürzler mit ihren europäischen Reformen. Rings um diese Tempel liegt der Wurstlprater von Tokio mit zahllosen Schaubuden, Theehäusern, Theatern, Verkaufsständen, stets belebt, besonders aber an den zahlreichen Festtagen, wenn viele Tausende grotesk geputzter Japaner mit ihren Frauen, mit Musmis und Kindern dort hinauspilgern und Volksfeste abhalten, die in ihrer Eigenart dem Europäer entschieden interessanter sind als der Abklatsch europäischer Universitäten, Arsenale, Pferdebahnen und Gasanstalten, mit denen die modernen Japaner gerade dem Europäer gegenüber so gerne prunken.
Jimmu Tenno, der Stammvater des japanischen Herrscherhauses.