Der Thronfolger Prinz Joschihito Harunomiya, ein Sohn des Kaisers und der Frau Yanagiwara, im Jahre 1879 geboren, wird als sehr aufgeweckt, energisch und ehrgeizig geschildert. Er erhielt seine Erziehung in der ganz nach europäischen Vorbildern geleiteten Adelsschule, und sollte seine schwächliche Gesundheit ihm je gestatten, den Thron seiner Väter zu besteigen, so dürften noch weitere europäische Reformen in Japan zu gewärtigen sein. Soweit das japanische Staatshandbuch es angiebt, ist er heute der einzige lebende Sohn des Kaisers, aber das Aussterben der kaiserlichen Familie ist deshalb keineswegs zu befürchten, denn es bestehen neben dieser noch neun Nebenlinien, deren Häupter kaiserliche Prinzen sind und Zivillisten in der Höhe von zehn- bis dreißigtausend Yen beziehen.
Die Asakusapagode zu Tokio.
Die vornehme Gesellschaft.
Im heutigen Japan ist von dem alten Glanze der Kugefamilien, von der Pracht der Daimios, wie sie in früheren Werken über das Inselreich des Mikado geschildert werden, gar nichts mehr zu finden. Mit dem Jahre 1871 fand die Feudalherrschaft in Japan, welche achthundert Jahre lang gewährt hatte, ihr Ende. Ein Federstrich ließ sie verschwinden, als wäre sie nichts weiter gewesen als Staub, im Laufe der Jahrhunderte angesammelt. Der uralte Hofadel ebenso wie die Duodezfürsten des Landes gaben in vielen Fällen ganz freiwillig ihre Länder, ihre Güter, Reichtümer und Einkünfte auf und wurden getreue Unterthanen ihres seit sechsundzwanzig Jahrhunderten regierenden Herrscherhauses. Keine Klasse der Bevölkerung nahm die Reformen, welche der Kaiser dekretierte, williger an als gerade der Adel, und keine hat sich so rasch in die europäischen Sitten und Gebräuche, wie sie heute wenigstens äußerlich am japanischen Kaiserhofe bestehen, eingewöhnt.
Welche Opfer dieser uralte Adel des Reiches dem Vaterlande gebracht hat, kann man ihrer wahren Größe nach erst beurteilen, wenn man den Einfluß und die Machtstellung der einzelnen Familien in früheren Zeiten kennen gelernt hat. Wohl kaum irgend ein Adelsgeschlecht Europas kann auf so zahlreiche Ahnen zurücksehen wie eine ganze Reihe der japanischen Kugefamilien, von denen einzelne ihre Abstammung bis in das sechste Jahrhundert vor Christi Geburt zurückführen. Die berühmteste Adelsfamilie Japans, die Fujiwara, stammen beispielsweise von einem Diener des Großvaters von Jimmu Tenno, dem Gründer der japanischen Kaiserdynastie, ab und sind seit mehr als 2600 Jahren mit den Geschicken der japanischen Nation auf das innigste verflochten. Andere, wie die Sugawara, die Taira und Minamoto, wenn auch viel jünger als die Fujiwara (zu deutsch Glycinenfeld), sind doch älter als alle europäischen Herrscherfamilien, und ihre Ahnen nahmen fast durchgehends die höchsten Stellen im Reiche ein. Von den heute noch bestehenden 155 Kugefamilien leiten 95 mehr oder minder direkt ihre Abstammung von den Fujiwaras ab, alle aber sind mit der Kaiserfamilie verwandt, und eine große Zahl dieser Familien des Hofadels haben kaiserliche Prinzen zu ihren Stammvätern. Gewöhnlich waren es Söhne des Kaisers mit Konkubinen, welche eigene Namen annahmen und eigene Familien gründeten; ihre Söhne erhielten dank ihrer innigen Verbindung mit dem Kaiserhause einträgliche Aemter, und fast in jeder Familie ist eines oder das andere erblich geblieben. Die Mehrzahl der Aemter hatten die Fujiwara an sich gerissen, und sie verstanden auch, dieselben jahrhundertelang in ihrem Besitze zu erhalten. Im siebenten Jahrhundert waren sogar alle Hofämter und die Mehrzahl der Gouverneurstellen in den Provinzen in ihren Händen. Gerade so wie ich es in meinem Buche „Korea” bezüglich der mächtigen Familie der Min geschildert habe, bildeten auch die Fujiwara einen undurchdringlichen Ring um den Mikado, der nichts weiter als ihr willenloses Werkzeug war. Wie die Min in Korea gewohnt sind, aus den Reihen ihrer Töchter eine Gattin für den König auszusuchen, um dadurch ihren Einfluß auf diesen zu sichern, so waren auch in Japan Jahrhunderte hindurch die Kaiserinnen stets Töchter des Hauses Fujiwara, und noch die in Tokio residierende Witwe des verstorbenen und Mutter des regierenden Kaisers entstammt diesem allmächtigen Hause. Wie Parasiten wanden sie sich um den Herrscherstamm und saugten an seinem Safte, sich selbst stärkend, indem sie ihn schwächten. So ging allmählich die ganze Macht der Mikados in die Hände des Hofadels über; den Kreisen der letzteren entstammten die Schogune bis auf die letzte Zeit, und sie, nicht die Kaiser, waren die eigentlichen Regenten und Herren des Landes.
Neben diesen Kuge oder dem Hofadel bildete sich in den Provinzen von Japan, sowie bei uns, allmählich ein Landadel heraus. Wohlhabendere Bauernfamilien vermehrten ihren Grundbesitz durch Erbschaft und Heiraten, ihre Stellung und ihr Ansehen aber durch einzelne tapfere Familienmitglieder; die fortwährenden Räubereien veranlaßten minder zahlreiche, minder wohlhabende Familien, bei ihren reichen und mächtigeren Nachbarn Schutz zu suchen; Aufstände und Unruhen in verschiedenen Teilen des Reiches zwangen die Regierung, diese Familien zur Unterdrückung derselben in Anspruch zu nehmen, und zu Beginn des siebenten Jahrhunderts wurden ihnen für ihre Dienste kaiserliche Vorrechte zu teil, sie erhielten Beamtenposten in der Provinz oder an den Grenzen des Reiches. Die Kaiserin Suiko erließ im Jahre 603 ein Dekret, demzufolge jedem Beamtenposten eine entsprechende Adelsstellung gebühre, und so entwickelten sich allmählich in den Provinzen adelige Familien, die an der Spitze ganzer Distrikte oder Clans standen, wie es noch heute beispielsweise in Schottland der Fall ist. Die Häupter dieser Familien sind die Daimios, zu deutsch „große Namen”, deren es bei dem Zusammensturz des alten Feudalsystems in den siebziger Jahren etwa dreihundert gab.