Der neue Ankömmling und sein Name wird in dem Verwaltungsamte des Distriktes registriert, darauf folgt ein Festmahl von Reis mit roten Bohnen, und die Taufe ist vollzogen. Ein wichtiger Akt an diesem Tage ist auch das Rasieren des Kindesschädels. Das zarte, flaumige Kopfhaar verfällt dem Rasiermesser mit Ausnahme eines kleinen Schöpfchens am Scheitel. Je nach der Laune der zärtlichen Mama bleiben auf dem Schädel ihres jüngsten Sprößlings auch mehrere derartige Schöpfchen oder ein schmaler Kranz oder sonstige willkürliche Haarfiguren stehen, die den japanischen Kindern ein ungemein possierliches Aussehen geben. Erst wenn sie alt genug sind, um die Schule zu besuchen, läßt man ihnen die Haare stehen.
Begrüßung des Neugeborenen.
Dreißig Tage nach der Geburt erhalten die Kleinen ihre religiöse Weihe dadurch, daß sie in großer Familienprozession in einen Shintotempel getragen und dort unter den besonderen Schutz eines der Götter gestellt werden. An diesem Tage pflegen die glücklichen Eltern auch die vielen Geschenke, die ihrem Jüngsten bei der Geburt dargebracht wurden, zu erwidern, indem sie jedem Geber etwas Reiskuchen oder Eier oder sonst dergleichen senden, begleitet von einem höflichen Dankschreiben. Wenn man bedenkt, daß besonders in den besseren Ständen mitunter hundert oder noch mehr Geschenke einlaufen, so kann man sich die Mühen der jungen Mutter wohl vorstellen. Die Kuchen werden gewöhnlich in lackierten Holzkästchen gesendet, die aber durch den Ueberbringer wieder zurückgestellt werden müssen, wobei sich die Empfänger hüten, die Kästchen zu reinigen. Das würde Unglück über das Kind bringen.
Damit ist das ganze Zeremoniell, das mit dem Inslebentreten des Kindes verbunden ist, beendet, und es kann sich nun unbehindert seines Daseins freuen. Bei kaltem Wetter bleibt es hübsch zu Hause auf den reinlichen, weichen Matten der Wohnzimmer; Möbel giebt es in den japanischen Häusern keine, an denen es sich Löcher in den Kopf stoßen könnte; es giebt keine Glasschränke und Etageren mit allerhand Porzellan und Nippsachen, die es zerbrechen könnte; selbst die Wände des Zimmers bestehen aus weichem, auf Holzrahmen gespanntem Papier, und das größte Unglück, das die Kinder anstiften könnten, wäre, ihre Finger durch das Papier zu stoßen. Auch die Kleider können sie sich kaum beschmutzen, im Sommer tragen sie überhaupt keine, nicht das geringste Feigenblättchen. Werden sie hungrig, so nähren sie sich an dem Born der Natur, und die Muttermilch bleibt ihre hauptsächlichste Nahrung bis zum Alter von zwei bis drei Jahren.
In den besseren Ständen und in den Familien der Kuges (Fürsten) und Daimios (Adeligen) werden die Kinder in Kleider gesteckt, die ganz denselben Schnitt zeigen wie jene der Erwachsenen. Es kann nichts Possierlicheres geben als die liliputanischen Herrchen und Dämchen mit ihren glattrasierten Schädeln und den langen faltenreichen Gewändern, wenn sie, gerade so wie die Alten, tiefe Verbeugungen vor einander machen oder, kaum zwei bis drei Jahre alt, schon am Familientische teilnehmen und statt des Kinderlöffels schon die Reisstäbchen (Chop sticks) handhaben. Ankleiden können sie sich freilich noch nicht selbst, das besorgt Mama oder die ältere Schwester. Der nationale Kimono wird auf dem Boden ausgebreitet und das Kleine daraufgelegt. Dann werden ihm die Aermel auf die Aermchen gezogen, der Kimono über den kleinen Körper gefaltet und mit einer Schärpe zusammengebunden. Gewöhnlich trägt das Kind um den Hals auch ein kleines Messingschildchen mit Namen und Adresse, damit es nicht verloren gehen kann; zum besonderen Schutz gegen Unglücksfälle trägt es am Gürtel ein Kintschaku, d. h. ein Beutelchen aus kostbarem Stoff, in dem sich irgend ein Zaubermittelchen befindet. Bei kaltem Wetter werden zwei oder drei Kimonos ineinandergesteckt, und ihre Länge schützt Füßchen und Händchen.
In den armen Familien (und bei weitem die Mehrzahl der Japaner ist arm) kann man den jungen Sprößlingen nicht diese Pflege angedeihen lassen. Sie bleiben nackt oder bekommen höchstens einen Kimono. Mama hat viel zu viel im Hause, im Garten oder auf den Feldern zu thun, als daß sie sich viel mit ihrem Kindchen beschäftigen könnte; allein lassen kann sie es auch nicht, und so bindet sie es mit langen Bändern auf ihren Rücken. Ist aber ein älteres Schwesterchen da, selbst wenn es nur sechs oder sieben Jahre alt sein sollte, so wird das Kleine dem Schwesterchen aufgesattelt, und Mama kann ungehindert ihren Arbeiten nachgehen. Wo immer ich in Japan hinkam, in Städten und Dörfern, auf den Feldern wie in den Straßen, selten sah ich ein junges Mägdlein zwischen sieben und fünfzehn Jahren, das nicht ein Kindchen auf seinem Rücken getragen hätte, und der Kopf des kleinen Wesens ragte darüber hervor wie das Tüpfelchen über dem i. Es findet sehr bald Gefallen an dieser reitenden Stellung, guckt fröhlich über die Schultern des Schwesterchens in die Welt und bleibt dort Tag für Tag, Woche für Woche, bis es endlich selbst zappeln und gehen gelernt hat. Und ist es erst fünf, sechs Jahr alt geworden, so ist vielleicht wieder ein junges Brüderchen oder Schwesterchen zur Welt gekommen, dem es nun seinerseits den Rücken leihen muß.
Junge Mädchen, ihre kleinen Geschwister tragend.