Im Speisesaal gab es wenigstens Teller und Gläser, Messer und Gabeln, Tische für die Speisen, Stühle zum Sitzen und deshalb wohl der Name „europäisches Hotel”. Sogar ein Fremdenbuch war vorhanden, dem ich entnahm, daß das Hotel in den letzten drei Jahren auch von drei Deutschen besucht worden war.
Die Aussicht von der Veranda unserer etwa neunhundert Meter über dem Meere auf einem Bergvorsprung gelegenen Wohnung war entzückend; wahre Schweizerlandschaften entrollten sich vor meinen Augen, und nur die Schneeberge fehlten, um die Erinnerung an die Alpenländer vollständig zu machen. Zur Linken zieht eine dicht bewaldete Schlucht die Berge hinab bis in die Ebene, und auf dem jenseitigen Plateau gewahrte ich ein prachtvolles japanisches Schloß, ähnlich den Schlössern des Kaiserhauses oder der Schogune in Nikko oder Kioto, umgeben von wunderbaren Gartenanlagen. Das moderne Japan hat eben in den letzten zwei Jahrzehnten Leute mit noch größeren Mitteln geschaffen, und das Feenschloß von Ikao gehört dem Präsidenten der größten japanischen Dampfergesellschaft, der Nipon Yusen Keisha. Ikao selbst zieht sich von dem Murumatsuhotel, dem sich noch einige Dutzende japanischer Hotels auf dem Plateau anschließen, an der diesseitigen Schluchtwand steil den Berg hinab, und die Hauptstraße des Ortes besteht dementsprechend aus einer breiten, steilen, etwa einen Kilometer langen Treppe, zu deren Seiten sich die mehrstöckigen Holzhäuser erheben. Jedes Haus ein Hotel, jedes Hotel mit einem Bad oder Theehaus. Um das zu sehen, brauchte ich meine Veranda gar nicht zu verlassen, denn um mich herum in allen Gebäuden, allen Stockwerken waren die Papierwände, Thüren, Veranden weit geöffnet, so daß ich mitten durch bis in die jenseitigen Gebäude blicken konnte. Die Insassen betrachteten wohl mit neugierigen Augen den fremden Europäer, ließen sich aber nicht im mindesten in ihren Verrichtungen stören. Angekleidet oder ausgekleidet, beim Samisenspielen, Essen, Trinken, Arbeiten, Lesen, bei der Haartoilette oder bei noch viel intimeren Angelegenheiten zeigten sie auch nicht eine Spur von Scheu, als ob ich etwa ein Schoßhündchen oder ein Kanarienvogel gewesen wäre. Ich hätte gern irgend eine zimperliche alte Jungfer aus Deutschland unversehens im Fluge hierher zaubern mögen, um in einem dieser japanischen Hotels zu wohnen und mit den Japanern eine Badekur durchzumachen. Sie wäre wohl aus ihrer ersten Ohnmacht kaum wieder erwacht. Das wäre indessen auch unseren Badekommissären und der löblichen Sittenpolizei passiert, wenn sie mich auf meinem ersten Spaziergang durch Ikao hinab und wieder hinauf begleitet hätten. Die uralten, mehrstöckigen Häuser mit ihren vielen Veranden, Erkern, Treppen, Vorsprüngen, ihren hübschen Blumen, Lampions und Fähnchen an den Fronten und den bunten Bazars mit allerlei nichtigen Kleinigkeiten unten an der Straße nehmen sich ungemein malerisch aus, erinnern sogar entfernt an die vom Wetter schwarzbraun gefärbten Schweizer Chalets im Berner Oberland. Aber welch seltsames Leben und Treiben auf der Straße und in den Gärtchen und Bädern hinter ihnen! Unsere bildlichen Darstellungen des ersten Menschenpaares zeigen bei diesem entschieden umfassendere Bekleidung, als die verschiedenen Männlein und Weiblein hier in und außer dem Bade trugen. Nicht ein Läppchen in der Größe einer Briefmarke war an ihnen zu sehen.
Japanische Spielkarten. (In Originalgröße.)
Das stark schwefel- und eisenhaltige Wasser sprudelt in einer Wärme von 45 Grad Celsius aus einer Quelle hervor und wird dampfend und rauchend durch ein Netz von Bambusrohren den Abhang hinab in die einzelnen Bassins geleitet, die hinter und unter den Häusern liegen. Von der großen, die Straße bildenden Steintreppe führt bei jedem Hause ein Gang nach dem zugehörigen Bad, und in diesen nach allen Seiten offenen Bassins ergötzt sich die Badegesellschaft, Greise und junge Männer, alte Mütterchen und ehrbare Jüngferchen, alle durcheinander, den ganzen Tag über. Nach japanischen Baderegeln werden von den Kurgästen gewöhnlich mehrere dieser heißen Bäder täglich genommen, und viele geben sich gar nicht die Mühe, zwischen den einzelnen Bädern Toilette zu machen. Haben sie ein Bad genommen, so setzen sie sich auf die vor den Häusern an der Straßenseite befindlichen Bänke oder kauern splitternackt, wie sie sind, in der Sonne auf dem Boden, rauchen ihr Pfeifchen, mustern die Passanten, spielen Karten oder Domino. Dann geht es schwupps! wieder ins Bad, und nach ein paar Wochen ist die Kur vorüber. Im Bade selbst empfangen die Damen Besucher, begrüßen einander in ehrfurchtsvollster Weise mit tiefen Verbeugungen, schäkern und lachen in der ungezwungensten Weise der Welt, wie etwa beim Karlsbader Schloßbrunnen. Trat ich in irgend einen dieser Baderäume, so warf mir die ganze fröhliche Gesellschaft wohl neugierige Blicke zu, ließ sich aber sonst gar nicht stören; die jungen Damen blieben in recht verfänglichen Stellungen auf den Holzstufen hocken, rieben sich ihre Glieder, schwammen munter in den Bassins herum, oder lagen im Wasser auf dem Rücken; einzelne, die wohl aus den geöffneten Häfen stammen und die Abneigung der Europäer gegen derartige Schaustellungen kennen mochten, hielten allerdings ihre Hände ähnlich wie die reizvolle Venus im Kapitol, das war aber auch alles.
Die Japaner besuchen Ikao gewöhnlich in der Sommersaison, ganz wie wir unsere Bäder, und bringen nicht nur ihre Familien mit Kind und Kegel, sondern auch ihr Bettzeug, Wäsche, Geschirre und dergleichen, dazu auch zu ihrer Erheiterung Gaishamädchen mit, je nach ihren Mitteln und Neigungen. Die Hotels sind in drei Klassen eingeteilt; die Preise in den Hotels erster Klasse für Zimmer und Nahrung betragen pro Person und Tag etwas über eine Mark. Freilich kennt die japanische Küche keine Fleischspeisen, und die Hotelgäste erhalten morgens nur Reis und etwa Bohnensuppe, mittags wieder Reis mit frischem oder gesalzenem Fisch, dazu Gemüse, Wurzeln, Mehlspeise und Früchte, abends natürlich wieder Reis, Fischsuppe und dergleichen. Dazwischen Thee à discrétion. Die Preise in den Hotels zweiter Klasse belaufen sich auf etwa achtzig Pfennige, in jenen dritter Klasse auf etwa fünfzig bis sechzig Pfennige, alles inbegriffen. Die Bäder sind dazu in allen Hotels frei, und nur wer in den Hotels erster Klasse ein Einzelbad nehmen will, muß dafür eine kleine Vergütung entrichten.
Die Umgebung von Ikao ist reich an herrlichen Spaziergängen; vor allen zu erwähnen ist jener den rauschenden, mit heißem ockergelben Wasser gefüllten Yusawabach entlang, stromaufwärts nach dem Badeorte Yumoto, oder der nach dem idyllischen Harunasee oder auf den steilen, aber aussichtsreichen Vulkankegel des Somayama. Noch besuchter sind die für skrophulöse Personen besonders heilkräftigen Bäder von Kusatsu, eine Tagereise von Ikao mitten in der herrlichen Gebirgsregion des zentralen Japan gelegen, mit nahezu siedeheißen Eisen-, Arsenik- und Schwefelquellen. Selbst die Japaner, die sich so gern im Wasser krebsrot brühen lassen, verläßt der Mut, wenn sie vor den dampfenden Bassins des Hauptbades von Kusatsu, Netsu-no-yu, stehen, und es bedarf einer von der Regierung angeordneten, halb militärischen Disziplin, um sie zum Bade zu bewegen. Der Murray von Japan sagt darüber: „Ein Hornsignal ruft bald nach Tagesanbruch so viele Kurgäste, als das Bad fassen kann, zusammen. Jeder Kurgast ist mit einem hölzernen Schöpflöffel bewaffnet, und auf Befehl des Bademeisters begießt sich zunächst jeder mit hundert Schöpflöffeln voll Wasser, um Kongestionen zu verhindern. Wärter passen dabei wachsam auf, denn zuweilen kommen Ohnmachtsanfälle vor. Während des folgenden, dreieinhalb bis vier Minuten dauernden Bades singen Bademeister und Kurgäste einen höchst merkwürdigen Chorgesang, um sich gegenseitig Mut einzuflößen. Nach Ablauf von etwa einer Minute schreit der Bademeister laut: ‚Noch zwei Minuten‘, und die Badenden, denen die kurze Zeit bei der brennenden Hitze des Wassers wie eine Ewigkeit vorkommt, antworten im Chor: ‚Noch zwei Minuten‘. Ebenso wird nach Ablauf der zweiten Minute ‚noch eine Minute‘, dann ‚noch eine halbe Minute‘ gerufen und jedesmal und immer freudiger von den Badenden beantwortet. Endlich ruft der Bademeister ‚fertig‘, worauf die ganze Menge nackter, brennrot gebrühter Körper über dem Wasser erscheinen und das Bad mit einer Schnelligkeit verlassen, die jeden, der ihrem langsamen, zögernden Eintritt beigewohnt hat, in Erstaunen versetzt. Bald darauf wird das Hornsignal neuerdings geblasen, und eine andere Reihe von Badenden unterzieht sich derselben Prozedur.” Die gewöhnliche Badekur in Kusatsu erfordert hundertzwanzig Bäder, die auf den kurzen Zeitraum von vier Wochen verteilt sind, und man kann sich also vorstellen, daß dieselbe nicht dasselbe Vergnügen gewährt wie jene in Ikao.
Ueber das exponierte, gemeinschaftliche Baden der beiden Geschlechter braucht man in Europa nicht erschreckt die Hände zu falten. War es doch in den europäischen Bädern vor gar nicht vielen Generationen allgemein gebräuchlich. Als ich in den öffentlichen Bädern der japanischen Hauptstädte und Badeorte das seltsame, ungenierte Treiben beobachtete, kam mir zuweilen ein großes Oelgemälde in den Sinn, das im historischen Museum zu Basel hängt und ein Bad in dem altberühmten Baden in der Schweiz darstellt. Gerade so splitternackt wie die Japaner von heute tummeln sich auch hier Männer, Frauen und Mädchen ganz toll in dem gemeinschaftlichen Bassin umher, lachen, schäkern recht verfänglich mit den Männern, ja noch mehr: mitten im Bassin stehen auf einem großen Tische gefüllte Weingläser, und eine fröhliche Gesellschaft giebt sich während des Badens einem Trinkgelage hin. Freilich stammt das Bild aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts.
Hauptstraße der Badestadt Ikao.