Tempellaterne des Schogun Iyeyasu.

Seine Nachfolger ließen ihm dort eine der herrlichsten Grabstätten bauen, und das kaiserliche Haus, dem Iyeyasu so unvergängliche Dienste geleistet hat, konnte ihn nicht besser ehren, als indem es den verstorbenen Staatsmann und Helden, den Einiger des Reiches, unter die Zahl der Götter versetzte und ihm den Titel „Hoheit des ersten Ranges, Licht des Ostens, erhabene Verkörperung Buddhas” verlieh. Dies geschah im Jahre 1617, und seither ist Nikko der berühmteste und heiligste Wallfahrtsort der Japaner geworden. Die Tempel aber, die dort zu Ehren Iyeyasus gebaut worden sind und zu denen Kaiser, Fürsten und das Volk selbst während Generationen beigetragen haben, sind die herrlichsten Werke der japanischen Kunst, die ja gerade zur Zeit Iyeyasus ihre höchste Blüte erreicht hat. So hat der Cäsar Japans in der That auch noch nach seinem Tode Wunder gewirkt; er hat den Künstlern des alten Japan zu ihren erhabensten Leistungen Anlaß gegeben, und ihm ist es zu danken, daß wir heute noch so viel von dieser größten Glanzperiode der japanischen Kultur bewundern können. Die Künstler haben diese Tempel nicht nur Iyeyasu, sie haben dieselben auch sich selbst errichtet.

Mit Bedauern bestieg ich in Utsunomiya, am Fuße des Nikkodistriktes gelegen, den prosaischen Eisenbahnzug, der mich und eine ganze Menge von europäischen Touristen an einem heißen Augusttage hinaufführen sollte in die Berge; mit Bedauern deshalb, weil der bisherige Weg unendlich viel reizvoller und großartiger war als diese in der Sonne glänzenden und blitzenden Schienenstränge, die, wo immer sie auch liegen mögen, dem europäischen Reisenden den Gedanken einflößen, sie führten nach Europa. Sie sind die gewaltigsten Zerstörer alles Ursprünglichen, Eigenartigen; wie ungeheure Lanzetten stechen sie in die fremden Kulturen, und in die so entstandenen Wunden dringt die abendländische Alltagswelt. Neben unserer Bahn, bald näher, bald ferner, führte der altjapanische Weg hinauf zum Grabe Iyeyasus, seiner ganzen, über fünfundzwanzig Kilometer betragenden Länge nach von den großartigsten Kryptomerien beschattet. Wie gewaltige Türme ragen diese stolzen Nadelbäume aus der Ebene; ein einziger allein würde Aufsehen erregen, und es sind deren viele Tausende, vor Jahrhunderten gepflanzt von einem Pilger, der zu arm war, um für das Grabmal des Nationalheiligen eine steinerne Opferlaterne zu kaufen. Seine Gabe ist schöner als alle Opferlaternen zusammengenommen. Zum Glück fährt die Eisenbahn nicht ganz hinauf nach dem etwa 700 Meter über dem Meere gelegenen Nikko, sondern der Rest des Weges muß in den bequemen Fauteuils auf Rädern, den Rickshaws, zurückgelegt werden. Auf dieser Rickshawfahrt rollt man zwischen den Riesenbäumen einher, die den Weg nach Nikko zu beiden Seiten einfassen und mit ihren ineinander verschlungenen Aesten wie mit dem Dach eines gotischen Domes überwölben.

Von Nikko als einem Ort zu sprechen, ist unrichtig. Nikko wird der ganze Bergdistrikt bis zu dem gewaltigen ausgestorbenen Vulkan Nantai-San genannt, dem höchsten Berge dieses Teiles von Japan. An seinem Fuße liegt der romantische, waldbekränzte See von Tschuzendschi, und diesem entströmt, auf seinem Laufe zahlreiche Kaskaden bildend, der rauschende Dayagawa. Dort, wo sich sein wildromantisches Thal erweitert, liegen zwei Dörfer, Hadschi-idschi und Irimadschi, und zwischen beiden, verborgen zwischen ungeheuren Kryptomerien, liegen die Prachtgräber der Schogune. Hadschi-idschi besteht nur aus einer einzigen, etwa zwei Kilometer langen Straße, und auf meiner raschen Fahrt schien es mir, als wäre jedes Haus ein Hotel, ein Kuriositätenladen oder ein Theehaus. Kommen doch in jedem Jahre Zehntausende von Pilgern hierher, um den Manen Iyeyasus ihre Verehrung zu bezeugen und dann weiterzuwandern nach Tschuzendschi, um dort den Nantai-San zu besteigen.

Am oberen Ende des langgestreckten, durch seine vielen Kaufläden und sein bewegtes Leben recht malerischen Dorfes liegt das große Kanayahotel, in dessen ganz europäisch eingerichteten Räumen ich gegen hundert Europäer fand. Am Abend zeigte der Speisesaal mit seinen elegant gekleideten Damen und Herren in steifer Abendtoilette ein Bild, wie man es in einem europäischen Badeorte erwarten könnte, aber nicht hier, im Herzen des alten Japan. Die hohe Lage in den Bergen, die prachtvollen Wälder, die Kühle und die Frische, die hier auch im Sommer herrscht (oder herrschen soll, denn ich vermißte sie während eines fünftägigen Aufenthalts schwer), haben Nikko zu einer Art ostasiatischer Schweiz gemacht. Wie die Japaner zu ihrem Iyeyasu pilgern, so pilgern die in Ostasien ansässigen Europäer hierher, um der unerträglichen Hitze von Tokio, Kobe, Shanghai, Hongkong, ja selbst von Singapore und Bangkok zu entgehen. Auch die fremdländischen Diplomaten von Tokio flüchten hierher, und auf den freien Plätzen zwischen den größten Heiligtümern des alten Japan wird die Andacht der eingebornen Pilger durch lärmende, rücksichtslose Cricket- und Lawntennis-Spieler gestört. Diesem ewigen Lawntennis kann man sogar hier nicht mehr entgehen.

Priesterhäuser und Thorbogen in Nikko.

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GRÖSSERES BILD]

Eine Plage in Nikko sind die unzähligen Mücken und großen schwarzen Käfer, die durch das elektrische Licht (oh heiliger Iyeyasu!) angezogen, die Zimmer und Säle des Hotels erfüllen. Um sie zu verscheuchen, zündet man auf der Windseite des Hotels am Abend große Holzfeuer an und wirft feuchtes Laub darüber, so daß die Atmosphäre zuweilen mit erstickendem Rauch geschwängert ist. Mücken und Käfer kommen deshalb durch die Hinterthüren ins Hotel.

Am nächsten Morgen war mein erster Gang hinüber zu dem von ungeheuren Kryptomerien gebildeten Hain, in welchem sich die Grabtempel Iyeyasus befinden. Zwei Brücken überspannen den wasserreichen, rauschenden Dayagawa. Die eine aus rotlackierten Balken ist gesperrt und wird nur geöffnet, wenn der Mikado in eigener Person zu den Grabtempeln pilgert, die andere ist für gewöhnliche Sterbliche bestimmt. Eine Kryptomerienallee führt jenseits des Dayagawa zu dem Tempelplateau empor. Einen schöneren Ort hätte sich Iyeyasu für seine ewige Ruhe nicht aussuchen können; eine wahre Schweizerlandschaft breitet sich hier auf beiden Ufern des Dayagawa aus, mit mächtigen, kühn emporstrebenden Bergen, ausgedehnten buschigen Wäldern, grünen Matten und rieselnden Bächen; zwischen den ungeheuren Baumstämmen der Kryptomerien hindurch gewahrte ich den oberen Teil des Thales mit dem idyllischen Dörfchen Irimatschi und ein paar europäischen Neubauten, unter denen das Nikkohotel der größte ist; näher der Tempelstraße erhebt sich inmitten eines großen Gartens ein kaiserliches Schloß, das im Sommer vom japanischen Kronprinzen bewohnt zu sein pflegt, und nicht weit davon prangt eine fünfstöckige Pagode aus rotlackiertem Holz zwischen dem Grün der Bäume. Weiter aufwärts liegen ein paar anspruchslose Gebäude für die Priester, und jenseits derselben breitet sich die mit Mauern umgebene Tempelanlage aus.