Dieser Art sind die Sätze, welche alle chinesischen Jungen auswendig zu lernen haben, ohne auch nur ein Wort davon wirklich zu verstehen, denn sie sind in der alten klassischen Sprache der Chinesen verfaßt, die von den vielen Dialekten, wie sie heute in dem ungeheuren Lande gesprochen werden, mitunter ebenso verschieden ist, wie etwa Lateinisch vom Deutschen. Der Unterricht der Chinesen beginnt also etwa ebenso, als würde man unseren des ABC unkundigen Schülern einen lateinischen Klassiker, etwa Cicero, in die Hände geben und z. B. mit dem Satz beginnen:
Homo sum; humani nihil a me alienum puto —,
wobei man ihnen sagt, wie die einzelnen Wörter ausgesprochen werden. Aehnlich hat es ja wirklich der Dichter des Verlorenen Paradieses, der blinde Milton gethan, der sich von seinen Töchtern lateinisch vorlesen ließ, ohne daß sie selbst ein Wort davon verstanden; aber sie kannten doch zum mindesten die Buchstaben und ihre Zusammensetzung zu Wörtern; nach der chinesischen Lehrmethode aber müssen die Kinder das Wort nicht nach den einzelnen Schriftzeichen, aus denen es besteht, sondern nach seinem allgemeinen Aussehen erkennen und die Aussprache wissen, ohne auch nur von einem den Sinn, die Bedeutung zu verstehen. Wie geplagt müßte ein europäischer Schriftsetzer sein, der, ohne jemals ein chinesisches Schriftzeichen gesehen zu haben, ein chinesisches Buch in Typen setzen sollte! Aber er wäre noch glücklich zu preisen im Vergleich zu den jugendlichen Söhnen des Reiches der Mitte, welche außerdem noch die Aussprache jedes dieser Tausende und Abertausende von Schriftzeichen kennen müssen.
Tausende und Abertausende von Zeichen! Mit jenen des San-tsz-king ist es nämlich lange nicht abgethan. Denn auf dieses erste Lehrbuch folgt ein zweites mit ähnlichem Inhalt und tausend Wortzeichen, von denen nicht zwei in Aussprache oder Bedeutung einander gleich sind. Das Buch stammt aus dem Jahre 550 nach Christi Geburt, also aus der Zeit der Langobardenzüge über die Alpen. Und haben die chinesischen Jungen auch dieses von Anfang bis zu Ende auswendig gelernt, so müssen sie dasselbe mit den vier Büchern und fünf Klassikern thun, welche die großen Schätze der chinesischen Litteratur enthalten.
Der dritte Band der fünf Klassiker, Lun-yü, enthält die wichtigsten Gespräche von Confucius und darunter auch das in Deutschland so viel gebrauchte Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir thut, das thue auch den anderen nicht”.
In diesen sogenannten neun heiligen Büchern befinden sich 4601 verschiedene Wortzeichen, von denen manche, wie gesagt, bis zu dreißig verschieden gestellte Striche, Punkte, Keile enthalten, wobei die falsche Stellung eines einzigen den Sinn des ganzen Zeichens ändert. Die chinesische Schriftsprache enthält im ganzen gegen 200000 verschiedene Wortzeichen, von denen jedoch die größte Zahl veraltet ist. Das große Wörterbuch von Kang-hyi enthält 44449 der gebräuchlichsten.
Erst wenn die Jungen eines dieser Bücher nach dem anderen auswendig gelernt haben, erfolgt die Erklärung des Sinnes durch den Lehrer, wobei gewöhnlich die Kommentare von Tschu-fu-tze benützt werden, welche zur Zeit der Kreuzzüge geschrieben wurden. Das ist das Um und Auf des Wissens, welches der chinesischen Jugend beigebracht wird. Mathematik, Geographie, Geschichte, Religion, ihre eigene Umgangssprache, irgend welche praktische Wissenschaften sind dem chinesischen Lehrplan absolut unbekannt, und selbst Leute, welche von den Chinesen als die größten Gelehrten angesehen werden, haben häufig nicht die leiseste Ahnung von der Lage der Kontinente, geschweige denn der einzelnen Länder. Alles, was jenseits der Grenzen des himmlischen Reichs liegt, heißt einfach Barbarei, und nur die Mandarine, welche in den offenen Häfen Dienst thun, kennen die Bedeutung, wenn auch nicht die Lage von Deutschland, England, Rußland. In all diesen Dingen, welche bei uns jedem Schuljungen der ABC-Klassen geläufig sind, herrscht eine ebensolche Unkenntnis wie etwa bei unseren ABC-Schülern über Confucius. In China giebt es keinen staatlichen Unterricht, keine Staats- oder städtischen Schulen, Schulzwang, Schulklassen, Diplome, Schulferien und Prüfungen, ausgenommen die allgemeinen Wettprüfungen für die Beamtenstellen. Aber dennoch hat jede Stadt, jedes Dorf eine bestimmte Anzahl von Privatschulen, welche gewöhnlich von durchgefallenen Prüfungskandidaten für Beamtenposten unterhalten werden. Sie erheben von den Schülern ein jährliches Schulgeld von zwei bis fünf Taels (etwa sechs bis fünfzehn Mark), was ihnen bei einer Schülerzahl von zwanzig bis vierzig ein spärliches Jahreseinkommen von hundert bis hundertundfünfzig Taels, oft auch weniger, gewährt, also ein ähnliches Schullehrerelend wie in Ländern, die uns näher liegen. In größeren Städten kommt es häufig vor, daß die wohlhabenderen Einwohner einer Straße oder eines Stadtviertels sich zusammenthun und einen eigenen Lehrer zum Unterricht für ihre Kinder nehmen, zuweilen geschieht dies auch von einzelnen reichen Familien allein, oder von kaufmännischen Zünften, welche gewöhnlich einen Raum ihres Zunfthauses oder Klubs für Schulzwecke einrichten. Auch die in China sehr ausgebreitete Wohlthätigkeit hat viele Schulen geschaffen, aber der Unterricht ist in allen derselbe. Auch in den höheren Schulen, welche in manchen Großstädten, wie z. B. in Canton, Shanghai, Tientsin, in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, giebt es keine anderen Lehrbücher; die wichtigste Fertigkeit, die dort gelehrt wird, ist der elegante Stil, die Dichtkunst und Korrespondenz; bei der letzteren kommt es aber nicht darauf an, eigene Gedanken leicht und klar niederzuschreiben, sondern die größtmögliche Zahl stereotyper Wendungen und Floskeln auswendig zu lernen, in welchen der Schreiber sich und seine Familie möglichst herabzusetzen, die Person des Adressaten in den übertriebensten Ausdrücken herauszustreichen sucht. Auch die neugegründeten Hochschulen und Universitäten in Peking, Tientsin, Nanking sind keineswegs als solche aufzufassen, doch gehen sie weiter als die gewöhnlichen chinesischen Schulen und zeigen Mathematik, Geographie, Geschichte und vor allem moderne Sprachen unter ihren Lehrfächern. Soll ein Junge in Arithmetik, in verschiedenen Künsten und Fertigkeiten ausgebildet werden, so wird er nach mehrjährigem Besuch einer der oben geschilderten Schulen zu einem Handelsmann oder Gewerbetreibenden in die Lehre gegeben. Was er ins Leben an Kenntnissen mitbringt, sind Lesen und Schreiben, aber auch das nur in beschränktem Maße, das desto größer wird, eine je größere Zahl von Jahren er in einer Schule Unterricht genossen hat. Die unteren Stände begnügen sich damit, ihre Jungen zwei, drei Jahre in die Schule zu schicken, Gärtner, Bootsleute, Kulis, Lastträger thun auch das nicht. Im allgemeinen kann man annehmen, daß etwa dreißig Prozent mindestens ihren Namen schreiben und die einfachsten Aufschriften, Firmenschilder und dergleichen lesen können, etwa zehn bis zwanzig Prozent, je nach der Provinz, können einfache Briefe schreiben, und nur vielleicht fünf Prozent beherrschen die Sprache und Litteratur einigermaßen. Sie genießen dafür aber auch bei ihren Mitbürgern das größte Ansehen.
Nach dem Buch der Gebräuche, das seit vielen Jahrhunderten von den Chinesen nach Thunlichkeit befolgt wird, soll der Knabe im siebenten Lebensjahr die Kardinalpunkte des Wissens und das Zählen lernen; aber es darf ihm nicht gestattet werden, auf derselben Matte (mit den Eltern) zu sitzen, oder an demselben Tische zu essen; im achten Jahre muß ihm gelehrt werden, Näherstehende zu bedienen und anderen vor sich selbst den Vorrang zu lassen; mit zehn Jahren muß der Knabe zu Privatlehrern in die Schule geschickt werden und dort Tag und Nacht bleiben, um Arithmetik und Schreiben zu lernen; er muß dort einfache Kleider tragen und sich anständig, aufrichtig und zweckentsprechend benehmen. Mit dreizehn Jahren soll der Knabe sich mit Musik und Dichtkunst befassen; mit fünfzehn Bogenschießen und militärische Künste lernen. Dann ist er mit zwanzig Jahren so weit, um als Mann ins Leben zu treten und noch mehr Anstandsregeln zu lernen, sowie seinen Kindes- und Geschwisterpflichten treu nachzukommen; mit dreißig Jahren soll er heiraten und die Leitung von Geschäften übernehmen; mit vierzig Jahren kann er in den Staatsdienst eintreten, und wenn der Landesfürst seine Regierungspflichten mit Weisheit erfüllt, soll er ihm treu dienen, sonst nicht. Mit fünfzig Jahren kann er zum Rang eines Ministers erhoben werden, und mit siebzig Jahren muß er sich ins Privatleben zurückziehen.
Diese Vorschriften lesen sich sehr schön, aber mit ihrer Ausführung kann es natürlich nicht sehr genau genommen werden. Immerhin steht der Lebenslauf der Chinesen trotz der einseitigen Schulbildung auf einer viel höheren Stufe, als es gewöhnlich angenommen wird. Dank ihrer guten und strengen häuslichen Erziehung und ihrer Beobachtungsgabe lernen sie zu Hause von praktischen Dingen vielleicht ebensoviel wie in den Schulen von den alten Klassikern, und das Auswendiglernen der letzteren stärkt ihr Gedächtnis in hervorragender Weise. Welch große Fähigkeiten in der jungen Welt Chinas schlummern und nur geweckt zu werden brauchen, zeigt der überraschende Erfolg und das rasche Vorwärtskommen jener, welche in den vielen christlichen Missionsschulen Chinas, in den von Europäern geleiteten Schulen in den offenen Vertragshäfen, dann in jenen der ostasiatischen Kolonien erzogen werden. Ich habe deren in Shanghai, Hongkong, Batavia und vor allem in Singapore besucht, und die Lehrer waren des Lobes voll über die Lernbegierde und das verhältnismäßig rasche Auffassungsvermögen der chinesischen Schüler. Am meisten Gelegenheit, dies zu beobachten, bietet wohl das großartig angelegte, reich ausgestattete Raffle’s Institute in Singapore, wo ich selbst mehrere Tage in den verschiedenen Klassen unter mehreren Hunderten chinesischer Schüler zubrachte. Junge Chinesen, welche in europäischen oder amerikanischen Lehranstalten ausgebildet wurden, haben ihre Lehrer in Erstaunen gesetzt und bei den Prüfungen die besten Studenten der kaukasischen Rasse in mancher Hinsicht übertroffen.